Basels Sportvereine

Der FC BVB: Eine Zeitungsannonce rettete den ehemaligen Trämmli-Club

Mehrere Schweizermeistertitel, den Verlust der Kasse und eine Beinahe-Auflösung: Der FC BVB erlebte schon einige verrückte Episoden.

Julian Förnbacher
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ZVG/FCBVB

Einerseits Fünftligist, andererseits Schweizermeister. Dieses krasse Gegensatzpaar steht über der Geschichte des FC BVB oder FC Basler Verkehrsbetriebe, wie der Verein mit vollem Namen heisst. 1934 als Fussballverein ausschliesslich für Mitarbeiter der BVB gegründet und zunächst in der Meisterschaft des Arbeiter Turn- und Sportverbands aktiv, entwickelte sich der FC BVB bis heute zu einem jener kleinen Stadtvereine, wie man sie in den unteren Ligen oft trifft: ohne grosse Ambitionen, dafür mit friedlichem Klima, grosser Kameradschaft und gelebtem Amateurgeist. Seit der Öffnung für Nicht-BVBler und dem Übertritt zum Schweizer Fussballverband tritt der FC BVB in der regulären Liga an, stellt dort eine Aktivmannschaft in der 5. und damit tiefsten Liga der Region sowie zwei Senioren-Mannschaften (40+ und 50+).

Der FC BVB: Früher noch ein exklusiver Strassenbahner-Verein, heute ein Club mit 5.-Liga-Team und Senioren.

Der FC BVB: Früher noch ein exklusiver Strassenbahner-Verein, heute ein Club mit 5.-Liga-Team und Senioren.

ZVG/FC BVB

In der Bedeutungslosigkeit, die ihre Ligahöhe suggerieren könnte, verschwinden die ehemaligen Trämmli-Kicker aber gleichwohl nicht: Denn obschon der Verein heute de facto vom Namensgeber getrennt ist und nur noch rund zwanzig Prozent der Mitglieder als Tram- oder Buschauffeure tätig sind, machte sich der FC BVB in der Szene der Verkehrsbetriebe schweizweit einen Namen. Elfmal gewann der Verein die inoffizielle Schweizermeisterschaft des Berufsverbunds.

FC BVB


Gründungsjahr: 1934

Mitglieder 2019: 90

Vereinsfarben: grün/schwarz

Heimstätte: Rheinacker

Bekannte Ex-Spieler: keine

Motto: Freu(n)de auf und neben dem Fussballplatz

Grösste Rivalen: VFR Kleinhüningen (Senioren 40+), die Rivalität ist rein sportlich. Neben dem Platz besteht ein ausgezeichnetes Verhältnis.

Grösste Erfolge: mehrfacher Schweizer Meister der Verkehrsbetriebe, zweimal Aufstieg in die 4. Liga, «Durchmarsch» Senioren regional bis Senioren Meister,

Das unterscheidet uns von anderen Vereinen: Konstanter Vorstand seit etwa 20 Jahren, familiärer Umgang, Oase des Friedens in hektischen Zeiten.

In einem zweijährigen Turnus wurde das Turnier, bei dem sich die Verkehrsbetriebe von Basel über Zürich, Luzern, St. Gallen bis nach Genf oder Lausanne duellierten, ausgetragen. 2009 fand das Turnier letztmals statt. Die Basler feierten dabei den letzten Titel in der Senioren-Kategorie. «Der Aufwand, dieses zweitägige Turnier mit einem Abendprogramm zu organisieren, ist mittlerweile schlicht zu gross. Deshalb ist es leider ausgestorben», erklärt FC-BVB-Präsident Thomas Rogantini. Dies sei für die Spieler enorm schade, denn an jeden Turnieren sind doch so manche Anekdoten entstanden. «Das begann jeweils schon mit der Anfahrt. Dort haben wir nämlich einen alten BVB-Linienbus gestellt bekommen, mit dem wir dann durch die halbe Schweiz getuckert sind», erzählt er.

Dass die legendären Fahrten überhaupt möglich waren, ist indes einem schicksalhaften Tag im Jahr 1991 zu verdanken. Damals stand der Verein wegen Spielermangels kurz vor dem Rückzug. Kurt Rub, der heutige Ehrenpräsident, entschloss sich zu einer letzten Verzweiflungstat: Auf dem Schwarzen Brett des «Baslerstabs» schaltete er eine Annonce, um neue Spieler anzulocken. René Schweri sah jenes Inserat und beschloss, seine Jugendfreunde, die in verschiedensten Vereinen verteilt kickten, zusammenzutrommeln und fortan gemeinsam für den FC BVB zu spielen. Ganze 16 Kicker folgen seinem Ruf, der Verein wurde gerettet.

Die Serie: Basels Sportvereine im Porträt


In einem langfristigen Projekt porträtiert die bz Sportvereine der Region auf einer ganzen Zeitungsseite und auch auf unserem Onlineportal. Bist auch Du in einem Verein, der eine tolle Geschichte zu erzählen hat, dann schreibe eine E-Mail an sportbasel@chmedia.ch

Die meisten davon sind heute noch da. Einige wie Schweri oder Rogantini gehören seit über zwanzig Jahren zum Vorstand. Geblieben sind sie alle wegen der Kameradschaft. Während bei ambitionierteren Vereinen vielleicht das Geschehen auf dem Rasen komplett im Vordergrund stünde, ist das beim FC BVB anders: «Das familiäre Klima ist uns enorm wichtig. Wir wollen auch neben dem Fussball füreinander da sein. Deswegen gibt es bei uns auch regelmässige Events wie Ski-Wochenenden, Weihnachtsfeiern oder früher die Lotto-Matches», sagt er.

