Interview

Sportarzt-Legende Beat Villiger empfiehlt: «Die Olympischen Spiele am besten sofort absagen, verschieben ist zu schwierig»

Die Olympischen Spiele in Tokio (ab 24. Juli) stehen wegen der Corona-Pandemie vor der Verschiebung. Der ehemalige Spitzensport-Arzt Beat Villiger (76) empfiehlt, die Wettkämpfe gleich ganz abzusagen. Ein Gespräch über Corona, Olympia und Verantwortungsbewusstsein.

Turi Bucher
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Sportarzt Beat Villiger empfiehlt eine Absage statt einer Verschiebung.

Sportarzt Beat Villiger empfiehlt eine Absage statt einer Verschiebung.

Bild: Keystone

Wie erleben Sie diese schwierigen Tage persönlich?

Dr. Beat Villiger: Ich bin überrascht, besorgt und mitleidend. Aber ich bin immer noch positiv, denn ich sehe auch eine Chance für grundsätzliche Veränderungen in unserer Konsumgesellschaft.

Und wie erleben Sie diese Zeit als Sportarzt?

Als Covid-19-Verantwortlicher der Medizinischen Kommission der Schweizer Eishockey-Liga und des Internationalen Eishockey-Verbandes war ich von Beginn weg gefordert, vor allem durch das frühzeitige Festlegen der Hygienemassnahmen und Erlassen der Absagen. Die Absage der Eishockey-WM in der Schweiz hat sich aus technischen Gründen hinaus gezögert, ist nun aber beschlossene Sache. Sport zu treiben, so wichtig dies gesundheitlich und psychosozial für uns alle auch ist – für Spitzensportler ebenso wie für Hobbysportler und Kinder –, ist nun für zwei, drei Monate wirklich zur Nebensache geworden.

Die ganze Schweiz wurde von der Corona-Welle überrascht. Wie hat die Schweiz aus Ihrer Sicht reagiert?

Nach verhaltenem Beginn – der Föderalismus ist halt in unserer Schweizer DNA – haben die nationalen und kantonalen Behörden gut reagiert. Das medizinische Personal stemmt eine sensationelle Leistung. Ungenügend dagegen, ja geradezu peinlich war die zögerliche finanzielle Unterstützung für die Wirtschaft beziehungsweise für das Kleingewerbe und für Arbeitnehmer. Zum Glück wurde am vergangenen Freitag ein gewaltiger Schritt vorwärts gemacht. Ich bin auch enttäuscht von uns Älteren und einigen uneinsichtigen Jugendlichen, dafür begeistert vom Ideenreichtum und von der Initiative der meisten Anderen, insbesondere der Eltern und der Lehrerschaft.

Nicht nur die Schweiz hat zögerlich reagiert. Die ganze Welt war quasi unvorbereitet.

Mit meinen vielen Auslandstätigkeiten, beruflich und bei Dutzenden von sportlichen Grossanlässen, habe ich geglaubt, alles erlebt zu haben. Und nun das! Aber als Weltbürger sehe ich auch hier eine Chance für ein besseres Zusammensein, für eine bessere Welt.

Beat Villiger 2006 in Turin mit Natascia Leonardi Cortesi.

Beat Villiger 2006 in Turin mit Natascia Leonardi Cortesi.

Bild: Keystone

Was haben die Sportverbände falsch gemacht? Was richtig?

Es gibt ja mehrere Hundert von Verbänden. Grundsätzlich waren sie national und international aus verschiedensten Gründen häufig zu spät. Kompetent kann ich es nur aus der Sicht des Internationalen Eishockey-Verbandes beurteilen. Das Medical Board hat sich bereits im Februar in Budapest getroffen und die Situation zusammen mit weltführenden Virologen und Epidemiologen analysiert. Einfacher hatte es daher sicher der Schachverband: Ihre Athleten bleiben drinnen und haben immer eine Tischbreite Abstand (schmunzelt).

Sollen und können die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden?

Eine schwierige Frage. Ich denke: Nein! Das Problem ist nicht so sehr der Termin im Juli und August, sondern die unterschiedlichen Vorbereitungsphasen auf vielen Ebenen. Lokal, in den Nationen, bei den Athletinnen und Athleten, bei den diversen Verbänden. Dazu kommen teilweise fehlende Selektionswettkämpfe, unterschiedliche epidemiologische Ausgangslagen in den einzelnen Ländern und auch die fehlenden Dopingkontrollen. Das ist alles weit weg von der olympischen Fairness. Also besser sofort absagen!

Gibt es überhaupt noch Gründe, die für eine Durchführung sprechen?

Die Olympischen Spiele sind immer noch genialste Sportanlass. Die olympische Idee, das Aufeinandertreffen aller Sportlerinnen und Sportler, das ist faszinierend und unübertroffen. Und es gibt auch ökonomische Gründe. Dagegen spricht allerdings, wie erwähnt, die fehlende sportliche Fairness, der Zeitdruck und die Unsicherheit. Eine Verschiebung dieses Grössten aller Sportanlässe der Welt ist organisatorisch sehr schwierig.

