AUTOMOBIL: «So lange einer schnell ist, fährt er»

Obwohl Marcel Fässler (39) den Titel in der Langstrecken-WM knapp verpasst hat, schaut er positiv in die Zukunft. Er glaubt an den vierten Sieg in Le Mans.

Interview Daniel Wyrsch
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Der Schwyzer Marcel Fässler (Nr. 7, vorne) am letzten Samstag in Bahrain in seinem Audi R18. (Bild Audi)

Der Schwyzer Marcel Fässler (Nr. 7, vorne) am letzten Samstag in Bahrain in seinem Audi R18. (Bild Audi)

Interview Daniel Wyrsch

Wir erreichten Marcel Fässler (39) gestern Mittag am Handy direkt nach dem Heimflug aus Manama (Bahrain) im Flughafen Zürich. Für ihn war die Rückkehr in die Schweiz trotz den zuvor 25 bis 30 Grad Tagestemperaturen im Golfstaat kein Klimaschock. Er sei sich daran gewöhnt, wegen seines Berufes in wärmeren Zonen unterwegs zu sein. Würden an einer Renndestination besonders hohe Temperaturen herrschen, gehe er in der Vorbereitung mehr in die Sauna, um sich daran zu gewöhnen.

Marcel Fässler, Sie haben mit dem Audi-Team zum dritten Mal in Folge den WM-Titel verpasst. Lediglich fünf Punkte betrug der Rückstand auf die Gesamtersten nach dem letzten Rennen in Bahrain. Wie gehen Sie damit um, dass es als Gesamtzweiter nicht zum Titel gereicht hat?

Marcel Fässler: Im ersten Moment nach dem Rennen ist man natürlich enttäuscht, das ist klar. Vor allem, weil wir so nahe daran gewesen sind. Über die ganze Saison gesehen ist aber Porsche mit dem stärkeren Hybridmotor leicht im Vorteil gewesen.

Ausgerechnet der Schweizer Landsmann Neel Jani verhinderte mit dem ersten Saisonsieg Ihren Titelgewinn. Wurmt Sie das speziell?

Fässler: Nein, wenn Neel Jani und dessen Porsche-Team im Rennverlauf hinter uns auf Platz 2 gefallen wären, dann glaube ich, hätten sie das Rennen nicht zu Ende gefahren. Damit wäre das in der Gesamtwertung führende zweite Porsche-Team automatisch auf Platz 4 vorgerückt und ebenfalls Weltmeister geworden. Es wäre interessant zu sehen gewesen, wie die Porsche-Stallorder gewesen wäre. Doch Neel Jani hat den Sieg selbstverständlich verdient.

Sie gelten als sehr fitter Autorennfahrer. Obwohl Sie nächstes Jahr den 40. Geburtstag feiern, ist der Rücktritt also noch länger kein Thema?

Fässler: So lange ein Pilot schnell ist, kann er auch fahren. Im physischen Bereich muss ich inzwischen mehr tun als in jüngeren Jahren. Eine gute körperliche Verfassung wirkt sich auch auf die Erholung positiv aus. Aufpassen muss ich wegen Verletzungen beim Trainieren, denn ich bin anfälliger geworden. Insgesamt muss ich den Vergleich mit den Jungen jedoch nicht scheuen, bei einem kürzlich vorgenommenen Test konnte ich problemlos mithalten.

Wie fällt Ihre Saisonbilanz aus, wenn man berücksichtigt, dass Sie als dreifacher Sieger des 24-Stunden-Rennens von Le Mans in diesem Jahr Dritter wurden?

Fässler: In Le Mans hatten wir auch heuer eine reelle Siegeschance, bis uns ein technischer Defekt zurückwarf. Le Mans ist der Saisonhöhepunkt, es war eine Enttäuschung, dass es nicht zuoberst auf das Podest reichte. Ein besseres Abschneiden wäre auch wichtig für die WM gewesen. Insgesamt dürfen wir aber mit der Saison zufrieden sein, die wir in einem von der Pace her leicht unterlegenen Auto bestritten. Der Nachteil des schwächeren Hybrids machten wir mit dem Chassis und der Aerodynamik praktisch wett. Acht Podestplätze in acht Rennen und eine bis zum Schluss offene Entscheidung um den Gesamtsieg sprechen für sich.

Ihre Ehefrau Isabel und die vier Töchter, die zwischen sechs- und zwölfeinhalbjährig sind, dürften nun froh sein, dass die Saison zu Ende ist und Sie wieder gesund zu Hause sind.

Fässler: Für die Familie ist mein Beruf als Rennfahrer nichts Aussergewöhnliches. Meine Frau und die Kinder machen sich um mich keine grossen Sorgen. Sie sind sich daran gewöhnt, dass ich viel weg und dann wieder einige Tage zu Hause bin. Übrigens ist die Saison zwar zu Ende, aber am Samstag wird in München bereits das neue Auto vorgestellt. Anfang Dezember geht es schon wieder mit den Tests für nächste Saison los. Ruhe kehrt bei mir erst zwischen Weihnachten und Neujahr ein, diese Zeit werde ich dann mit meinen fünf Frauen zu Hause geniessen.

Fahren Sie 2016 weiter im Audi-Team mit dem Deutschen André Lotterer und dem Franzosen Benoît Tréluyer?

Fässler: Ich gehe davon aus, dass es keine personellen Änderungen gibt. Bestätigt ist es von Audi Sport nicht, aber da wir in diesem Jahr das beste Audi-Team mit zwei Siegen und acht Podiumsplätzen waren, ist es so zu erwarten.

Hoffen Sie, dass Sie mit Audi nach den prestigeträchtigen Le-Mans-Siegen 2011, 2012 und 2014 ein viertes Mal das legendäre 24-Stunden-Rennen gewinnen und zum zweiten Mal den Langstrecken-Weltmeistertitel holen können?

Fässler: Zu einer Steigerung der Performance wird sicher unser verbesserter Hybridmotor beitragen. Er wird deutlich stärker sein und mehr PS haben, etwa so, wie ihn die Hauptkonkurrenten schon in diesem Jahr hatten.

Sind Sie immer noch viel auf dem Mountainbike, auf Langlauf- und Alpinski unterwegs wie früher?

Fässler: Ich mache diese Sportarten gerne, sie gehören zu meinen Hobbys. Weil ich in diesem Jahr beruflich mehr unterwegs war, kam ich weniger zum Velofahren. Ich freue mich, wenn es jetzt richtig Schnee gibt und ich bei uns direkt vor der Haustür am Sihlsee auf die Langlaufski gehen kann.