Interview

Sportarzt Beat Villiger: «Bach dürfte nicht mehr tragbar sein»

Der ehemalige Spitzensport-Arzt Beat Villiger (76) über Corona, die Olympischen Spiele und IOC-Präsident Thomas Bach.

Interview: Turi Bucher
Drucken
Teilen
Sportarzt Beat Villiger: «Die Olympischen Spiele sind immer noch der genialste Sportanlass.»

Sportarzt Beat Villiger: «Die Olympischen Spiele sind immer noch der genialste Sportanlass.»

Bild: Pius Amrein (Luzern, 25. Februar 2016)

Wie erleben Sie diese schwierigen Tage persönlich?

Beat Villiger: Ich bin überrascht, besorgt und leide mit. Aber ich bin immer noch positiv, denn ich sehe auch eine Chance für grundsätzliche Veränderungen in unserer Konsumgesellschaft.

Und wie erleben Sie diese Zeit als Sportarzt?

Als Covid-19-Verantwortlicher der Medizinischen Kommission der Schweizer Eishockey-Liga und des Internationalen Eishockey-Verbandes war ich von Beginn weg gefordert, vor allem durch das frühzeitige Festlegen der Hygienemassnahmen und Erlassen der Absagen. Die Absage der Eishockey-WM in der Schweiz hat sich aus technischen Gründen hinaus gezögert, ist nun aber beschlossene Sache. Sport zu treiben, so wichtig dies gesundheitlich und psychosozial für uns alle auch ist – für Spitzensportler ebenso wie für Hobbysportler und Kinder –, ist nun für zwei, drei Monate wirklich zur Nebensache geworden.

Beat Villiger

(tbu.) Dr. med. Beat Villiger ist unter anderem Facharzt für Lungenkrankheiten, Innere Medizin, Physikalische Medizin und Sportmedizin im Ruhestand. Er war Schweizer Olympia-Arzt von 1992 bis 2008, in leitender Funktion von 2002 bis 2008, später als Medical Supervisor des Internationalen Eishockey-Verbandes total an 10 Olympischen Spielen mit dabei. Ausserdem hat er neben rund 70 wissenschaftlichen Arbeiten auch Medienbeiträge in den Bereichen Pneumologie, (Spitzen-) Sportmedizin und Immunologie verfasst. Villiger stammt aus Erstfeld, ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

Am Dienstag wurden die Olympischen Spiele 2020 von Tokio auf 2021 verschoben. Ihre Reaktion?

Die Verschiebung ist ein absolut richtiger, alternativloser Entscheid. Ich habe schon vor zehn Tagen gesagt, dass eine Verschiebung zwar schwierig, aber notwendig sei. Es ging letztlich auch um versicherungstechnische Fragen in Milliardenhöhe. Weil aber Japans Ministerpräsident Shinzo Abe zuletzt auf eine Verschiebung drängte, ist IOC-Präsident Thomas Bach diesbezüglich «fein raus». Sein zögerliches Verhalten und seine Idee, wohl aus finanziellen Gründen auch unfaire Olympische Spiele durchzuführen, hat aber der olympischen Idee so schwer geschadet, dass er als IOC-Präsident nicht mehr tragbar sein dürfte.

Gab es überhaupt noch Gründe, die für eine Durchführung sprachen?

Die Olympischen Spiele sind immer noch der genialste Sportanlass. Die olympische Idee, das Aufeinandertreffen aller Sportlerinnen und Sportler, das ist faszinierend und unübertroffen. Und wie erwähnt gibt es auch ökonomische Gründe. Das Problem wäre nicht allein der Termin im Juli und August gewesen, sondern auch die unterschiedlichen Vorbereitungsphasen auf vielen Ebenen. Lokal, in den Nationen, bei den Athletinnen und Athleten, bei den diversen Verbänden. Dazu kommen teilweise fehlende Selektionswettkämpfe, unterschiedliche epidemiologische Ausgangslagen in den einzelnen Ländern und auch die fehlenden Dopingkontrollen. Das wäre alles weit weg von der olympischen Fairness gewesen. Die Absage für dieses Jahr war die einzige Möglichkeit.

Was bedeutet die Verschiebung für die Sportler nun genau?

Der grosse Druck und die Unsicherheit sind endlich weg. Mit der Verschiebung um ein Jahr bleibt den Athleten die Hoffnung, nächstes Jahr an den Olympischen Spielen teilnehmen zu können. In vier Jahren wäre es für viele Sportler nur noch ein Traum geblieben. Nun können sie Körper und Psyche herunterfahren, sich regenerieren und eventuell in einigen Wochen einen neuen Trainingsaufbau starten.

Gestern wurde entschieden, dass bereits qualifizierte Athleten nächstes Jahr in Tokio automatisch dabei sind. Ist das korrekt?

Ich befürworte, wenn bereits Qualifizierte diese Chance erhalten, sofern sie nachweisen können, dass sie fit sind. Erschwert wird das Ganze aber dadurch, dass viele Fachverbände nächstes Jahr Welt- oder Kontinentalmeisterschaften durchführen wollen, welche mit neuen Selektionen in Konkurrenz stehen werden. Es wird so oder so ein Gerangel geben, selbst wenn es im nächsten Winter keine neue Coronawelle gibt.

Werden Sie nächstes Jahr in Tokio auch wieder Mitglied der Schweizer Delegation?

Nach 10 Olympiaden zuerst als Chefarzt von Swiss Olympic und später als Supervisor der medizinischen Organisation und der Dopingkontrollen im Auftrag des Internationalen Eishockey-Verbandes übernehmen nun jüngere Ärzte diese Aufgabe.