Falls Tokio 2020 stattfindet: Sind Sie auch wieder Mitglied der Schweizer Delegation?

Nach 10 Olympiaden zuerst als Chefarzt von Swiss Olympic und später als Supervisor der medizinischen Organisation und der Dopingkontrollen im Auftrag des Internationalen Eishockey-Verbandes übernehmen nun jüngere Ärzte diese Aufgabe.

Sind Sie selber als Arzt noch aktiv tätig?

Aktiv nicht mehr. Umso mehr in strategischen Gremien von Spitälern, Sportverbänden und in der Politik.

Muss ein Spitzensportler sich im Moment komplett abschotten? Wie und was soll er jetzt trainieren?

Abschotten nicht. Aber während der Epidemie können die Profis individuell oder maximal in Kleinstgruppe trainieren und müssen die Regeln einhalten. Was das Training betrifft: Ich bin Sportarzt, die innovative Trainingsgestaltung überlassen ich den Athletiktrainern. Die können das besser.

Beat Villiger nahm an 10 Olympischen Spielen teil.

Beat Villiger nahm an 10 Olympischen Spielen teil.

Bild: Keystone

Müssen Sportler nun generell damit rechnen, dass Sie für längere Zeit pausieren müssen?

Ja! Gleichzeitig ist es aber wichtig, die Richtlinien des Bundes auch im Sport einzuhalten. Gesunde sollen weiterhin individuell Sport treiben. Für Teamsportler ist das natürlich ein grösseres Problem, originelle Alternativen sind gefragt. Home- und einsame Outdoor-Fitness ist für einmal für Hobby- und Gesundheitssportler «in». Entdecken wir doch in unserem eigenen Umfeld die vielen Möglichkeiten und Offerten. Die Mineralwasserflasche als Hantel, die Treppe mit und ohne Rucksack aus Ausdauertraining, die Stühle als Turngeräte, der Gang in den Keller mehrmals wiederholen, die Stube als Tanzdiele, das Jonglieren mit Hand und Fuss. Oder einfach mal den Kopfstand üben. Moderater Sport aller Art unterstützt die Funktion des Immunsystems, welches wir leider, entgegen landläufiger Meinung, nicht stimulieren können. Treiben Sie aber vorsichtig Sport, da die Spitäler jetzt anderes zu tun haben, als einen Unfall eines Hobbysportlers zu behandeln.

Wie sieht es bei der Ernährung aus?

Wenn Sie sich mit viel Früchte und Gemüse ausgeglichen ernähren, können Sie alle Vitaminpräparate, die nicht ärztlich verordnet sind, sowie ähnliches Pseudo-Immunstimulierendes vergessen. Sie machen dann nur teuren Urin, der nichts und niemandem nützt, ausser finanziell dem Produzenten. Verhindern Sie vor allem psychischen und körperlichen Stress. Denn die Stresshormone Kortison und Noradrenalin beeinträchtigen die immunologische Abwehr auf Aggressoren wie das Corona-Virus. Wir kennen solche Vorgänge bestens vom Spitzensport, wenn auch nicht im Zusammenhang mit dem Corona-Virus.

Sie sind selber 76 Jahre alt, gehören selber zu einer Risikogruppe. Was tun Sie, wie schützen Sie sich, wie sehen Ihre Tage zur Zeit aus?

Immunbiologisch bin ich etwa 64 (lacht). Spass beiseite: Ich halte die Richtlinien ein, was mir als sozio-emotionalen und geselligen Individuum nicht leicht fällt. Ich gehe mit meiner Frau und mit dem Hund wandern, wir pflegen unseren Terrassengarten und unseren Weinberg. Ich koche verrückte Menüs. Ich bin viel am Laptop, am Radio, am TV. Und ich geniesse trotz allem die gewonnene Zeit, vor allem Abende mit meiner Frau.

Für nächste Woche ist im KKL in Luzern im Rahmen der «Trendtage» die Veranstaltung «Gesundheitsversorgung neu denken» programmiert. Findet diese überhaupt statt?

Nein, sie wurde rechtzeitig abgesagt und ins nächste Jahr verschoben. Ich bin dort Präsident des Advisory Boards, also sozusagen der Programmchef. 2021 wird die Veranstaltung natürlich stark beeinflusst durch unsere Erfahrungen mit Covid-19 stattfinden.

Wann, glauben Sie, wird die Corona-Kurve in der Schweiz nach unten zeigen?

Das hat nicht viel mit Glauben zu tun. Auf Grund des epidemiologischen Zahlenmaterials, der Expertenmeinungen und unserer neuen Sozialhygiene hoffe ich einfach, dass wir den Peak in zwei, drei Wochen erreichen.

Es ist auch die Rede von einer zweiten Corona-Welle. Wird die Welt, wird der Sport für längere Zeit stillstehen?

Das ist etwas für Kaffeesatzleser.

Zum Schluss ihr Ratschlag, Ihr Zuruf an alle Sportler.

Für einmal ist nicht Ausdauer, Kraft oder Koordination gefragt. Sondern Verantwortungsbewusstsein, Gehorsam und Phantasie.