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AUSBLICK AUF 2016: «Im Fechten ist niemand unschlagbar»

Eine der grossen Zentralschweizer Medaillenhoffnungen an den Olympischen Spielen in Rio ist Max Heinzer (28). Der Schwyzer redet über die Erfolgsfaktoren und die Lockerheit, die ihm gelegentlich fehlt.
Interview Andreas Ineichen
Nur den Faktor Glück kann er nicht beeinflussen: Max Heinzer hat ein klares Bild davon, was alles stimmen muss für einen Medaillengewinn in Rio 2016. (Bild Philipp Schmidli)

Nur den Faktor Glück kann er nicht beeinflussen: Max Heinzer hat ein klares Bild davon, was alles stimmen muss für einen Medaillengewinn in Rio 2016. (Bild Philipp Schmidli)

Max Heinzer, Sie sind die Nummer 2 der aktuellen Weltrangliste im Degenfechten. Was muss für Sie alles stimmen, damit Sie in Rio eine Chance auf den Olympiasieg haben?

Max Heinzer: Für mich ist das Wichtigste, dass ich körperlich topfit bin. Mein Stil ist extrem körperbetont. Ein Zweimetermann, dessen Taktik wegen seiner grossen Reichweite eher auf die Defensive ausgelegt ist, braucht nicht die gleiche Athletik wie ich mit meinem offensiven Fechtstil. Das ist mit ein Grund, weshalb ich eine längere Aufbauphase im Training hingelegt habe, immer noch Vollgas gebe, damit ich dann im Sommer in Topform sein werde. Ich fokussiere mich auf die Olympischen Spiele. Es ist eine lange Saison, und ich will beim Saisonhöhepunkt nicht körperliche Nachteile haben.

Aber Fechten spielt sich ja vor allem auch im Kopf ab.

Heinzer: Ja, das ist Punkt 2, die Coolness und Lockerheit, die mir in London 2012 noch etwas gefehlt hat. Fechten ist ein sehr mentaler Sport, und mein Slogan ist, dass ich locker anreise, aber mit Biss. Dass ich nicht schon zwei Tage vorher angespannt bin. So kann ich möglichst viel Energie sparen für den Wettkampf. Und drittens schaffe ich daran, dass ich mit möglichst viel Selbstvertrauen in Rio starten kann. Die einzelnen Wettkämpfe dauern bei uns ja bloss zwischen fünf und zehn Minuten, und wenn du da zweifelst und etwas zögerst, bist du draussen. Mit einem offensiven, aggressiven Fechtstil, den ich in Rio zeigen will, bin ich auf ein gesundes Mass an Selbstvertrauen angewiesen.

Das baut sich ein Einzelsportler nur über Erfolge auf. An den letzten beiden Turnieren in Tallinn und Doha schieden Sie aber jeweils in der ersten Runde aus.

Heinzer: Mein Plan ist, dass ich mir das mit Topergebnissen an den letzten Turnieren und der EM zwischen Mai und Juni aufbaue. Dass die Resultate zuletzt ausgeblieben sind, hat damit zu tun, dass ich etwas übertrainiert und müde bin, dass ich gezögert habe, und das mag es halt nicht leiden. Ich arbeite daran, dass ich das Selbstvertrauen am 9. August beim Einzel- und am 14. August beim Teamwettkampf in Rio haben werde.

Und was für eine Rolle spielt der Faktor Glück?

Heinzer: Im Fechten eine grössere als bei vielen anderen Sportarten. Ein 100-Meter-Sprinter, der eine Zeit hat, die sicher für eine Medaille reicht, der braucht kein Auslosungsglück. Wenn er seine Zeit läuft, steht er auf dem Podest. Im Fechten sind es 10 bis 15 Leute, die in Rio gewinnen können. Jeder Fechter hat ein paar Gegner, die ihm nicht liegen, und das macht dann der Weg zum Erfolg schwer. Darum ist das Auslosungsglück ein wichtiger Faktor. Cool ist dennoch, dass ich viele wichtige Faktoren selber beeinflussen kann.

Mit dem Team haben Sie am 14. August eine zweite Chance auf eine Olympia- Medaille.

Heinzer: Ja, da muss bei jedem aus dem Quartett alles stimmen. Und darum ist die Chance auch grösser, dass einer eine schlechte Phase erwischt. Aber dafür ist die Wettkampfdauer länger, und es werden nur acht Teams am Start sein. Mathematisch erhöht das die Chance auf einen Medaillengewinn. Mit zwei aufeinanderfolgenden Siegen bist du in den Medaillenrängen, im Einzel braucht es bei 32 Teilnehmern mindestens vier Siege in Serie.

