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Mit Parallel-Rennen gegen den Zuschauerschwund

Beim Weltcup von St. Moritz steht am Sonntag erstmals ein Parallelslalom auf dem Programm. Das Format wird vom Weltverband gefördert. Der Schweizer Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor äussert seine Bedenken.
Claudio Zanini
Courchevel veranstaltete in der letzten Saison den ersten Parallel-Slalom, in diesem Jahr ist St. Moritz dran. (Bild: Gabriele Facciotti/AP (Courchevel, 20. Dezember 2017))

Courchevel veranstaltete in der letzten Saison den ersten Parallel-Slalom, in diesem Jahr ist St. Moritz dran. (Bild: Gabriele Facciotti/AP (Courchevel, 20. Dezember 2017))

Der St. Moritzer Hotelier Johannes Badrutt überredete im Herbst 1864 die Sommergäste aus England, sich den Engadiner Winter anzusehen. Der sei viel schöner als derjenige zu Hause, so das Argument des Pioniers. Und sollten die Engländer nicht zufrieden sein, übernehme er selbstverständlich die Reisekosten.

Eine charmante Legende und zugleich der Grund, warum die St. Moritzer die Erfindung der Winterferien für sich beanspruchen. Der Kurort gilt als Wiege des Wintersports: 1928 und 1948 wurden hier die Olympischen Spiele ausgetragen, die alpinen Ski-Weltmeisterschaften waren viermal zu Gast.

An diesem geschichtsträchtigen Ort tragen die Frauen an diesem Wochenende einen Wettbewerb mit einer jungen Vergangenheit aus: Zum ersten Mal steht ein Parallelslalom im Programm des Weltcups von St. Moritz.

Der Weltverband FIS pusht Parallel-Events zunehmend. Mit dem attraktiven Wettbewerb will man in erster Linie Aufmerksamkeit gewinnen. Denn die Blütezeit von einst ist vorbei, der Wintersport hat zu kämpfen. Eine aktuellere Studie der Wirtschaftsprüfungsfirma PWC, die 470 Führungskräfte der Sportbranche weltweit befragte, prognostiziert dem Wintersport die schlechtesten Aussichten. Wachstumspotenzial haben andere Sparten. Spitzenreiter sind E-Sports, gefolgt von Fussball und Basketball auf Platz 2 und 3.

Die Hoffnungen ruhen auf den Parallelwettbewerben. In dieser Saison tragen Frauen und Männer je drei Parallelrennen im Weltcup aus. Hinzu kommen die Teamwettbewerbe beim Weltcup-Final in Soldeu und an der WM in Åre, die als Parallelriesenslalom ausgetragen werden (siehe Box). In der nächsten Saison sind Parallelrennen als eigene Disziplin im Weltcup vorgesehen. Bei der WM 2021 in Cortina d’Ampezzo soll es schliesslich auch Medaillen geben.

Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Sölden, 25. Oktober 2018))

Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Sölden, 25. Oktober 2018))

Das Format sei «grundsätzlich interessant», sagt der Schweizer Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor. Er hält dem Bewerb zugute, dass er attraktiv sei und dass ohne grosse Vorkenntnisse schnell ersichtlich werde, welche die bessere Fahrerin ist. Frau gegen Frau oder Mann gegen Mann. Es ist vielleicht die ursprünglichste Form des Wettkampfes und daher auch universell verständlich. Das wurde nicht zuletzt bei den Winterspielen in Südkorea augenfällig. Einheimische Zuschauer kamen in Scharen zum Teamwettbewerb, während die traditionellen Disziplinen spärlich besucht waren.

Keine Nachwuchsrennen, keine FIS-Punkte

Doch Beat Tschuor hat eben auch Bedenken. Er sagt: «Wenn das Format tatsächlich an Häufigkeit gewinnen sollte, müssen wir aufpassen, dass nicht irgendwann ein noch grösseres Ungleichgewicht zwischen den Disziplinen herrscht.» WM ausgenommen, haben die Frauen aktuell 17 Speed­rennen, 21 technische Wettbewerbe und zwei Kombinationen. Letztere sind auf Technik-Athletinnen zugeschnitten, die in der Abfahrt nicht zu viel Zeit ­verlieren. Speed-Athletinnen, die kaum Slalom trainieren, verirren sich meist im Stangenwald der Kombination. Ein gewisses Ungleichgewicht ist also schon vorhanden. An den WM 2019 in Åre dürfte die Kombination ihre Dernière an Titelkämpfen erleben, wenn auch noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Für Tschuor hat vor allem Priorität, dass keine olympische Disziplin verloren geht. Wenn die Kombination bei den Winterspielen 2022 in Peking wegfallen würde, müsse ein Ersatz her, sagt er. Dass dieser Ersatz ein Parallel-Event sein wird, ist höchst wahrscheinlich.

Ein grundsätzliches Problem ist, dass der Wettbewerb nur auf höchster Stufe gefördert wird. Inkonsequent scheint, dass es im Nachwuchsbereich keine Parallelrennen gibt und dass keine FIS-Punkte vergeben werden. «Wir können nicht ein Format kreieren, ohne den Nachwuchs einzubeziehen», sagt Beat Tschuor. Aktuell kriegen die Fahrerinnen nur Weltcup-Punkte für die Parallelrennen. Auf die Weltcup-Startliste haben die Ergebnisse hingegen keinen Einfluss.

An diesem Wochenende bringt der Parallelslalom auch einen Mehraufwand für das Schweizer Team mit sich. Tschuor muss wegen dem Super-G vom Samstag sein Betreuerteam des Speed­bereichs aufbieten und zugleich für den Parallelslalom vom Sonntag eine Technik-Crew nach St. Moritz beordern.

Dafür haben die Schweizerinnen in beiden Wettbewerben aber gute Chancen. Letzte Saison holten sie drei Podestplätze in den Parallelrennen der City Events von Oslo und Stockholm. Und im Teamwettbewerb sind die Schweizer immerhin Olympiasieger.

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