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Roger Federer unter dem Brennglas der Öffentlichkeit: Es ist ein Kampf gegen die Windmühlen

Roger Federer startet heute Vormittag (zirka 10.30/SRF zwei) in die Australian Open. Abseits des Tennisplatzes stehen ihm zermürbende Monate bevor.
Simon Häring, Melbourne
Alle wollen ein Bild mit ihm: Roger Federer mit seinen (australischen) Fans. (Bild: Asanka Brendon Ratnayake/Getty (Melbourne, 9. Januar 2019))

Alle wollen ein Bild mit ihm: Roger Federer mit seinen (australischen) Fans. (Bild: Asanka Brendon Ratnayake/Getty (Melbourne, 9. Januar 2019))

Im australischen Perth hat Roger Federer eine weitere Rekordmarke gesetzt. An der Seite von Belinda Bencic gewann er zum dritten Mal den Hopman Cup, 18 Jahre nach dem ersten Erfolg mit Martina Hingis. Er ist damit der erste Spieler, der den Teamwettbewerb dreimal gewonnen hat. Und weil dieser Cup wohl dem grassierenden Reformwahn im Welttennis zum Opfer fallen wird, ist auch dies ein Rekord für die Ewigkeit. Sicher, Federer hält bedeutendere Bestleistungen. Doch sie zeigt auf, wie lange er schon dabei ist. 37-jährig steht Federer bereits in seiner 22. Saison als Tennis-Professional.

Zahlen, die kaum glauben kann, wer den Baselbieter Tennis spielen sieht. Sein Feuer, seine Leidenschaft, der fast schon kindliche Enthusiasmus – sie verblüffen jeden um ihn herum. Trainer Severin Lüthi sagt: «Es gibt keinen, der so viel Freude am Tennis ausstrahlt wie er. Du merkst einfach, dass er es gerne macht.» Im Kopf sei Federer ein 16-Jähriger, in den Beinen wie ein 26-Jähriger und im Pass sei er 36, sagte Ex-Profi Fabrice Santoro vor einem Jahr. Heute, mit 37 Jahren, umweht jeden von Federers Auftritten ein Hauch von Endgültigkeit, dem sich auch er selber nicht entziehen kann. «Denn man weiss nie, ob man noch einmal zurückkehrt.»

Apokalyptische Vorboten des Abschieds

So legitim die Frage nach dem Karriereende ist, so zermürbend ist sie auch. Sagt er in Dubai zu einem Zaungast, er überlege sich, im Frühling auf Sand zu spielen, geht die Botschaft in Windeseile um den Globus. Mit jeder Übersetzung, mit jedem Weitererzählen wird die Aussage noch etwas pointierter. Am Ende wird aus einer beiläufigen Äusserung ein apokalyptischer Vorbote des Abschieds. Denn wenn Federer auf Sand spiele, sei das bestimmt, um sich vom Publikum in Monte Carlo, Madrid, Rom und Paris zu verabschieden.

Federer selbst sieht sich immer noch als das, was er auch mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlt: ein Junggebliebener. Einer, der glaubt, das perfekte Spiel noch nicht gespielt zu haben. Vielleicht ist dieses Selbstbild auch ein wenig ein Schutz, denn auch er weiss, dass seine Zeit irgendwann abläuft. Dass das Selbstbild immer öfter an der Realität zerschellen wird. Am Fremdbild, das in ihm sieht, was er eben auch ist: eine alternde Ikone. Im Herbst erschien ein weiteres Buch über ihn. Am Tag vor Heiligabend strahlte das Schweizer Fernsehen einen Film aus, der seinen Weg vom Talent zum Weltstar nachzeichnete. Untrügerische Zeichen für die Wahrnehmung des nahenden Endes. «Wenn du etwas im Leben am besten kannst, willst du das niemals aufgeben», lautet einer seiner Leitsätze. «Und für mich ist das Tennis.»

Und doch liegt es auf der Hand, dass Federer überall, wo er hinkommt, danach gefragt wird, ob es das letzte Mal gewesen sei. Ob er denn wiederkomme. Nach Paris. Nach Melbourne. Und weil er die Frage selber nicht beantworten kann oder will, wird er jedes Mal so behandelt, als wäre es ein Abschied für immer. Das mag zwar schön sein, aber es ist mit Sicherheit auch schwer auszuhalten für einen, der sich von dem emanzipieren muss, das ihn geformt und sein Leben mehr geprägt hat als alles andere. Für Federer ist das: Tennis.

Lange schob er den Gedanken an ein Leben ohne von sich. Nur einmal sagte er: «Ich muss nicht auch noch kitschig aufhören.» Roger Federer ist 37 Jahre alt, seit zwei Jahrzehnten führt er ein Leben aus dem Koffer, im Schaufenster der Öffentlichkeit. Zwischen Hotel, Tennisplatz, Verhandlungstisch und Kinderwagen. Er ist nicht nur Sportler. Er ist Vater von vier Kindern, die ab Sommer alle im schulpflichtigen Alter sind. Er ist Unternehmer. So wichtig ihm das alles ist: Nichts bedeutet ihm so viel wie das Tennis. «Darum denke ich auch nicht an das Ende. Darum versuche ich einfach, jeden Moment zu geniessen», sagt er – das Los des Künstlers.

Auch in Australien unter den Topfavoriten

Es offenbart das Dilemma, in dem er steckt. Federer führt unter dem Brennglas der Öffentlichkeit einen Kampf mit der eigenen Vergänglichkeit aus. Er möchte möglichst lange im Hier und Jetzt verharren. Seine Anhänger aber wollen wissen, wann es endet, dieses Hier und Jetzt. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Sicher ist nur: Der Titelverteidiger ist bei den Australian Open auch als 37-Jähriger noch Anwärter auf den Sieg. Beim Hopman Cup überzeugte er gegen Kontrahenten, die seine Söhne sein könnten. Das ist kein Zufall, denn abseits des Schwenkbereichs der Kameras arbeitet er weitaus härter als viele zu glauben wissen.

Es ist das Los des Künstlers, dass selbst das leicht wirkt, was beschwerlich ist. Arbeit und Schweiss passen nicht in das Bild vom Schwerelosen, das man von ihm so gerne zeichnet. Es ist noch so ein Bild, das irgendwann an der Realität zerschellen wird. Wie jenes des Ewigen, der selbst dann noch Trophäen gewinnt, wenn die jüngere Konkurrenz wie Andy Murray längst am Stock geht.

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