Kann man aus Ihren Erläuterungen den Schluss ziehen, dass im Fechten niemand in die Nähe der Unbesiegbarkeit gerückt ist?

Heinzer: Absolut richtig, ja. In London 2012 feierte ich in der ersten Runde im Einzel mit einem 15:2 den höchsten Sieg, den es an diesen Spielen im Fechten gegeben hat. In der zweiten Runde musste ich gegen einen offensiven Linkshänder ran, nicht unbedingt meine liebste Aufgabe. Lange war das Gefecht ausgeglichen, doch dann schied ich aus, und mein Gegner Ruben Limardo aus Venezuela wurde später Olympiasieger.

Wie definieren Sie denn konkret Ihre Zielsetzung für Rio 2016?

Heinzer: An einem Turnier, an dem bloss die Medaillen zählen, ist klar, dass das Ziel ein Medaillengewinn sein muss. Aber das ist ein resultatorientiertes Ziel, und das hilft mir nichts. Mein Ziel muss ein leistungsorientiertes sein, dass ich an dem Tag mein bestes Fechten zeige, dass ich mental meinen Job mache. Eine Medaille mit der Mannschaft zu holen, wäre darum so toll, weil wir alle seit vielen Jahren zusammen auf dieses Ziel hinarbeiten. Seit 2010 habe ich in jedem Jahr mindestens ein Weltcup-Turnier gewonnen, und nur schon ein solches für sich zu entscheiden, ist eigentlich schwieriger als eine Olympia-Medaille zu gewinnen.

Warum?

Heinzer: Du hast mehr Kämpfe nacheinander, weil es mit 64 mehr Teilnehmer sind, und bei Olympia sind immer noch etwa fünf bis zehn Exoten aus Australien und Afrika dabei. Darum ist das Leistungsniveau an einem Weltcup höher. Aber der Druck an Olympia ist natürlich um einiges grösser, weil der Event nur alle vier Jahre stattfindet.

Haben Sie auch schon daran gedacht, was wäre, wenn Sie Olympia-Gold um den Hals trügen? Oder darf ein Sportler nicht daran denken?

Heinzer: Doch, doch. Vor allem in zwei Situationen denke ich an eine Olympia-Medaille. In einer strengen Trainingswoche, wenn ich mich pushen und gegen Ende beissen muss. Und zweitens, wenn man wegen einer Verletzung weit weg vom Ziel ist.

Was würde Olympia-Gold finanziell für den weiteren Verlauf Ihrer Profi-Karriere bedeuten?

Heinzer: Seit ich 2010 den Bachelor gemacht habe, setze ich auf das Fechten. Zwei Jahre bis London wollte ich das mindestens tun und hoffte darauf, mit einer Olympia-Medaille weiterhin mein Hobby zum Beruf machen zu können. Zum Glück hatte ich nach London gleich wieder Erfolg. 2013 war eines meiner besten überhaupt. So konnte ich super Sponsoren gewinnen. Finanziell bin ich darum nicht zwingend auf eine Medaille in Rio angewiesen. Das nimmt mir sicher etwas Belastung weg, die vor London in meinem Hinterkopf herumschwirrte. Im Moment plane ich, bis 2020 weiterzumachen.

Letzte Saison waren Sie an einem Vorbereitungsturnier in Rio, um eine Beziehung zum Austragungsort der nächsten Olympischen Spiele aufzubauen. Liessen Sie sich dabei von Simon Ammann inspirieren, dem doppelten Doppelolympiasieger, der immer wieder auf diese für ihn wichtige Emotion hingewiesen hat?

Heinzer: Schon vor dem GP in Rio war für mich klar, dass ich mir zu dieser Stadt eine positive Beziehung holen, dass ich diese Lebensfreude aufsaugen will. Ein Beispiel dafür ist, dass ein Brasilianer bescheiden durchs Leben muss, aber wenn er den Lohn am Monatsende kriegt, dann lädt er die ganze Nachbarschaft ein, bevor er bis zur nächsten Lohnauszahlung darben muss. Dieses Lockere, diese Freude, die wollte ich dort aufsaugen. Den Biss, den Killerinstinkt, den bringe ich als Max Heinzer schon mit.

Der Trip nach Brasilien war mit Platz 2 im Turnier also ein voller Erfolg.

Heinzer: Ja, ein Grund war auch, ob die fünf, sechs Tage bis zum Wettkampf ausreichen, um sich an die Zeitverschiebung anzupassen. Und das hat gepasst. Schliesslich will ich auch bei den Olympischen Spielen nicht zu früh anreisen.

Sie sind im Sommer 28 Jahre alt geworden. Von Menschen in Ihrem Alter hat man nun wirklich nicht unbedingt das Bild, dass Lockerheit ein Mangel sein könnte.

