AUTOMOBIL: «Ich habe auch ohne Formel 1 viele tolle Sachen erlebt»

Titelverteidiger Marcel Fässler (37) redet über die Anforderungen bei den 24 Stunden von Le Mans, seinen Trainingsalltag und den unerfüllten Traum von der Formel 1.

Interview Stefan Klinger, Le Mans
Drucken
Teilen
Es ist schwierig, aber es geht: Marcel Fässler findet dank seiner Routine bei den 24 Stunden von Le Mans immer wieder ein paar Minuten Entspannung. (Bild: ACM)

Es ist schwierig, aber es geht: Marcel Fässler findet dank seiner Routine bei den 24 Stunden von Le Mans immer wieder ein paar Minuten Entspannung. (Bild: ACM)

Marcel Fässler, Sie gelten als ein richtig guter Skifahrer, haben 2004 sogar das Infernorennen in Mürren gewonnen. Wie siehts aus: Das Schweizer Männerteam kann durchaus noch starke Skirennfahrer gebrauchen.

Marcel Fässler: (lacht) Ich fühle mich im Motorsport auch sehr wohl. Als Bub habe ich übrigens immer an JO-Rennen teilgenommen. Ich habe dann aber aufgehört, weil ich nie Speedrennen fahren konnte. Irgendwann hat es mich angegurkt, immer nur Slalom zu fahren. In den vergangenen Jahren bin ich allerdings auch nicht mehr in Mürren gestartet.

Weil es Audi Ihnen wegen der Verletzungsgefahr verbietet?

Fässler: Wenn ich bei etwas wie in Mürren mitmachen will, müsste ich Audi um Erlaubnis fragen. Ich denke zwar, sie würden es mir zugestehen, aber du musst auch selber vernünftig sein und dich fragen, wie viel Risiko du eingehen willst. Die Chance, die ich nun bei Audi habe, ist mir da zu wichtig. Ich habe Ende 2012 einen längerfristigen Vertrag bekommen und möchte schon noch ein paar Jahre auf diesem Niveau fahren. Solange schaue ich mir die Skirennen halt als Zuschauer an, es gibt ja sehr viele Parallelen zwischen dem Skirenn- und dem Motorsport. Darum können Skirennfahrer auch relativ schnell gute Autorennfahrer werden.

Und Autorennfahrer gute Skifahrer. Nur mit dem Langlauf klappt es bei Ihnen anscheinend nicht so richtig.

Fässler: (schmunzelt) Inzwischen schon. Aber das war vielleicht eine Qual, bis ich mal eine akzeptable Technik hatte. Am Anfang habe ich viel geflucht, als mich mein Fitnesstrainer dazu gebracht hat. Da läufst du mit Maximalpuls und dann überholen dich Leute, bei denen du denkst: Das kann ja wohl jetzt nicht sein! Da hat es mich oft schon extrem genervt, bevor ich überhaupt die Latten anhatte. Aber nun ist das im Dezember, wenn es für mich mit dem Grundlagenausdauertraining losgeht, ein gutes Training für die Ausdauer und die Koordination.

Viele unterschätzen ja die körperlichen Anforderungen im Motorsport. In welchem Umfang müssen Sie trainieren, um für die Rennen fit zu sein?

Fässler: Während der Saison mache ich fast jeden Tag Ausdauertraining. Mal gehe ich ein paar Stunden Velo oder Mountainbike fahren, mal eine Stunde joggen, mal Kanu fahren oder Klettern. Es ist ja das Gute an unserer Sportart, dass wir unser Fitnessprogramm variieren können und nicht fast nur das sportartspezifische machen müssen. Zudem gehe ich zweimal pro Woche zum Fitnesstrainer. Die Koordination im Oberkörper und die Nackenmuskulatur sind sehr wichtig. Ich muss beim Krafttraining allerdings aufpassen, weil ich recht schnell an Muskeln zulege. Und ich habe so schon 20 Kilo mehr als manche Konkurrenten, wodurch du laut Theorie in Le Mans drei bis vier Zehntel pro Runde verlierst.

Bleiben wir bei Le Mans. Kann man so ein 24-Stunden-Rennen überhaupt speziell trainieren?

Fässler: Ich fahre meistens ein paar Wochen vorher das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Das hilft mir, damit sich der Körper schon mal an den Intervallrhythmus gewöhnt. Trotzdem wird es in Le Mans am Morgen extrem streng. Du bist zu diesem Zeitpunkt zweimal Stunden gefahren, und dann kommt noch die natürliche Müdigkeit wegen der Nacht auf. Da musst du dich schon sehr überwinden, dass du wieder auf Touren kommst. Wenn ich dann allerdings im Auto sitze, bin ich gleich wieder so voller Adrenalin, dass es geht. Wenn es da jedoch eine Safety-Car-Phase gibt, wird es gefährlich.

