Kolumne

Aufs Jammern muss verzichtet werden

Weil der Profisport offenbar keine Lobby in Bern hat: Den Fokus auf die Suche nach zusätzlichem Sparpotenzial und neuen Einnahmequellen legen, fordert Kolumnist Reto Steinmann.

Reto Steinmann
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Reto Steinmann war von 2004 bis Ende Saison 2015/16 Einzelrichter für Swiss Ice Hockey und praktiziert als Rechtsanwalt und Notar in Zug.

Reto Steinmann war von 2004 bis Ende Saison 2015/16 Einzelrichter für Swiss Ice Hockey und praktiziert als Rechtsanwalt und Notar in Zug.

In den beiden obersten Eis­hockeyligen mussten bis dato von 116 Partien 36 verschoben werden. Dies wegen infizierter Spieler oder Staff-Mitglieder mit der Folge des Gangs in die Quarantäne für ganze Teams. Hier stellt sich die Frage, wie tauglich die von Klubs ausgearbeiteten Schutzkonzepte wirklich sind. Zum Vergleich: In der deutschen Fussball-Bundesliga haben bis dato sämtliche 54 Matches stattgefunden (das Quarantäneregime ist dort allerdings etwas lockerer).

Bedingt durch die jüngste Entwicklung der Fallzahlen ist die Verunsicherung auf den Teppichetagen gross. Es geht um das wirtschaftliche Überleben. Die Kassandrarufe der leitenden Angestellten lauten unterschiedlich geschickt, und die Appelle an die Urinstinkte treffen in puncto Tonlage ein breites Spektrum. Aus der Zentrale des SC Bern tönt es eufonisch. Das Credo lautet: Kassensturz machen, Sparmöglichkeiten sondieren, zusätzliche Einnahmemöglichkeiten evaluieren. Ähnlich kluge Appelle sind von den SCL Tigers zu vernehmen, und bei den ZSC Lions wird sorgfältig abgewogen, was öffentlich ausgebreitet wird.

Etwas anders, nämlich eher kakophonisch, klingt es aus der Geschäftsleitung des EV Zug. Es heisst, die Politik erkenne die gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz des Sports nicht. Nur Restriktionen ohne finanzielle Unterstützung seien inakzeptabel. Die aktuelle Politik wolle möglichst wenig einschränken, damit der Staat auch möglichst wenig bezahlen müsse. Und gipfelt in der Ansicht, das Ganze sei ein beispielloses Desaster. Starker Tobak.

Die Frage lautet, ob bombastische Rhetorik in Verbindung mit bizarren Endzeitszenarien geeignet ist, die Entscheidungsträger im Bundeshaus wirklich zu erreichen. Oft wird gejammert, der Profisport habe halt keine Lobby in Bern. Doch Jammern und fragende Vergleiche mit anderen Unterhaltungsbereichen haben nicht das jetzt benötigte kurze Verfalldatum für die Etappierung der nächsten Schritte der unmittelbaren Zukunft im Überlebensmodus. Aus der Aussenansicht stellt sich gegenwärtig eine weitere Frage, nämlich, ob der sensible Bereich der Kommunikation in dieser sehr schwierigen Zeit beim EVZ temporär als Teil der Unternehmensstrategie deklariert und demnach auf Verwaltungsratsstufe gehievt werden sollte.

Die Klubs erwarten von der öffentlichen Hand A-fonds-­perdu-Beiträge sowie Kurzarbeitsentschädigung für befristete Arbeitsverträge. Diese Idee ist nicht als Bitte formuliert, sondern quasi im Imperativ. Das kommt in der Politik nicht gut an, und solche Hosenlupfe mit ihr sind für die Klubs kaum zu gewinnen. Das Klagelied der fehlenden Lobby relativierend, hat Bundesrätin Viola Amherd Gesprächsbereitschaft signalisiert, aber gleichzeitig gesagt, dass die Klubs ihre Lohnkosten transparent machen müssten.

Dazu gehörte wohl auch, das mittlerweile von den Klubs ausgearbeitete Modell eines Salary-Caps vorzulegen. Dieses könnte helfen, die Behörden zu überzeugen, dass der Wille für die finanzielle Strukturbereinigung kein Lippenbekenntnis ist. Entscheiden müsste ohnehin das wohl eher skeptische Parlament über solche Beiträge, weshalb es wahrscheinlich klüger wäre, in einem ersten Schritt Darlehen zu beanspruchen aus dem Mai-Stabilisierungspaket von 350 Millionen. Diese sind unverzinslich und nach einer Korrektur mittlerweile befreit worden von harten Auflagen wie Solidarhaftung. Das Bewahren der moralischen Glaubwürdigkeit in dieser Krise gebietet wohl auch dem EVZ den Verzicht auf das Jammern. Dieses verhindert einen möglichen Fall ins finanzielle Koma nicht. Also: Den Lautstärkenregler zurückdrehen und den Fokus legen auf die Suche nach zusätzlichem Sparpotenzial und neuen Einnahmequellen.

Es wartet viel Arbeit auf die Klubs, um sich in einem ersten Schritt bis zum 1. Dezember Klarheit zu verschaffen, ob die Meisterschaft notfalls auch ohne Zuschauer fortgesetzt werden soll. Das ist ein kleines Problem für die vier Klubs mit Mäzenen, aber ein sehr grosses für die übrigen acht. Deshalb wird das Überleben der Liga nebst Geldern der öffentlichen Hand auch Solidarität unter den Klubs erfordern. Es kann nämlich nicht im Interesse der Wohlhabenden sein, dass sich die Eishockey-Landkarte der obersten Liga auf vier Klubs reduziert.