Australien-Open-Siegerin Osaka: Die schüchterne Majestät 

«Ich rede an einem normalen Tag vielleicht zehn Sätze», sagt die amtierende Tennis-Weltnummer 1, die Japanerin Naomi Osaka. Anstelle von Worten lässt die schüchterne 21-Jährige lieber Taten sprechen - der Sieg am Australian Open ist der Beweis dafür.

Jürg Allmeroth, Melbourne
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Die Japanerin Naomi Osaka beantwortet an der Pressekonferenz nach ihrem Sieg gegen die Tschechin  Petra Kvitova die Fragen der Journalisten. (Bild: Mark Schiefelbein/AP Photo, Melbourne, 27. Januar 2019)

Die Japanerin Naomi Osaka beantwortet an der Pressekonferenz nach ihrem Sieg gegen die Tschechin  Petra Kvitova die Fragen der Journalisten. (Bild: Mark Schiefelbein/AP Photo, Melbourne, 27. Januar 2019)

Der Symbolgehalt der kleinen Szene auf grosser Bühne drängte sich förmlich auf. Es war der Moment, als die Tschechin Petra Kvitova (28) während der offiziellen Siegeszeremonien am Samstag zunächst vergeblich die Hauptperson des Tages suchte, die Frau, von der sie soeben in der Rod-Laver-Arena zu Melbourne bezwungen worden war, im Endspiel der Australian Open. «Naomi, hallo, wo bist Du?», hauchte Kvitova, die unterlegene Finalistin, ins Mikrofon, und liess etwas irritiert die Blicke schweifen. Es brauchte dann noch ein paar Augenblicke, bis Naomi Osaka von Kvitova gefunden worden war, zwischen all den hochwichtigen Funktionären und Sponsorenvertretern.

Osaka ist nun auch schwarz auf weiss zur gegenwärtig imposantesten Figur im Frauentennis aufgestiegen, als amtierende Königin der US Open und Australian Open. Aber wenn erst einmal der letzte Ballwechsel gespielt ist in einem der grossen Matches, dann tritt die 21-jährige Japanerin gern wieder in den Halbschatten zurück, die Unscheinbarkeit in Person. «Ich rede an einem normalen Tag vielleicht zehn Sätze», sagt Osaka.

«Und ich bewege mich am liebsten unerkannt umher.»

Wer es bezweifelte, musste sich nur Osakas Auftritt nach dem Melbourne-Coup betrachten, nach jenem historischen 7:6, 5:7, 6:4-Triumph, der sie als erste Japanerin, als erste Asiatin überhaupt auf den Gipfel der Weltrangliste gehievt hatte. Mühsam, fast gequält brachte Osaka einige Worte des Dankes hervor, starrte grimmig in die TV-Kameras und hinein ins Grand-Slam-Stadion. «Sie haben mir gesagt, dass ich lächeln sollte, aber ich sah aus wie ein Roboter», gab die schüchterne Majestät hinterher zu Protokoll, «ich stand wohl ein bisschen unter Schock.»

Karriere nach dem Williams-Modell

Osaka lässt am liebsten Taten sprechen, dort, wo sie sich am wohlsten fühlt, wo ihr auch keiner zu nahe kommen kann im Wortsinn – auf dem Centre Court. Vor einem Jahr war sie noch als Spielerin aus dem grauen Mittelfeld nach Melbourne gekommen, sie belegte damals Platz 72 in der Weltrangliste. Nun ist sie die erste Spielerin seit knapp zwanzig Jahren, die gleich ihre ersten beiden Grand-Slam-Finals gewonnen hat – und die als Führungskraft in einer neuen Tennisära gehandelt wird. «Die Gegenwart gehört ihr. Die Zukunft aber erst recht», sagte Martina Navratilova, die Grande Dame der Branche.

Osaka besticht auf dem Centre Court durch glänzende Spielauffassung, enorme Power, taktische Flexibilität und eine Widerstandskraft in umkämpften Situationen, die man ihr in all ihrer zerbrechlichen Erscheinung nie zutrauen würde. Auch bei ihrem zweiten ganz grossen Erfolg, gegen die hochgewachsene, dynamische Tschechin Kvitova, marschierte Osaka durch viele Höhen und Tiefen, bevor sie in einem fulminanten Endspurt zum Titelgewinn rauschte. Sogar das Trauma dreier vergebener Matchbälle bei einer 7:6, 5:3, 40:0-Führung liess Osaka hinter sich, weil sie sie sich selbst einredete, «dass das nichts Ungewöhnliches war. Ich spielte ja gegen eine Gegnerin, der alles zuzutrauen ist.»

Es war eine ironische Fussnote in der Osaka-Erfolgsgeschichte, dass ihr die eigentlich schönen Momente des ersten Grand-Slam-Sieges – bei den US Open 2018 – ausgerechnet von jener Frau zerstört wurden, nach deren Vorbild die eigene Karriere modelliert worden war. Serena Williams (37), die amerikanische Wuchtbrumme, war immer Osakas Idol, kein Wunder, schliesslich hatte Papa Francois Osaka immer von einer Williams-Laufbahn für seine Töchter geträumt. Für Naomi, aber auch für deren Schwester Mari. Die Familie zog auch deshalb in die USA um, es ging um bessere Trainingsmöglichkeiten, aber in Japan litt man zudem unter Diskriminierung. Die Heirat von Mutter Tamaki mit einem dunkelhäutigen Ausländer äus Haiti galt als «Schande», die Kinder wurden oft «Hafu» genannt, Halbjapaner.

Platz 1 in der Weltrangliste

Der Sprung in die Weltelite gelang dann nur Naomi, aber es war ein beschwerlicher Aufstieg mit Tücken und Hindernissen. Nicht zuletzt, weil sich die scheue, schüchterne, oft naiv wirkende Athletin schwer tat im Haifischbecken des Profitennis. Und weil sie nicht mit den höchsten Erwartungen zurecht kam, die immer schon ihren Weg begleiteten. Erst an der Seite des Münchner Trainers Sascha Bajin, eines jugendlich frischen Übungsleiters, fand die Japanerin zu grösserer Stabilität und zum nötigen Selbstbewusstsein.

Jetzt, im Januar 2019, grüsst sie als 26. Spielerin vom erhabenen Platz an der Sonne, von Platz 1 der Weltrangliste. Mit der Anoymität dürfte es ein für allemal vorbei sein für die 21-Jährige, die in Japan schon zur neuen sportlichen Kultfigur aufgestiegen ist. Sie dürfte nun auch zum Gesicht der Olympischen Spiele 2020 werden, in Tokio. Angesprochen auf diese Perspektive, zeigte sich Osaka in typisch verschreckter Haltung: «Ach du Schande», sagte sie, «das sollten sie schon in ihrem eigenen Interesse nicht tun.» (all)

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Jörg Allmeroth, Melbourne