Heinzer: Seit 2010 mache ich Mentaltraining, aber man darf nicht glauben, eine Woche später seist du mental unschlagbar. Man kann immer Fortschritte machen, das ist ein Prozess, der nie aufhört. Früher war ich schon drei, vier Tage vor einem Wettkampf nervös, einfach aus dem Grund heraus, dass ich unbedingt gewinnen will. Jetzt will ich einfach möglichst spät in den Wettkampfmodus gelangen, um Energie zu sparen, um in der Nacht vor einem Turnier gut schlafen zu können.

Wie funktionieren Sie denn in Ihrem Alltag?

Heinzer: Schon so, dass ich vielleicht zu sehr alles nach Plan mache. Ich bin sicher ein seriöser Typ, der seinen Job macht, sein Training absolviert und vieles ernst nimmt. Doch das birgt die Gefahr, dass ich manchmal zu wenig flexibel bin, weil ich alles bestimmen will in einer Sportart, in der das gar nicht möglich ist. Deshalb brauche ich eine gewisse Lockerheit. Ich bin nicht mehr 20, ich bin 28, ich bin die Nummer 2 der Welt – und deshalb habe ich auch etwas zu verlieren.

Wie holen Sie sich denn die Lockerheit, wenn Sie nicht in Rio de Janeiro sind?

Heinzer: Mein soziales Umfeld ist mir sehr wichtig, meine besten Freunde, meine Familie. Mit ihnen will ich mich ablenken lassen, und am liebsten ist mir, wenn wir über alles reden, nur nicht übers Fechten. Beim Fischen, meinem grossen Hobby, kann ich abschalten. Wenn ich auf meinem Boot sitze und die wunderschöne Szenerie anschaue, dann kann ich mich in eine andere Welt fallen lassen und mich erholen.

Sie redeten von Mentaltraining. Wie geht das ab vor einem Wettkampf?

Heinzer: Am Abend davor mache ich Atemübungen und autogenes Training. Das sind dann Sätze, denen ich über Kopfhörer lausche und die ich dann nachsage. Das geschieht vor dem Einschlafen, vier- bis fünfmal pro Woche.

Ein Beispiel?

Heinzer: «Meine Beine sind ganz schwer, meine Arme sind warm, und ich bin ganz ruhig, ganz ruhig.» Und das wiederholt man dann sechsmal hintereinander. Oder ich sage mir Sätze fürs Selbstvertrauen: «Ich bin unberechenbar, ich bin ganz schnell, ich freue mich auf jede Herausforderung.» Das Ganze dauert gegen 15 Minuten, und das Ziel ist, vor dem Ende einzuschlafen. Und das gelingt mir meist immer. Die letzten Sätze nimmt man selbst beim Einschlafen auf. Unmittelbar vor dem Wettkampf pushe ich mich, um in den Fightmodus zu kommen. Ich habe mir auch ein Video mit meinen besten Kämpfen und schönen Punkten zusammengeschnitten, das ich mir immer gerne anschaue. Wenn ich auf der Bahn stehe, gebe ich mir drei, vier Ohrfeigen und schreie laut in Richtung Boden. Damit ist meine letzte Nervosität weg, und mein Fokus liegt auf dem Gegner. Das mache ich immer, das ist ein Ritual.

Das einzige?

Heinzer: Nein, vor dem Wettkampf entledige ich mich noch der «Abfallgedanken». Das sind negative Sachen wie «Was ist, wenn ich den Kampf verliere» oder «O, der Gegner sieht stark aus», die identifiziere ich als «Abfallgedanken» und werfe sie weg.

Was ist mit Zwischenrufen aus dem Publikum?

Heinzer: Dann sage ich mir «merci, und jetzt erst recht». Ich verwandle sie in Zusatzmotivation. Das Gleiche gilt für Schiedsrichter-Entscheidungen, die ich nicht korrekt finde.

Körpersprache ist im Sport zu einem Modewort geworden, das oft nach Belieben eingesetzt wird. Was hat es für eine Bedeutung im Fechten?

Heinzer: Sehr wichtig. Man muss sich stark zeigen, wenn es nicht läuft. Oder auch umgekehrt. Das ist ein Spiel, denn der Gegner sieht es und nimmt es auf. Bei einem sehr schönen Treffer juble ich eher nicht, und der Gegner fragt sich, warum ich damit so regungslos umgehe. Dafür juble ich bei einem Glückstreffer, und der Gegner denkt, was soll denn das, weil ich ja nur Glück hatte. Man muss seine Körpersprache im Griff haben. Das kann ich jetzt besser als mit 20.

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