Der Kassier vergass Geld auf dem Dach seines Autos

Ein solcher Lotto-Match steht im Zentrum einer weiteren verrückten Episode der Vereinsgeschichte. Es passiert im März 1999: Der FC BVB verkauft im Restaurant Wiesental Lose, um die Vereinskasse trotz des bis heute rekordverdächtig tiefen Mitgliederbeitrags von 100 Franken zu füllen. Rund 2500 Franken nimmt der Verein an jenem Abend ein. Am Ende des Anlasses macht sich der Kassier, dessen Name nicht genannt werden soll, auf den Heimweg. Als er die Autotür aufschliesst, legt er das Couvert mit dem Geld aufs Autodach. Am nächsten Morgen folgt der Schock: Die Couverts sind weg. «Er hatte sie auf dem Autodach liegen lassen. Wir lachen heute noch darüber, auch wenn es damals natürlich blöd für uns alle war. Der Kassier hat den Job übrigens immer noch», scherzt Rogantini.

In alten Zeiten war der Trämmli-Club aus Basel mehrfach Schweizer Meister.

In alten Zeiten war der Trämmli-Club aus Basel mehrfach Schweizer Meister.

FCBVB

Der FC BVB verdaut auch diese Mini-Krise problemlos. Die Beständigkeit des Vereins steht jedoch schon bald wieder vor einer nächsten harten Probe: Weil der Verein keine Juniorenabteilung hat, fehlen wieder Nachrücker im Aktiv- und Seniorenbereich. Auf den Seniorenstufen muss der Verein gar schon in einer Spielgemeinschaft mit BCO Alemannia Basel antreten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Gut möglich also, dass Kurt Rub demnächst wieder ein Schwarzes Brett aufsuchen muss, damit der ehemalige Schweizermeister weiterbestehen kann.

Legenden-Interview mit Kurt Rub: «Du kannst auch mal stehen bleiben, das merkt keiner»

Ehrenpräsident Kurt Rub

Ehrenpräsident Kurt Rub

ZVG/FCBVB

Kurt Rub stiess 1974 zum FC BVB, damals noch als einer der wenigen Nicht-Strassenbahner im Team. Für den Verein spielte er als Aktiver und als Senior. Heute ist der 73-Jährige Ehrenpräsident. Vor seiner Fussballkarriere war er in den 1970ern Radprofi, fuhr unter anderem an der Tour de France.

Wie bist Du zum FC BVB gekommen?

Als Junior habe ich im Aargau gespielt. Dann wurde ich Profi-Radfahrer und konnte während zehn Jahren nicht spielen. Durch den Onkel meiner Frau bin ich dann mit 28 Jahren zum FC BVB in die 4.-Liga-Mannschaft gestossen.

Ganz so eine grosse Karriere wie im Radsport konntest Du also im Fussball nicht hinlegen.

Nein, obenraus hat es mir nie gereicht, ich war auch nicht das ganz grosse Talent. Aber auf dem Rasen stand für mich auch immer nur die Freude im Vordergrund.

Was macht den FC BVB besonders?

Die Kameradschaft im Verein ist für mich das A und O. Schon von Anfang an hat mir das imponiert. Ich war ja nach nur einem Jahr schon Vizepräsident, das sagt glaube ich einiges (lacht).

Möchtest Du je einmal austreten?

Ganz sicher nicht. Der Verein bedeutet mir enorm viel. Ausserdem komme ich als Ehrenpräsident ja gar nicht mehr aus dem Verein heraus (lacht).

Wie würdest Du deine beiden Sportarten vergleichen?

Velofahren ist härter als Fussball. Man muss viel mehr trainieren und den inneren Schweinehund öfter und extremer überwinden. Als Profi bin ich pro Jahr von den Kilometern her sicher einmal rund um den Globus gefahren. Die Intensität ist eine andere, beim Fussball kannst du auch mal kurz stehen bleiben, das merkt keiner. Im Radsport ist das kritisch (lacht).

Die Umstellung von der Tour de France in die 4. Liga muss ziemlich extrem gewesen sein.

Ja. Das eine war ein Beruf, das andere ein Hobby. Aber auch körperlich ist es ein himmelweiter Unterschied. Aber nach zehn Jahren als Profi war es eine willkommene Abwechslung, einfach aus Freude Sport zu treiben und nach dem Einsatz ein Bierchen trinken zu können (lacht).

Was bevorzugst Du: Mannschafts- oder Einzelsport?

Wenn man grosse Ziele hat, dann eher Einzelsport. Da ist man alleine für seine Leistung und seinen Erfolg verantwortlich. Was dort aber fehlt ist die enorme Kameradschaft, man fährt zwar in einem Team aber das kann man nicht mit einem Fussballclub vergleichen. Die dritte Halbzeit mit dem Team habe ich erst in meiner Amateurzeit kennen- und lieben gelernt.

Wie stark wart ihr da?

Wir waren immer ziemlich berüchtigt und sind es auch heute noch. Wir bleiben eigentlich nach jedem Spiel sitzen und sind meistens die letzten, die gehen. Deshalb gehe ich auch heute noch an jedes Spiel der Senioren, obwohl ich nicht mehr spiele.

Mit dem Fussball konntest Du also noch nicht abschliessen. Wie sieht es mit dem Radsport aus?

Auch da bin ich noch ziemlich angefressen. Man sieht mich schon noch ab und zu auf dem Velo, etwa wenn ich an die Spiele des FC BVB oder des FC Basel fahre.

Wenn Du einen Wunsch frei hättest für den FC BVB, was wäre das?

Dass wir auch in Zukunft neue Spieler finden und es den Verein noch so lange wie möglich gibt. Ein 100-Jahr-Jubiläum wäre schön.