Die ganze Schweiz wurde im März von der Corona-Welle überrascht. Wie hat die Schweiz aus Ihrer Sicht reagiert?

Nach verhaltenem Beginn – der Föderalismus ist halt in unserer Schweizer DNA – haben die nationalen und kantonalen Behörden gut reagiert. Das medizinische Personal stemmt eine sensationelle Leistung. Ungenügend dagegen, ja geradezu peinlich war die zögerliche finanzielle Unterstützung für die Wirtschaft beziehungsweise für das Kleingewerbe und für Arbeitnehmer. Zum Glück wurde am vergangenen Freitag ein gewaltiger Schritt vorwärts gemacht. Ich bin auch enttäuscht von uns Älteren und einigen uneinsichtigen Jugendlichen, dafür begeistert vom Ideenreichtum und von der Initiative der meisten Anderen, insbesondere der Eltern und der Lehrerschaft.

Nicht nur die Schweiz hat zögerlich reagiert. Die ganze Welt war quasi unvorbereitet.

Mit meinen vielen Auslandstätigkeiten, beruflich und bei Dutzenden von sportlichen Grossanlässen, habe ich geglaubt, alles erlebt zu haben. Und nun das! Aber als Weltbürger sehe ich auch hier eine Chance für ein besseres Zusammensein, für eine bessere Welt.

Was haben die Sportverbände falsch gemacht? Was richtig?

Es gibt ja mehrere Hundert Verbände. Grundsätzlich waren sie national und international aus verschiedensten Gründen häufig zu spät. Kompetent kann ich es nur aus der Sicht des Internationalen Eishockey-Verbandes beurteilen. Das Medical Board hat sich bereits im Februar in Budapest getroffen und die Situation zusammen mit weltführenden Virologen und Epidemiologen analysiert. Einfacher hatte es daher sicher der Schachverband: Ihre Athleten bleiben drinnen und haben immer eine Tischbreite Abstand (schmunzelt).

Muss ein Spitzensportler sich im Moment komplett abschotten? Wie und was soll er jetzt trainieren?

Abschotten nicht. Aber während der Epidemie können die Profis individuell oder maximal in Kleinstgruppe trainieren und müssen die Regeln einhalten. Was das Training betrifft: Ich bin Sportarzt, die innovative Trainingsgestaltung überlassen ich den Athletiktrainern. Die können das besser.

Müssen Sportler nun generell damit rechnen, dass Sie für längere Zeit pausieren müssen?

Ja! Gleichzeitig ist es aber wichtig, die Richtlinien des Bundes auch im Sport einzuhalten. Gesunde sollen weiterhin individuell Sport treiben. Für Teamsportler ist das natürlich ein grösseres Problem. Home- und einsame Outdoor-Fitness ist für einmal für Hobby- und Gesundheitssportler «in». Originelle Alternativen sind gefragt.

Zum Beispiel?

Entdecken wir doch in unserem eigenen Umfeld die vielen Möglichkeiten und Offerten. Die Mineralwasserflasche als Hantel, die Treppe mit und ohne Rucksack aus Ausdauertraining, die Stühle als Turngeräte, der Gang in den Keller mehrmals wiederholen, die Stube als Tanzdiele, das Jonglieren mit Hand und Fuss. Oder einfach mal den Kopfstand üben. Moderater Sport aller Art unterstützt die Funktion des Immunsystems, welches wir leider, entgegen landläufiger Meinung, nicht stimulieren können. Treiben Sie aber vorsichtig Sport, da die Spitäler jetzt anderes zu tun haben, als einen Unfall eines Hobbysportlers zu behandeln.

Wie sieht es bei der Ernährung aus?

Wenn Sie sich mit viel Früchte und Gemüse ernähren, können Sie alle Vitaminpräparate, die nicht ärztlich verordnet sind, sowie ähnliches Pseudo-Immunstimulierendes vergessen. Sie machen dann nur teuren Urin, der nichts und niemandem nützt, ausser finanziell dem Produzenten. Verhindern Sie vor allem psychischen und körperlichen Stress. Denn die Stresshormone Kortison und Noradrenalin beeinträchtigen die immunologische Abwehr auf Aggressoren wie das Coronavirus. Wir kennen solche Vorgänge vom Spitzensport, wenn auch nicht im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Sie sind selber 76 Jahre alt, gehören selber zu einer Risikogruppe. Was tun Sie, wie schützen Sie sich, wie sehen Ihre Tage zur Zeit aus?

Immunbiologisch bin ich etwa 64 (lacht). Spass beiseite: Ich halte die Richtlinien ein, was mir als sozio-emotionalen und geselligen Individuum nicht leicht fällt. Ich gehe mit meiner Frau und mit dem Hund wandern, wir pflegen unseren Terrassengarten und unseren Weinberg. Ich koche verrückte Menüs. Ich bin viel am Laptop, am Radio, am TV. Und ich geniesse trotz allem die gewonnene Zeit, vor allem Abende mit meiner Frau.

Wann, glauben Sie, wird die Corona-Kurve in der Schweiz nach unten zeigen?

Das hat nicht viel mit Glauben zu tun. Aufgrund des epidemiologischen Zahlenmaterials, der Expertenmeinungen und unserer neuen Sozialhygiene hoffe ich einfach, dass wir den Peak in zwei, drei Wochen erreichen.

Es ist auch die Rede von einer zweiten Corona-Welle. Wird die Welt, wird der Sport für längere Zeit stillstehen?

Das ist etwas für Kaffeesatzleser.

Zum Schluss ihr Ratschlag, Ihr Zuruf an alle Sportler.

Für einmal ist nicht Ausdauer, Kraft oder Koordination gefragt. Sondern Verantwortungsbewusstsein, Gehorsam und Fantasie.