Alex Frei im grossen Interview: «Der Fussball muss zurück an die Basis»

FC-Basel-Legende und aktueller U21-Trainer Alex Frei plaudert aus dem Nähkästchen zum Thema Glücksgefühle. Im Interview spricht er über seinen neuen Job, über schwierige Gespräche und wundert sich über das Wirtschaften einiger Clubs.

Alexandra Toscanelli
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Alex Frei, Sie haben das Wort Glücksgefühle gezogen. Mit welchem Moment verbinden Sie besondere Glücksgefühle?

Alex Frei: Mit der Geburt meiner zwei Kinder. Das ist das grösste Glücksgefühl, das ich bis jetzt gehabt habe. Aber es gibt unglaublich viele glückliche Momente. Zum Beispiel auch die Hochzeit mit meiner Frau.

Erzeugt die Familie mehr Glücksgefühle als Tore und Titel im Fussball?

Falls ich eine Prioritätenliste machen muss, ist Familie eins und Fussball zwei. Ich versuche aber immer, dass es etwas Gemeinsames ist. Dass die Familie auch an Glücksgefühlen von mir beteiligt ist, wenn sie im Sport stattfinden. Aber es muss im Einklang sein. Denn wenn die Familie nicht stimmt, dann wird es im Beruf schwierig. Aber wenn man im Beruf nicht so glücklich ist, kann dir die Familie helfen. Das ist der Unterschied.

Wann waren Sie besonders froh, den Rückhalt der Familie zu spüren?

Da wäre die Euro 2004 (mit der Spuckaffäre Anm. d. Red), wo ich mit der Familie ein Auffangbecken gehabt habe. Oder bei der Euro 2008, als ich mich verletzt habe. Das war sehr schwierig, aber da waren die Familie und auch meine jetzige Frau für mich da. Und auch nach der schwierigen Luzern-Zeit war vor allem die Familie massgebend. Da konnte ich die Batterien aufladen.

Nach 20 Monaten als Sportchef in Luzern brauchte der damals 35-Jährige 2014 erstmals eine Auszeit.

Nach 20 Monaten als Sportchef in Luzern brauchte der damals 35-Jährige 2014 erstmals eine Auszeit.

freshfocus

Mittlerweile arbeiten Sie seit vielen Jahren erfolgreich als Trainer. Gibt es da auch Glücksgefühle?

Selbstverständlich. Der Wiederbeginn war als Trainer bei der AS Timau in der 2. Liga. Ich habe gemerkt, dass mir das unglaublich gut tut und dass es auch das ist, was ich zukünftig machen möchte. Ich habe dann aber nicht gewusst, wo der Weg hin geht. Ich dachte, ich helfe in dem 2.-Liga-Club und schaue, ob meine Ideen funktionieren und das haben sie. Ich bin dann ein bisschen auf den Geschmack gekommen und habe meine Trainerdiplome gemacht. Heute weiss ich, dass ich für die Zeit in Luzern dankbar bin, denn es hat Vieles verändert in meinem Leben. Es war ein Glück, denn dadurch habe ich beruflich herausgefunden, was ich eigentlich machen möchte.

Was hat diese Zeit konkret verändert?

Ich weiss, dass ich als Spieler immer polarisiert habe. Und dass ich nicht unbedingt der Typ war, den alle gerne umarmt hätten, wenn ich einen Raum betrat. Irgendwann fragte ich mich selber: Muss ich mich vielleicht ändern? Muss ich vielleicht die Haltung gegenüber den Leuten ändern? Muss ich vielleicht offener sein für Anderes? Und das habe ich gemacht. Vieles davon habe ich auch bei den Weiterbildungen im Trainerberuf gelernt.

Hat man als Trainer oder als Spieler mehr Glücksgefühle?

Das muss man differenzieren. Als Spieler bist du Nehmer und als Trainer bist du Geber. Also sind das zwei unterschiedliche Berufe.

Auf beiden Berufen haben Sie wunderbar glückliche Momente gehabt?

