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Interview

«Beide Seiten haben immer Anteil an einem Konflikt»

Samuel Schumacher
Sieglinde Kliemen (48) führt das Berner Männerhaus «Zwüschehalt».

Sieglinde Kliemen (48) führt das Berner Männerhaus «Zwüschehalt».

Sieglinde Kliemen, in Bern machen neue Plakate auf männliche Opfer von häuslicher Gewalt aufmerksam. Bringt das etwas?

Ich hoffe es. Sensibilisierung für dieses Thema ist bitter nötig. Die Stadt Bern ist diesbezüglich vorbildlich. Da machen wir in anderen Kantonen ganz andere Erfahrungen.

Im Aargau, in Bern und in Luzern betreibt der Verein «Zwüschehalt» je ein Männerhaus. Welche Männer beherbergen Sie da?

In Bern, zum Beispiel, wohnen zwischen drei und sechs Männer. Oft kommen sie aus sehr schwierigen Haushalten, in denen gewalttätiges Verhalten zum Alltag gehört. Sie sind Opfer und Täter, manchmal beides zugleich. Wir beherbergen die Männer im Schnitt zwischen einem und sechs Monaten. Wir sind ein Zwischenhalt, keine Endstation.

Unter welchen Formen der Gewalt leiden die Männer?

Sie werden bedroht und erpresst. Die Frauen sagen ihnen: «Du wirst die Kinder nie mehr sehen, ich ruiniere dich finanziell.» Viele leiden unter psychischer Gewalt. Dann etwa, wenn die Mutter bei den Kindern den Vater anschwärzt. Das ist Verleumdung, und das ist für Männer genauso brutal wie für Frauen.

Wie unterstützen Sie die Männer?

Wir ermöglichen ihnen zum Beispiel, dass sie ihre Kinder im geschützten Rahmen sehen können. Vielen unserer Bewohner wurde das Sorgerecht aberkannt. Sie haben kaum noch Chancen, mit ihren Kindern in Kontakt zu treten. Grundsätzlich geht es aber darum, dass die Männer zur Ruhe kommen können. Wir helfen ihnen, ihre Situation zu reflektieren und ihnen zu zeigen, wie man sich in Konfliktsituationen verhalten kann.

Mit professionellen Psychologen?

Nein. Ich, zum Beispiel, bin ausgebildete systemische Beraterin, aber keine Psychotherapeutin. Unsere Gespräche führen wir oft am Küchentisch, wir sind miteinander alle per du. Das wirkt, vielleicht genau deshalb, weil die professionelle Distanz zu einem gewissen Grad wegfällt.

Drei von vier Männern, die Opfer häuslicher Gewalt werden, kommen aus Beziehungen, in denen gegenseitige Gewalt an der Tagesordnung ist. Sie sind also gleichzeitig auch Täter. Das Bild des wehrlosen männlichen Opfers ist oft falsch, oder?

Die Debatte fokussiert viel zu sehr auf die Unterscheidung zwischen der Täter- und der Opferrolle. Fälle, in denen Täter systematisch physische Gewalt anwenden und ihre Familien jahrelang terrorisieren, sind die Ausnahme. Häusliche Gewalt ist viel häufiger das Ergebnis einer spontanen Konfliktsituation und geschieht aus dem Affekt. Der physischen Gewalt geht oft gegenseitiger psychischer Terror voraus. Den sieht man nicht, aber er wirkt stark.

Haben Männer als das physisch stärkere Geschlecht nicht mehr Verantwortung als Frauen, Gewalt zu verhindern?

Nicht unbedingt. Opfer sind immer involviert in die Gewaltspirale. In Zeiten von #MeToo ist das eine gewagte Aussage. Aber erst das gegenseitige Verhalten führt zur Gewalt. Wenn einer beispielsweise immer passiver wird, sich immer mehr anpasst, dann gibt er den Aggressionen des anderen immer mehr Raum. Derjenige, der sich zurückzieht, begeht also einen passiven Akt der Gewaltakzeptanz. Beide Seiten brauchen Hilfe von aussen für neue Lösungsstrategien.

Das Opfer ist also mitschuldig?

Wir tendieren dazu, den Opfern zu sagen: Ihr Armen, ihr seid unschuldig. Statt über Schuld müssten wir aber über Eigenverantwortung diskutieren. Wir müssen uns fragen: Welchen Beitrag hat jede Seite zum Konflikt geleistet, wie können wir uns anders verhalten. Alle anderen Diskussionen führen nicht aus dem Problem heraus.

Landen wir da nicht bei der alten Mär vom Opfer, das letztlich selber schuld ist, weil es den Täter in irgendeiner Form provoziert hat?

Nein. Beide Seiten haben immer einen Anteil an einem Konflikt. Das Ziel ist letztlich eine gewaltlose Lösung von Disputen. Und um das zu erreichen, müssen wir diese heikle, schwierige Debatte völlig neu lancieren.

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