Formel 1

Berufung abgelehnt: Cockpit- Chaos bei Sauber immer irrer

Das Sauber-Team muss Giedo van der Garde als Stammfahrer akzeptieren. Nach der glaskaren Ablehnung der Berufung des Schweizer Rennstalls muss dieser dem letztjährigen Ersatzfahrer den Start im Grossen Preis von Australien ermöglichen.

Peter Lattmann, Melbourne
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Giedo van der Garde: Unnachgiebig und bis zum Letzten bereit.

Giedo van der Garde: Unnachgiebig und bis zum Letzten bereit.

KEYSTONE

Die Kläger fahren immer gröberes Geschütz auf, der «Fall van der Garde» wird für das Sauber-Team zum Desaster. Nach der glasklaren Ablehnung der Berufung des Schweizer Rennstalls gegen das vorangegangene Urteil des australischen Richters Clyde Croft am Donnerstagmittag will dieser auf Verlangen der Holländer alles unternehmen, um dem letztjährigen Test- und Ersatzfahrer den Start im Grossen Preis von Australien zu ermöglichen.

Diese fünf Möglichkeiten hat Sauber

1. Möglichkeit: Sauber ignoriert den Gerichtsentscheid und lässt Marcus Ericsson und Felipe Nasr fahren. Doch dann droht Ungemach: Das Gericht könnte beide Boliden und Teammaterial beschlagnahmen. Ein Start würde so unmöglich.


2. Möglichkeit: Giedo van der Garde bekommt die FIA-Superlizenz und darf ins Cockpit. Nasr oder Ericsson – einer müsste über die Klippe springen und das mit Garantie nicht akzeptieren. Konsequenz: Die nächste Klage.


3. Möglichkeit: Van der Garde bekommt die FIA-Superlizenz nicht, welche noch ausstehend ist, und kann deshalb nicht fahren. Sauber würde mit Ericsson und Nasr an den Start gehen. Ob das die Richter zulassen würden, wäre indes mehr als fraglich.

4. Möglichkeit: Sauber lässt nur einen Piloten ran, Nasr oder Ericsson ¬– und lässt aus rechtlichen Gründen ein Auto in der Garage, um dem Gerichtsurteil auf dem Papier zu folgen. Jener Pilot, der zuschauen müsste, würde garantiert Klage einreichen.

5. Möglichkeit: Sauber packt die Kisten und zieht sich vom GP Australien zurück, bis die Rechtslage geklärt ist. Mit dem Ziel, mit van der Garde einen Vergleich anzustreben (Entschädigung statt Cockpit). Eher unwahrscheinlich. (osw)

Nur zwei Stunden vor dem morgigen Trainingsbeginn hat er eine neuerliche Anhörung angesetzt. Bis dann will er prüfen, ob Sauber wirklich alles unternommen hat, um van der Gardes Einsatz in letzter Minute zu ermöglichen. Sollte das nicht der Fall sein, sind richterliche Massnahmen wie die von den Klägern verlangte Beschlagnahmung des Materials nicht auszuschliessen.

Aussichtslose Strategie

Teamchefin Monisha Kaltenborn wird von der Gegenseite vorgeworfen, die Sache verschleppen zu wollen. Ihr droht zudem eine Anzeige wegen rufschädigenden Äusserungen, weil sie im Sauber-Communiqué vom Mittwoch erneut betont hatte, dass ihr letztjähriger Angestellter bei einem kurzfristigen Einsatz ein Sicherheitsrisiko für die übrigen Fahrer und das eigene Team darstellen könnte. Mit dieser Verteidigungsstrategie hatte der Anwalt Saubers vor Gericht definitiv Schiffbruch erlitten.

Die zugezogenen Fachleute der FIA verneinten eine solche Gefahr aus verständlichen Gründen. Andernfalls hätten sie den Einsatz von Will Stevens und Roberto Merhi aus der benachbarten Manor-Marussia-Box bestimmt nicht billigen können. Die in Rekordzeit zusammengebauten Autos des wiederbelebten britischen Rennstalls sind vor Melbourne keinen einzigen Meter gefahren. Der kurzfristig nominierte Spanier hat es in Australien erstmals zu Gesicht bekommen.

Kritik von Ex-Sauber-Fahrern

Dass van der Garde mit 19 WM-Läufen im Caterham 2013 und vielen Test- und Freitagseinsätzen im Sauber 2014 fähig wäre, mit dem neuen Boliden ohne vorherige Kontaktnahme zurechtzukommen, bekräftigten viele seiner Fahrer-Kollegen, die heute das leidige Thema auf an ihrem traditionellen Meeting besprechen wollen. Mit Sergio Pérez und Nico Hülkenberg äusserten sich auch zwei frühere Sauber-Fahrer sehr kritisch zum Vorgehen ihres vormaligen Arbeitgebers. Dem bleibt auch der Vorwurf nicht erspart, dass er den juristischen Angriff der Holländer zu wenig ernst genommen hat.

Vieles spricht für van der Garde, der sich nicht mit einer finanziellen Entschädigung abservieren will, sondern einen Stammsitz für die ganze Saison beansprucht und mit seiner starken Lobby noch ganz andere Pläne verfolgt. Auch er hat aber keine reine Weste. Gestern jedenfalls war er wegen einer Unterlassungssünde noch nicht im Besitz der für den Einsatz unabdingbaren Superlizenz. Der zuständige niederländische Automobilclub soll diese erst am Mittwoch beantragt haben. Normal ist für die Ausstellung der Fahrberechtigung eine Frist von zwei Wochen erforderlich, in begründeten Ausnahmefällen genügen 48 Stunden. Abgesegnet werden die Superlizenzen vom «Contract Recognition Board» in Genf bei Vorliegen eines Formel-1-Fahrervertrags. Dieser ist als Folge des erstinstanzlichen Richterspruchs gegen Sauber inzwischen aber auch offiziell gekündigt worden.

Es wird nur Verlierer geben

Wie auch immer die Sache bereinigt wird, es wird nur Verlierer geben. Im schlimmsten Fall, der richterlichen Beschlagnahmung, müsste das Sauber- Team dem Saisonstart fernbleiben. Sollte einer der neuen Stammfahrer seinen Platz aber van der Garde überlassen müssen, könnte auch er eine Klage einreichen und gleiches Recht für sich beanspruchen. Würde der Holländer tatsächlich ins Auto gesetzt, könnte ihn das Team mit wenig Benzin auf die Strecke schicken oder das Auto aus welchen Gründen auch immer in der Garage lassen. Kaum mehr vorstellbar ist es, dass sich die beiden Parteien mindestens vorübergehend annähern und an diesem Wochenende mit welchen Fahrern auch immer das bestmögliche Resultat herauszuholen versuchen.

Der geäusserte Optimismus bei van der Garde wirkt fast schon zynisch. «Ich pflege noch immer ein gutes Verhältnis zu dieser Mannschaft. Ich weiss auch, was die Mechaniker können. Wenn sie meine letztjährige Sitzschale nicht dabei haben, werden sie nicht mehr als drei Stunden brauchen, um eine neue bereit zu stellen. Dann werde ich alles versuchen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen», liess er gestern verlauten. Das sehen die neu motivierten Sauber-Leute allerdings anders. Sie freuen sich nach den guten Erfahrungen bei den zwölftägigen Tests in Jerez und Barcelona auf eine gute Zusammenarbeit mit Felipe Nasr und Marcus Ericsson. Sie sind überzeugt, mit ihnen und dem C34 viel besser abschneiden zu können als im frustrierenden Vorjahr.