Behindertensport
Erfolgsgeschichte mit vielen Kapiteln: Beat Bösch greift nochmals an

Der 49-jährige Rollstuhlfahrer Beat Bösch aus Nottwil strebt seine sechsten Paralympischen Spiele an. Erst steht noch die EM in Polen auf dem Programm, bei der er sich Medaillen zum Ziel gesetzt hat.

Theres Bühlmann
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Beat Bösch beim Training auf der Rundbahn beim SPZ in Nottwil.

Beat Bösch beim Training auf der Rundbahn beim SPZ in Nottwil.

Bild: Pius Amrein (27. Mai 2021)

Sein Palmarès ist lang, was kein Wunder ist, denn der 49-jährige Beat Bösch aus Nottwil betreibt seinen Sport seit 23 Jahren auf hohem Niveau, da kommt einiges zusammen. Und sein Erfolgshunger ist noch nicht gestillt. Er wuchs in Grosswangen auf und brach sich 1996 bei einem Turnunfall am Doppelminitramp den siebten Halswirbel, was eine Tetraplegie zur Folge hatte. Beim Rollstuhlsport fand er dann eine neue Herausforderung – mit grossem Erfolg. Beat Bösch wurde in seiner Kategorie T52 Welt- und Europameister, war Weltrekordhalter, ist der aktuelle Besitzer der Europarekorde über 100 und 200 Meter und seine Schweizer Meister-Titel sind fast nicht mehr zu zählen, so um die 70 werden es sein.

Fünfmal nahm er an Paralympischen Spielen teil und führte in London 2012 die Schweizer Delegation als Fahnenträger an und auch Edelmetalle an diesen Wettkämpfen tauchen in seiner Erfolgsbilanz auf. 2004 gewann er in Athen über 100 und 200 Meter eine Silber- und eine Bronzemedaille, und vier Jahre später in Peking noch einmal zwei silberne Auszeichnungen über die gleichen Distanzen. Fehlt also nur noch etwas in seinem reichhaltigen Palmarès: genau, ein Sieg an den Paralympics. Um sich auf den Saisonhöhepunkt, der vom 24. August bis 5. September in Tokio stattfindet, optimal vorzubereiten, liess er sich beruflich – er arbeitet als Berater bei der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung – seit dem April bis zum September freistellen und kann so wöchentlich einen Trainingsumfang von 12 bis 15 Stunden absolvieren. Die Limiten über 100 und 400 Meter, die zum Start an den Paralympics in Tokio berechtigen, hat er erreicht. Die endgültige Selektion nimmt Swiss Paralympic Anfang Juli vor, je nachdem, wie viele Quotenplätze der Schweiz in den jeweiligen Kategorien zustehen. Er ist optimistisch, dass er dabei ist.

Böschs letzter Medaillengewinn ist sechs Jahre her.

Böschs letzter Medaillengewinn ist sechs Jahre her.

Bild: Pius Amrein (Nottwil, 27. Mai 2021)

In die Finals möchte er in Tokio bei seiner sechsten Teilnahme an Paralympischen Spielen gelangen, «und dann sehen, zu was es reicht». Einfach würde es für ihn nicht, und er spricht die aussereuropäische Konkurrenz aus Japan und den USA an. Er kann sich sehr realistisch einschätzen, «mein letzter Medaillengewinn bei Welttitelkämpfen liegt doch schon etwas zurück, 2015 gewann ich an der WM in Doha über 100 Meter Bronze. Aber möglich ist ja immer alles», sagt Beat Bösch, dem auch seine Routine zugute­kommt. Der Anlass in Tokio werde wohl anders ausfallen als die vergangenen Paralympischen Spiele, «alles in einem kleineren Rahmen», sagt er.

«Die Erlebnisse, das Treffen mit Sportlern anderer Nationen, das gemeinsame Feiern, Emotionen, wie sie die Paralympics hervorbringen, dies alles wird sich in Grenzen halten.»

Tokio wären übrigens die letzten Paralympics, die Beat Bösch bestreiten würde. «Rennen werde ich aber weiterhin fahren, in welcher Form, das werde ich dann später entscheiden.»

EM ist die letzte Qualifikationsmöglichkeit

Als Nächstes stehen für ihn nun die Europameisterschaften im polnischen Bydgoszcz (1. bis 5. Juni) an, bei der er über 100 und 400 Meter an den Start gehen wird. Diese EM ist nicht nur der erste internationale Grossanlass seit der Coronakrise, sondern auch eine wichtige Standortbestimmung und die letzte Qualifikationsmöglichkeit für Tokio. Beat Bösch hat sich ein klares Ziel gesetzt: «Ich möchte eine Medaille gewinnen.» Dass seine Form stimmt, zeigen die Resultate der letzten Wochen. Beim Grand Prix in Nottwil von Mitte Mai gewann er über 200 Meter und belegte Platz 2 über 100 Meter, an Pfingsten liess er sich in Arbon dreimal zum Schweizer Meister krönen und holte sich zwei Tage später beim Daniela-Jutzeler-Memorial den Sieg über 200 Meter. Wie es sich anfühlt, an Europameisterschaften auf dem Podest zu stehen, dies konnte Beat Bösch schon mehrmals erleben. So gewann er 2015 in Grosseto über 100 Meter eine Gold-, über die 400 Meter Distanz eine Silbermedaille und vor drei Jahren in Berlin belegte er die Ränge 2 und 3.

Die Erfolgsgeschichte könnte um ein weiteres Kapitel ergänzt werden.