BASKETBALL: Houston Rockets – Innovative Herausforderer

Golden State und Cleveland dominierten die NBA zuletzt nach Belieben. Doch ein Team könnte die Phalanx in dieser Saison durchbrechen: die verblüffenden Houston Rockets mit dem Schweizer Clint Capela.
Nicola Berger
Erzielte gegen Milwaukee zehn Punkte: Clint Capela, Center der Houston Rockets. (Bild: Gary Dineeni/Getty (Milwaukee, 7. März 2018))

Erzielte gegen Milwaukee zehn Punkte: Clint Capela, Center der Houston Rockets. (Bild: Gary Dineeni/Getty (Milwaukee, 7. März 2018))

Nicola Berger

sport@luzernerzeitung.ch

Es ist töricht, zu blinzeln, wenn die Houston Rockets sich in Ballbesitz befinden. Zwei, drei Pässe in Lasergeschwindigkeit, ein präziser Wurf von der Drei-Punkte-Linie, und schon regnet es Punkte. Unter dem Trainer Mike D’Antoni haben sich die Rockets zum stilbildenden Team dieser Dekade gewandelt.

D’Antoni wurde im Sommer 2016 Coach der Rockets, er ist ein weit gereister Mann, der sein ­halbes Berufsleben in Italien bei Olimpia Milano verbracht hat. Sein Spitzname dort: «Il Baffo», der Schnauz. Ehe er zum Coach wurde, schwang D’Antoni sich zum besten Skorer der Klub­geschichte auf, er wird in Mailand bis heute verehrt.

Ultra-offensiv und hochriskant

Die Gesichtsbehaarung hat D’Antoni verloren, aber er hat über all die Jahre sein Profil geschärft. Jetzt, im Alter von 66 Jahren, scheint er endlich über jenes ­Personal zu verfügen, welches seine Vorstellungen umsetzen kann. Denn seit seiner Ankunft gleicht die texanische Metropole einer Art Experimentierfeld. Die Rockets haben das Spiel revolutioniert; Houston betreibt ein sehr attraktives, ultra-offensives Hochrisikospiel vorgetragen in atemberaubendem Tempo. Kein anderes Team versucht mehr Drei-Punkte-Würfe, also Ver­suche aus grös­serer Entfernung. 2016/17 gaben die Rockets 40,1 Prozent ihrer Würfe von ­hinter der Drei-­Punkte-Linie ab. 2017/18 beträgt der Wert 42,4 Prozent, es ist eine Häufung, wie sie die NBA noch nie gesehen hat. Steve Kerr, vor zehn Jahren in Phoenix als Manager der Vorgesetzte des Trainers D’Antoni und inzwischen Coach des im Vorjahr fast unbezwingbar scheinenden Titelverteidigers Golden State Warriors, sagt: «Es gibt heute nicht mehr allzu viele Innova­toren. Aber Mike ist genau das: ein Innovator.»

Erfolg dank Mathematik

Houston hat die mutige Spiel­anlage des Trainers schnell übernommen, das Team vertraut in seiner Vorgehensweise aber auch auf Datenanalyse. Die Bedeutung mathematischer Berechnungen ist im Basketball auf dem Vormarsch: Welcher Spieler trifft aus welcher Position am besten? Wann lohnt sich ein Drei-Punkte-Wurf, wann nicht?

Die Strategie ist nicht un­umstritten, der General Manager Daryl Morey wurde kürzlich gefragt, ob er sich nicht verpflichtet fühle, seinen Trainer und seine Spieler zu mehr Zwei-Punkte-Würfen anzuhalten, weil sonst der Sport verfälscht werde. Morey antwortete: «Das interessiert mich nicht, ich interessiere mich nur für Siege.»

An denen mangelt es dem Team derzeit nicht. Die Rockets sind die Equipe der Stunde, die aufregendste Mannschaft der Liga, der die Sympathien auch abseits von Texas zufliegen. Der 110:99-Sieg gegen die Milwaukee Bucks am Mittwoch war der 17. Sieg in Serie, mit einer Bilanz von 51 Erfolgen und 13 Niederlagen ist Houston die Nummer 1 der Liga – und positioniert sich als ernsthaftester Herausforderer der Golden States um Stephen Curry und ­Kevin Durant.

Das Aushängeschild der ­Rockets ist James Harden, der die Auszeichnung als wertvollster Spieler des Jahres gewinnen ­dürfte. Hardens Brillanz ist nichts Neues, aber er war lange auf sich alleine gestellt, so sehr, dass er im Playoff oft mit leeren Batterien stehen blieb. In dieser Saison ist es anders, die Rockets haben ­aufgerüstet; der Manager Morey verpflichtete in einem Tausch­geschäft mit den Los Angeles Clippers mit Chris Paul einen weiteren Spieler von Format. Paul ist ein neunfacher NBA-All-Star, aber er wartet auch mit 32 Jahren auf einen Titel. Nicht zuletzt deshalb wollte er nach Houston, denn der Erfolgshunger im Team ist gross; Harden und der Coach D’Antoni waren ebenfalls noch nie NBA-Champions, beide stehen im Ruf, in den Playoffs zu versagen. Houston wird ab dem 14. April auch gegen dieses Image kämpfen.

Capela spielt die Saison seines Lebens

Ein wichtiges Puzzlestück für die Rockets stellt zudem der junge Genfer Clint Capela dar. Der 24-Jährige überzeugt mit starker Defensivarbeit und ist mit 14,4 Punkten pro Spiel zudem der neuntproduktivste Spieler der Liga auf seiner Center-Position, kurz: Er spielt die Saison seines Lebens. Die starken Darbietungen wecken Begehrlichkeiten, und da trifft es sich für Capela gut, dass sein Vertrag im Sommer ausläuft. Er wird «Restricted Free Agent», was bedeutet, dass Houston das Recht hat, jede Offerte für ihn zu egalisieren und ihn so zu halten. Die Frage ist allerdings, ob die Rockets sich das werden leisten können – auch der Vertrag von Chris Paul läuft aus, dazu gibt es Gerüchte darüber, dass LeBron James nach Houston gelotst werden soll. Für Capela spielt all das nur bedingt eine Rolle, er wird zum bestbezahlten Schweizer Teamsportler der Geschichte aufsteigen mit einem Salär irgendwo zwischen 10 und 25 Millionen Dollar.

Vorerst jedoch gilt die Konzentration der Gegenwart; die ­Rockets schicken sich an, den Klubrekord von 2008 mit 22 ­Siegen in Serie einzustellen. Es soll ein Zwischenziel auf dem Weg zum ultimativen Coup sein: der erste Titel seit 1995.

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