Ja. In meiner bisherigen Trainerkarriere gab es viele unglaubliche Glücksmomente. Aber auch schwierige Prozesse. Zum Beispiel: Als U15 Trainer musste ich Spielergespräche führen, in denen du ihnen sagen musst, dass es beim FC Basel nicht weitergeht. Sag das mal einem 14- oder 15-Jährigen. Das hat mich am Anfang unglaublich mitgenommen. In einer U18 zu sagen, es geht nicht weiter, geht in das ähnliche Muster, aber sie sind älter. Inzwischen fällt es mir ein bisschen leichter, weil es zu meinem Beruf gehört, Entscheidungen zu treffen und diese mitzuteilen.

Nach der Coronapause sind Sie in der FCB U21 eingesprungen. Trainieren Sie das Team auch im kommenden Jahr?

Ich wüsste nichts anderes. Es ist von der Nachwuchsabteilung geplant, dass ich die U21 auch in der nächsten Saison übernehme.

Hat Corona Ihre Glücksgefühle beeinträchtigt?

Nein. Ich habe die zusätzliche Zeit mit der Familie sehr genossen. Es war eine Entschleunigung. Es war eine Zeit zum Nachdenken. Aber es war kein Regenerieren, überhaupt nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich eine Regenerierzeit gebraucht hätte. Aber es war wirklich ein Geniessen mit der Familie. Es war cool, ein bisschen eine Aufteilung zu haben. Ich mache die Sachen mit dem Sohn für den Kindergarten, Basteln, Zeichnen und solche Sachen und meine Frau hat dann die Sachen gemacht, die für die Schule sind. Es war nach langem oder eigentlich das erste Mal seit sechs Jahren, als alle zu Hause waren miteinander über mehrere Wochen.

Alex Frei kann sich immer auf seine Frau Nina verlassen. Hier sind sie zusammen an der FCB Gala 2018.

Alex Frei kann sich immer auf seine Frau Nina verlassen. Hier sind sie zusammen an der FCB Gala 2018.

Nicole Nars-Zimmer

Glauben Sie eigentlich an Glück? Ist es für Fussballer nicht schädlich, aufs Glück zu vertrauen?

Das wäre nicht gut. Ich versuche den Spielern zu vermitteln, dass Glück an sich nicht unbedingt der ideale Begleiter ist. Sondern eher, dass man alles dafür tun muss, um das Glück zu bekommen. Ich sage, wenn ihr alles dafür macht, dann werdet ihr irgendwann dafür belohnt. Darin hat es aber eine Aussage, die gefährlich ist. Es gibt viele Familienväter, die alles dafür machen, aber das Glück küsst sie nie. Es gibt Leute, die relativ in der Armut leben, obwohl sie eigentlich alles für ein besseres Leben tun. Jemand der zwölf Stunden auf dem Bau arbeitet, der macht ja alles dafür, aber er ist finanziell nicht abgesichert. Der hat das Glück nicht, nur weil er den Aufwand betreibt. Dem bin ich mir immer bewusst.

Hat das Glück der Fussballer nur mit dem Erfolg zu tun oder auch mit dem Geld?

Ich versuche auch zu vermitteln, dass der finanzielle Aspekt im Fussball automatisch kommt, je besser du bist. Ich hoffe, dass sich genau das im Fussball mit der Coronakrise reguliert. Dass Ablösesummen, die jenseits von Gut und Böse sind, ruhig ein bisschen zusammenschrumpfen. Das Problem ist aber, dass es Spieler gibt, wie Neymar oder Mbappé, die schon ihren Wert haben. Aber die Mittelklasse ist zu teuer geworden. Das ist das Problem.

Sollen die reichen Fussballer nicht vom Staat subventioniert werden?

Man muss zwischen Schweizer- und ausländischem Fussball differenzieren. Im Ausland ist wesentlich mehr dahinter als in der Schweiz. Die Krise zeigt schonungslos auf, wenn Clubs nicht gut wirtschaften. Aber ich glaube nicht, dass man das nur auf den Sport ummünzen kann. Es kann nicht sein, dass der Bund Hilfspakete für Firmen zur Verfügung stellt und ein Tag danach schon viele Firmen Übergangskredite beantragen müssen. Das ist mir ein Rätsel. Ich habe mal gelernt, ich soll immer nur das ausgegeben, dass ich einnehme.

