AUTOMOBIL: Jahr der Wahrheit für das Sauber-Team

Am nächsten Sonntag startet Sauber in Melbourne in das 24. WM-Abenteuer. Im Gepäck: zwei blau-gelbe Rennboliden und jede Menge Fragezeichen.

Marco Oswald
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Das Sauber-Team konnte bei den Wintertests in Barcelona nur 1889 Kilometer absolvieren: der Schwede Marcus Ericsson im neuen Formel-1-Boliden. (Bild: Getty/Mark Thompson)

Das Sauber-Team konnte bei den Wintertests in Barcelona nur 1889 Kilometer absolvieren: der Schwede Marcus Ericsson im neuen Formel-1-Boliden. (Bild: Getty/Mark Thompson)

Marco Oswald

Bei den Wintertests in Barcelona griff das Sauber-Team erst an den letzten vier Tagen ins Geschehen ein. Der Grund: Das neue Auto wurde nicht rechtzeitig fertig. So konnten der Brasilianer Felipe Nasr (23) und der Schwede Marcus Ericsson (25) im neuen Boliden nur 1889 Kilometer auf dem Circuit de Catalunya zurücklegen. Anders die Konkurrenz: Weltmeister Mercedes schaffte 6024 Kilometer, gefolgt von Toro Rosso (4883), Williams (3985), Ferrari (3975) und Red Bull (3803). Sauber verzichtete bei der finalen Testsession auf Showrunden und sicherte sich vor allem in zwei Disziplinen ab: bei der Zuverlässigkeit und im Reifenmanagement.

Ein kluger Schachzug: Der sonntägliche Kreisverkehr bringt oft chaotische Rennen. Da ist Ankommen wichtiger als schnelle Runden. Zudem bringt Pirelli 2016 eine andere Reifenstruktur an den Start: mit einer harten Lauffläche unter der Lauffläche. Sauber wollte dementsprechend herausfinden, wie sich das auf den Verschleiss und den Gripabbau auswirkt.

Schlechte Erinnerungen

Ob die Hinwiler im Hinblick auf den Saisonstart beim Grand Prix von Australien in Melbourne alle Entwicklungsziele erreicht haben, wird das Auftaktrennen zeigen. Mit Sicherheit kehrt Sauber mit gemischten Gefühlen in den Albert Park zurück. Vor einem Jahr eskalierte dort die Situation komplett: Testpilot Giedo van der Garde wollte sich vor dem Supreme Court im Bundesstaat Victoria ein Sauber-Cockpit erstreiten. Erst in letzter Sekunde verzichtete Richter Clyde Croft vom Obersten Gerichtshof darauf, in der Sauber-Posse Autos und Material zu pfänden und Teamchefin Monisha Kaltenborn (44) in Beugehaft zu nehmen.

 

Am Schluss standen Nasr und Ericsson am Start – und holten zur Verwunderung aller nach zuvor 19 Nullnummern in Serie mit den Plätzen fünf und acht 14 goldene WM-Zähler.

Ende Jahr brachten es die Hinwiler dann leider nur auf 36 Punkte – und belegten Platz 8 in der Konstrukteurwertung.

2016 dürfte für Sauber erneut ein schwieriges Jahr werden. Einmal mehr machten Finanzprobleme die Runde. Sauber konnte die Februar-Löhne nicht pünktlich bezahlen. Offenbar wegen ausstehender Sponsorengelder. Alles nicht neu. In Hinwil kreist der Pleitegeier ja längst über der Fabrik. Und dennoch schaffen es die Zürcher Oberländer immer wieder, aufzustehen. Nächsten Sonntag geht Sauber nach dem WM-Einstieg 1993 im südafrikanischen Kyalami ins 24. WM-Abenteuer. Nur Ferrari, McLaren und Williams sind länger dabei. Eigentlich unglaublich.

Der Abstieg mit Kaltenborn

Trotzdem: Seit General Peter Sauber im Jahr 2012 einen Drittel der Teamanteile an Kaltenborn, damalige CEO der Sauber Motorsport AG und zuvor Chefin des Rechtsdienstes, übertrug, ging es mit dem Rennstall fast nur noch bergab. Nach wirtschaftlich schwierigen Jahren, der totalen Pleitesaison 2014 und dem schwachen Auftritt 2015 steht für Sauber in diesem Jahr viel auf dem Spiel. Ausreden gibt es keine mehr. Privatteam hin oder her. Sauber muss 2016 den Hammer auspacken – nicht zuletzt auch wegen des neuen Haas-Teams, welches stark aufgestellt sein dürfte. Und auch Manor könnte 2016 für bessere Resultate als noch zuletzt sorgen.

Das Ziel: Die Mittelklasse

Sauber ist also gewarnt. Das Checkbuch mit Endlos-Ausreden von Teamchefin Kaltenborn ist leer. Was jetzt zählt, sind Punkte. Sauber soll wieder Mittelklasse werden – und nicht am Ende des Feldes herumgurken. Kaltenborn hat in den letzten Jahren einiges richtig, aber noch viel mehr falsch gemacht. Was die Hinwiler unter ihr sportlich, wirtschaftlich, juristisch und kommunikativ teilweise abgeliefert haben, war mehr als erbärmlich.