Inwiefern?

Fässler: Ich habe das mal in Spa erlebt, als es morgens um 4 Uhr eine halbstündige Safety-Car-Phase gab und noch kein Tageslicht da war. Da habe ich schwer gegen den Sekundenschlaf kämpfen müssen. Da mussten sich sämtliche Leute über Funk mit mir unterhalten und mich munterhalten.

Dabei gelten Sie als ein Fahrer, der sich während der Rennen kaum mit anderen Leuten unterhält, vor allem in den Pausen zwischen Ihren Einsätzen.

Fässler: Mich sieht man während der Rennen kaum in der Box, ich ziehe mich nach meinem Einsatz bewusst schnell zurück. Erstens kann ich ja dann eh nichts mehr beeinflussen, zweitens kostet Small Talk nur unnötig Energie. Es gibt Fahrer, die müssen alles genau verfolgen, aber mich strengt das zu sehr an, immer auf den Bildschirm zu starren. Ich kann dem Team vertrauen, daher spare ich mir die Energie und informiere mich erst wieder über den Stand, wenn ich bald wieder drankomme.

Sie haben zwar direkt hinter der Box eine Kammer, in der ein Bett steht. Gelingt es Ihnen wirklich trotz des Lärms und der Anspannung, mitten im Rennen zu sein, dort zu schlafen?

Fässler: Der Lärm ist schon ein Problem. Aber die Belastung ist so hoch, dass du mit Ohrstöpseln trotzdem schlafen oder zumindest dösen kannst. Und das musst du auch, um die Batterien wieder aufzuladen. Mit der Zeit entwickelst du für diese Situationen eine Routine.

Spielt die Routine bei einem 24-Stunden-Rennen eine weitaus grössere Bedeutung als bei anderen Rennen?

Fässler: Auf jeden Fall. Zwischen meinem Verhalten bei meinem ersten 24-Stunden-Rennen und heute liegen Welten. Damals habe ich alles falsch gemacht, war irgendwann völlig dehydriert und auch mental am Ende. Heute weiss ich genau, was ich vorher und während der Rennen essen und wie viel ich trinken muss. Ich habe gelernt, wie wichtig es für die Regeneration ist, im richtigen Moment das Richtige zu essen.

Was heisst das konkret?

Fässler: Du musst auf deinen Körper hören, wissen, wozu er Lust hat. Ich hatte mal bei einem Rennen mitten in der Nacht Lust auf ein Wienerli. Das tönt jetzt komplett falsch, aber der Körper braucht auch mal Fett und gibt dir ein Zeichen. Du darfst dann natürlich keine vier essen. Aber als ich damals das eine gegessen hatte, ging es mir wieder gut, obwohl ich vorher die ganze Zeit einen komischen Magen hatte. Was mir auch immer sehr hilft, ist eine Flädlesuppe.

Wie viel schwieriger ist es eigentlich, unabhängig von der Müdigkeit, nachts auf diesem Niveau zu fahren?

Fässler: Es fordert dich viel mehr, weil du nicht die gleichen Bremspunkte nehmen kannst. Wenn es dunkel ist, siehst du diese zu spät oder gar nicht mehr. Daher musst du dich an etwas, das leuchtet, orientieren und dann die Distanz selber einschätzen. Das ist nachts viel schwieriger. Ausserdem kommt dir die Geschwindigkeit nachts anders vor. Da denkst du, dass du super unterwegs bist und merkst plötzlich, dass du fünf Sekunden langsamer warst. Aber mit der Zeit pendelt sich das alles ein.

Wenn Sie über Le Mans sprechen, geraten Sie ins Schwärmen. Sie scheinen zurzeit Ihren Traum zu leben. Beschäftigt es Sie gar nicht mehr, dass Sie es niemals in die Formel 1 geschafft haben?

Fässler: Klar wollte ich früher wie jeder junge Rennfahrer mal in die Formel 1. Aber ich weiss nicht, ob ich die gleiche Befriedigung gehabt hätte, wie ich sie nun im Motorsport erlebe. Wenn du vorher weisst, dass du nichts reissen kannst, dann kann die Formel 1 für einen Fahrer auch sehr frustrierend sein. Ich bin 2000 Profi geworden und konnte in den vergangenen 13 Jahren vom Motorsport, von dem, was mir so viel Freude macht, leben. Ich habe auch ohne Formel 1 viele tolle Sachen erlebt und eine schöne Zeit gehabt. Und ich kann mich im Alltag noch frei bewegen – dieses Plus darf man auch nicht unterschätzen.