Hätten Sie nach Ihrer Fussballerkarriere wegen dem Geld überhaupt noch arbeiten müssen?

(lacht). Ich habe mich im Fussball schon während der Karriere so aufgestellt, dass ich in Zukunft nicht abhängig vom Fussball sein müsste.

Fussball war in der letzten Wochen eher ein schwieriges Thema. Vereine haben kein Geld, Spieler wollen nicht auf Lohn verzichten. Was kann der Sport machen, um wieder in die richtige Spur zu kommen?

Der Fussball generell muss sich auf die Normalität besinnen. Dass beispielsweise das Financial Fairplay zu 100 Prozent umgesetzt wird, wäre ein erster Schritt. Ich glaube, die Uefa und die Fifa sind da dran. Jeder Club muss lernen, wo gehöre ich hin und wo will ich hin. Das heisst, dass wenn ich ein Ziel habe, irgendwo Champions League, dann muss ich immer wissen, mit welchen Clubs konkurriere ich. Was für ein Aufwand muss ich betreiben, um dort hin zu kommen.

Was mir noch bewusster in dieser Coronazeit geworden ist, ist die Wichtigkeit der Fans. Der Fussball muss zurück an die Basis, zurück zum Fan. Weil der Fussball ist eigentlich ein Kulturgut. Es ist nicht so, dass die Haltung eines Fussballclubs sein sollte, ja die kommen sowieso. Nein, sondern der Fussballclub muss alles machen, dass der Fan kommt.

Wie erleben Sie die Geisterspiele in der Bundesliga?

Die Spiele sind auf hohen Niveau. Aber ich muss sagen, dass es ohne Fans Null mit Fussball zu tun hat.

Alex Frei weiss, wie es sich anfühlt, in der Bundesliga zu spielen. Hier 2009 beim BVB.

Alex Frei weiss, wie es sich anfühlt, in der Bundesliga zu spielen. Hier 2009 beim BVB.

Keystone

Sie waren bei Hannover 96 im Gespräch, haben sich dann aber doch entschieden, beim FCB im Nachwuchs zu bleiben. Warum?

Das hat nicht mit Nachwuchs und Nicht-Nachwuchs zu tun, sondern eigentlich damit, dass ich meine Trainerkarriere wie meine Spielerkarriere handhabe. Wenn man auch meine Planungen in der Vergangenheit als Spieler anschaut, dann ist jeder Transfer, den ich gemacht habe, ein next Step. Aber der nächste Schritt war immer sinnvoll, zumindest aus meiner Sicht. Vielleicht mag es für einen anderen überraschend gewesen sein, dass ich von Servette zu Rennes ging und nicht in die Bundesliga. Aber für mich war es der logische Schritt und er hat gepasst. Und so halte ich das auch als Trainer. Es ist ein Abwägen: Was sind Vorteile, Chancen, Risiken? Was ist es für ein Konstrukt, wie ist dieses aufgebaut? Passe ich dort hin? Passe ich nicht dorthin? Und am Schluss musste ich eine Entscheidung treffen, ist es der Zeitpunkt, an dem es passt und ich „ja“ sagen kann oder passt es nicht. Wenn du das Gefühl hast, dass es jetzt im Moment nicht der richtige Schritt ist, dann darfst du nicht gehen.

2005 kickte Alex Frei noch bei Rennes und blieb auch dreieinhalb Jahre.

2005 kickte Alex Frei noch bei Rennes und blieb auch dreieinhalb Jahre.

Keystone

Könnte es auch sein, dass Sie sich Hoffnungen auf die Nachfolge von Marcel Koller als FCB-Trainer gemacht haben und deshalb nicht zu Hannover gingen?

Ich bin froh, dass Sie das fragen. Für mich ist das zurzeit kein Thema.

Auch in der kommenden Saison?