Jetzt muss die indisch-österreichische Doppelbürgerin mit Wohnsitz Küsnacht am Zürichsee endlich beweisen, was sie wirklich kann. Ein viertes Pleite-Jahr in Serie liegt nicht drin. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Auch im sonntäglichen Kreisverkehr mit Schweizer Beteiligung.

Kampfansage von Ferrari: Vettel und Räikkönen sind heiss

Zuversichtliches Ferrari-Team: der Finne Kimi Räikkönen (links) und der Deutsche Sebastian Vettel (rechts). (Bild: AP/Luca Bruno)

Zuversichtliches Ferrari-Team: der Finne Kimi Räikkönen (links) und der Deutsche Sebastian Vettel (rechts). (Bild: AP/Luca Bruno)

Formel 1 os. Grande Casino bei Ferrari: Das war einmal. Seit Fiat-Boss Sergio Marchionne (63) Luca Cordero di Montezemolo (68) nach 23 Jahren an der Spitze des Ferrari-Imperiums abgelöst hat, blieb bei der Scuderia kein Stein auf dem anderen. Der Mann in Jeans und blauem Pullover hat ausgemistet und das Topkader der Rennabteilung gleich reihenweise in die Wüste von Maranello geschickt. Auch der smarte Teamchef Stefano Domenicali (50) musste Mitte 2014 dran glauben. An seine Stelle rückte der überforderte Marco Mattiacci (45). Ausser dessen Sonnenbrille glänzte gar nichts. Kein Wunder, wurde er nach 15 Nullnummern sogleich wieder aussortiert.

Der Motorsport-Rocker
Nun holte UBS-Verwaltungsrat Marchionne ein anderes Kaliber: einen grauhaarigen Motorsport-Rocker. Mit zahlreichen Tattoos, silbernen Armreifen und Dreitagebart: Maurizio Arrivabene (59). Der kam gut an. Der ehemalige Manager von Philip Morris International, der einst in Venedig Architektur studierte und bei Juventus Turin im Vorstand sitzt, sorgte für Ordnung und brachte mit dem Super-Duo Sebastian Vettel (28) und Kimi Räikkönen (36) das Team wieder auf die Siegerstrasse. Vierfach-Champion Vettel gewann in Malaysia, Ungarn und Singapur, wurde am Ende der Saison 2015 WM-Dritter hinter Klassenprimus Mercedes. Mehr war gegen das unschlagbare Sternen-Duo Lewis Hamilton (31) und Nico Rosberg (30), das 16 von 19 Rennen gewann, nicht möglich.
Doch jetzt ist Ferrari bereit, will die Sterne vom Himmel holen. Zwei Konstrukteur- und zwei Fahrer-Titel in Serie für Mercedes reichen. Vettel und Räikkönen sind heiss. Der Deutsche, nicht gerade dafür bekannt, grosse Töne zu spucken, hat bereits eine erste Kampfansage an die silberne Adresse platziert: «In diesem Jahr geht es für uns um den WM-Titel und um Siege. Alles andere zählt nicht.» Die Roten sind für die Machtübernahme gut aufgestellt. Bei den Wintertests in Barcelona konnte das Programm planmässig abgespult werden. Sowohl auf den Longruns als auch auf Quali-Runden mit weichem Gummi waren Vettel und Räikkönen ganz vorne dabei. Der neue Ferrari SF16-T wurde aufwendig umgebaut. Unter der Ägide von Technikchef James Allison arbeitet hungriges Personal. Gemeinsam wollen sie eine neue Ära einleiten – so wie diejenige zwischen 2000 und 2004 unter dem damaligen Teamchef und heutigen FIA-Boss Jean Todt mit Ferrari-Fünffachchampion Michael Schumacher.

Keine Ausreden mehr
Aber nicht nur personell ist Ferrari dank dem kompromisslosen Siegerduo Marchionne/Arrivabene gut aufgestellt: Auch in Sachen Hardware fehlt es im neuen Ferrari-Tempel an nichts. Der Simulator wurde konsequent weiterentwickelt, zudem gabs einen neuen Windkanal und hochmoderne Technik. Nur eines gibt es nicht mehr: Ausreden. Konzernboss Marchionne hat es knallhart formuliert: «Wir wollen den Titel. Dafür müssen wir auf Augenhöhe mit Mercedes kämpfen. Und zwar schon ab Saisonbeginn.» Die Jagd ist eröffnet. Wetten, dass Vettel am nächsten Sonntag im Albert Park mit Hamilton/Rosberg bereits um den Sieg kämpft?

Sauber-Pilot: Felipe Nasr. (Bild: Getty/Mark Thompson)

Sauber-Pilot: Felipe Nasr. (Bild: Getty/Mark Thompson)

Sauber-Pilot: Marcus Ericsson. (Bild: Getty/Mark Thompson)

Sauber-Pilot: Marcus Ericsson. (Bild: Getty/Mark Thompson)