Schiesssport
Der Scharfschütze, ein Felsen im Korsett

Der 18-jährige Sandro Loetscher pendelt täglich von Gelterkinden nach Thun. Lehre und Training finden auf Berner Boden statt, im Baselbiet übernachtet der Junioren-EM-Zweite nur.

Patrick Pensa
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Starr wie eine Statue: Sandro Loetscher im Schiesskeller Gelterkinden. ppe

Starr wie eine Statue: Sandro Loetscher im Schiesskeller Gelterkinden. ppe

bz Basellandschaftliche Zeitung

Normalerweise trainiert Pistolenschütze Sandro Loetscher in Uetendorf. Heute aber kommt Stefan Degen, der Präsident des Schützenvereins Gelterkinden, direkt von der Arbeit und öffnet den Schiesskeller extra für den 18-Jährigen. Der Lehrling war schon in vielen Schützenvereinen: Liestal, Schmitten, Gelterkinden und Uetendorf. Je nachdem, wo der Pistolenschütze gerade zu Hause war.

Jeden Morgen um 5.30 Uhr auf den Zug

Jetzt wohnt er wieder bei seinem Vater in Gelterkinden, absolviert die Tiefbaulehre aber in Bern und Thun. Dies bedeutet nicht nur viele Bahnkilometer, sondern auch frühes Aufstehen. Jeden Morgen um 5.30 Uhr besteigt Loetscher den Zug. Je nachdem wie lange das Training dauert, fährt er zwischen 22 und 23 Uhr wieder in Gelterkinden ein. «Man gewöhnt sich daran und die Zeit im Zug nutze ich fürs Lernen», sagt der 18-Jährige. Seine tiefen Augenringe zeugen trotzdem von einem Schlafmanko. «Darauf werde ich oft angesprochen – und nein, ich habe keine asiatischen Wurzeln.»

Im August gewann Loetscher in Belgrad an der Junioren-EM mit der Sportpistole über 25 Meter Silber. Im Teamwettkampf konnten die Schweizer – auch dank eines Exploits des Baselbieters – mit Meisterschaftsrekord gewinnen. Nun beginnt für den Schützen die Wintersaison, in der nur mit der Luftdruckpistole geschossen wird. Insgesamt hat Loetscher drei Sportgeräte, wie er die Pistolen nennt. Die Luftdruckpistole hat nur einen angepassten Griff. Seine Schnellfeuerpistole ist da schon etwas spezieller: Statt der normalen kleinen Bleigewichte am Lauf hat der in einer Woche 19-Jährige sechs Wolframgewichte angebracht. «Mehr Gewicht bedeutet mehr Trägheit», erklärt er. Der Waffenmechaniker hätte nach dem Einschiessen gesagt, dass er erstmals seit langem Muskelkater bekommen hätte.

Der Schütze als Felsen

Es ist unglaublich, Loetscher beim Zielen zuzuschauen. Nach einem kurzen Einwärmen konzentriert er sich, fährt seinen Puls runter und steht dann wie eine Marmorstatue dort. Nach einer gefühlten Ewigkeit ohne auch nur eine Atembewegung drückt er ab. Er sagt, dass er mit Bildern arbeiten würde, um den Körper so anspannen zu können. «Ich denke an einen Fels. Starr wie ein Fels. Es gibt eine Russin, die stellt sich vor, dass sie ein Korsett trägt», erzählt er.

Ein weiteres Puzzleteil ist Loetschers zweite Sportart. Er macht zweimal wöchentlich Krav Maga, eine israelische Selbstverteidigungstechnik. Kampf- und Schiesssport würden sich ideal ergänzen, sagt Loetscher. Die Schläge würden die Unterarmmuskulatur stärken, die Körperspannung wird trainiert und es gäbe einem Sicherheit. «Im Spitzensport entscheidet am Ende nur das Mentale. Technisch sind alle gut», sagt der Gelterkinder.

Bangen auf November

Nächster Fixpunkt für den Schützen ist der siebte und achte November. Dann entscheidet sich, ob es demnächst einen Spitzensport-Jahrgang im Hinblick auf Olympia 2016 geben wird. «Wenn ich in die normale RS muss, verliere ich fast ein Jahr», sagt Loetscher. Sein Stichwort: Zeit. Er muss nach Hause, noch einen Vortrag für den nächsten Tag schreiben.

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