Ja. Ich halte es wie damals als Spieler: Ich war nie der Typ, der diese Floskelbekenntnisse gemacht hat. Ich sage nicht, ich liebe meinen Club und unterschreibe zwei Wochen später woanders. Das bin ich nicht. Aber wenn Sie fragen: Ich bin U21-Trainer und das mit jeder Faser meines Körpers.

Sie haben bereits als Spieler das Glück im Ausland gesucht? Schauen Sie sich dort auch als Trainer um?

Ich hatte in meiner Spielerkarriere das Glück, dass ich nie in der Konstellation war und etwas suchen musste. Ich bin immer abgeworben worden. Also es ist immer irgendjemand auf die Idee gekommen, der Alex ist noch ein schlauer Spieler, den wir brauchen könnten. Das war mein Glück. Als Trainer ist das auch so. Ich habe nicht sieben Berater, die in ganz Europa rumrennen, um den Alex Frei unter die Leute zu bringen. Die zwei Clubs aus dem Ausland (Kiel und Hannover Anm. d. Red.) fanden selber, dass ich in der U15 und danach drei Jahre in der U18 ganz ordentlich gearbeitet habe und, dass ich zu ihnen passen könnte. Das beeinflusse ich gar nicht. Es wäre aber auch eine absolute Überheblichkeit, wenn du als junger Trainer sagst, dass du nicht nach Kiel oder Hannover gehst, dich dort vorstellst und den Interessent kennenlernst. Da muss ich sagen, dann hältst du dich für jemand, der du noch nicht bist.

Wären Sie bereit, jetzt als Trainer zum Aktivfussball zu wechseln?

Grundsätzlich habe ich jetzt eine siebenjährige Ausbildung hinter mir. In welcher ich versuche, das zu vermitteln, was ich mit der Erfahrung als Spieler und Trainer gelernt habe. Ich will meinen Spielern die bestmögliche Voraussetzung schaffen, dass sie in erster Linie im Super-League-Kader vom FC Basel bestehen können. In zweiter Linie will ich die Spieler so ausbilden, damit der FCB auch von ihnen profitieren kann, wenn sie einen anderen Weg einschlagen und den Club wechseln. Das ist mein Job. Es ist aber auch klar, dass ich irgendwann wieder das Gefühl habe, dass ich den Druck und mehr Verantwortung brauche. Auch im Nachwuchs hast du Verantwortung, aber es ist eine andere Verantwortung im Profibereich. Irgendwann wird dieser Moment kommen, er ist heute noch nicht da. Also nicht dass ich wüsste, aber es kann morgen oder übermorgen so sein. Aber es muss immer passen. Das will ich damit vermitteln. Es ist das Projekt massgebend und nicht, dass man jetzt einfach den nächsten Schritt macht.

Was wäre ein reizendes Projekt?

Das sind viele Kriterien. Beispielsweise die Ambitionen, wo will der Club hin im nächsten Jahr, in den nächsten zwei Jahren. Was will man erreichen, was sind die Strukturen. Ist dort ein Club, bei dem vier Mal der Sportchef gewechselt hat in den letzten zwei Jahren. Ist es ein Club, bei dem der Präsident sechs Mal gewechselt hat in den letzten drei Jahren. Das sind alles Fragen, die ich mir stelle.

Das tönt grundsätzlich so, als wären Sie offen für alles?

Ich wehre mich gegen „offen für alles“. Das bedeutet, man lässt sich Möglichkeiten offen. Aber das mache ich nicht. Das war schon als Spieler nicht anders. Nach einem Jahr in Dortmund hätte ich wieder gehen könnten, bin ich nicht und blieb anschliessend drei Jahre. Auch in Rennes gab es die Möglichkeit, nach einem Jahr zu gehen, aber ich blieb dreieinhalb Jahre. Obwohl ich beispielsweise nach Paris, Marseille und Lyon hätte gehen können. Ich hatte aber dem Präsidenten nach der ersten Saison versprochen, dass ich nie für einen anderen französischen Club spielen werde und dann halte ich mich daran. Und dann war der nächste Schritt Dortmund. So funktioniere ich.