BEWEGUNG: «Marathon übt positiven Druck aus»

Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung treibt gar nie Sport. Professor Achim Conzelmann verrät, wie man diese Menschen dafür motivieren könnte.

Interview Kari Kälin
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Die Schweiz liegt im europäischen Vergleich auf Platz zwei. (Bild: Grafik Neue LZ)

Die Schweiz liegt im europäischen Vergleich auf Platz zwei. (Bild: Grafik Neue LZ)

Achim Conzelmann, am Sonntag machen rund 10 000 Personen am Swiss City Marathon in Luzern mit. Was treibt die breite Masse dazu an, sich während Stunden auf dem Asphalt abzumühen?

Achim Conzelmann:Einige melden sich an, weil sie an einem Event dabei sein wollen. An einem Marathon ist etwas los: Vor, während und nach dem Rennen herrscht eine spezielle Ambiance. Die allerwenigsten nehmen primär aus gesundheitlichen Gründen teil. Eine bessere Gesundheit – vor allem dank der Vorbereitung – ist ein positiver Nebeneffekt. Die allermeisten Teilnehmer wollen vor allem an sich selber arbeiten.

Was bedeutet das?

Conzelmann: Ein halber oder ein ganzer Marathon erscheint zunächst für viele als ein unerreichbares Ziel. Eine solche Distanz kann man nicht aus dem Stegreif absolvieren. Die Anmeldung für einen Breitensportanlass wie den Swiss City Marathon in Luzern übt auf eine positive Art Druck aus. Man geht dann vielleicht auch mal joggen, wenn das Wetter nicht passt.

Und die Wettkampftypen, die ihre persönliche Bestzeit pulverisieren wollen?

Conzelmann:Die gibt es natürlich auch. Für die meisten ist aber der Weg das Ziel und nicht die Bestzeit. Einen Hinweis auf diese Interpretation liefert ein Blick auf die Entwicklung bei den Marathon-Ranglisten. Es nehmen zwar immer mehr Läufer daran teil, doch die Zeiten werden immer langsamer. Das ist nichts Negatives. Das bedeutet auch, dass eine breite Masse nicht überehrgeizig ist und den Sport aus Vergnügen betreibt.

Nach den Schweden sind die Schweizer in Europa das zweitsportlichste Volk (siehe Grafik). Wie erklären Sie sich das?

Conzelmann: Erstens lädt die Natur in der Schweiz zum Sporttreiben ein. Zweitens ist eine hohe sportliche Aktivität ein typisches Zeichen für eine Wohlstandsgesellschaft mit einem hohen Anteil an Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor. Mit Sport kompensieren viele den Bewegungsmangel bei der Arbeit. Und wir können uns die Hobbys auch finanziell leisten.

Die Schweiz liegt im europäischen Vergleich auf Platz zwei. (Bild: Grafik Neue LZ)

Die Schweiz liegt im europäischen Vergleich auf Platz zwei. (Bild: Grafik Neue LZ)

Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) muss bis Ende Jahr in einem Bericht aufzeigen, wie man den Breitensport fördern kann. Ist dies angesichts der aktiven Schweizer Bevölkerung überhaupt noch nötig?

Conzelmann: Der Sport ist ein gesellschaftliches Massenphänomen. Die Bevölkerung schreibt ihm viele positive Eigenschaften zu. Der Sport fördert das Wohlbefinden, die Gesundheit und trägt zur sozialen Integration bei. Es ist nicht falsch, zu hoffen, dass möglichst viele Menschen Sport treiben. Es macht daher Sinn, sich zu überlegen, wie Angebote beschaffen sein müssen, damit man möglichst viele Menschen für Bewegung motivieren kann. Denn rund ein Viertel der Bevölkerung treibt gar nie Sport.

Wie soll man Sportmuffel aktivieren?

Conzelmann:Sport sollte ohne eigentlichen Zweck betrieben werden. Mit erhobenem Zeigefinger zu sagen, man solle sich der Gesundheit wegen mehr bewegen, wäre falsch. Es müssen Situationen arrangiert werden, die den persönlichen Bedürfnissen gerecht werden, damit die Motivation zum Sporttreiben nachhaltig ist und die Menschen auch im Alter aktiv bleiben oder werden. Die angestrebten gesundheitlichen Wirkungen erreicht man dann bei vielen Sportaktivitäten quasi nebenbei.

Heute findet der Magglingertag des Bundesamtes für Sport statt. Sie halten ein Referat mit dem Titel «Sport für alle – aber welchen Sport für wen?». Wie lautet Ihr Rezept?

Conzelmann: Laut Studie «Sport Schweiz 2014» gibt es 250 verschiedene Sportarten. An Angeboten fehlt es nicht. Jetzt muss nur noch das Paket stimmen. Wer Geselligkeit sucht, sollte nicht zu einsamen Waldläufen animiert werden. Wer gerne allein unterwegs ist, sollte nicht Teamsport machen. Wer nicht für Ausdauersport geschaffen ist, den sollte man nicht zum Joggen, Langlaufen oder Schwimmen schicken. Man kann solche Personen vielleicht für spielerische Varianten gewinnen.

Wer ist gefordert?

Conzelmann: Zum Beispiel die Sportverbände. Sie sollen überlegen, wie sie mit ihren Angeboten möglichst viele Leute zu Bewegung animieren können. Nehmen wir zum Beispiel den Langlauf. Diese Sportart kann man ganz unterschiedlich inszenieren. Die einen können sich zum Beispiel motivieren, weil sie den Engadiner Skimarathon zum Ziel haben. Die anderen würden bei diesem Massenevent nie starten, schätzen aber das einsame Gleiten durch verschneite Landschaften als Naturerlebnis und Ausgleich zum Arbeitsalltag. Kurzum: Jeder muss beim Sport also eine Art Wohlbefindlichkeitspaket finden.

Unter welchen Bedingungen betreibt man ein Leben lang aktiv Sport?

Conzelmann: Wenn Sie es um der Tätigkeit willen und nicht aufgrund von äusseren Anreizen tun. Solche Anreize sind zum Beispiel eine bessere Figur und ein besseres Aussehen oder eine bessere Gesundheit.

Hinweis:Achim Conzelmann (55) ist Professor für Sportwissenschaften an der Universität Bern. Seine persönliche Marathon-Bestzeit beträgt 2 Stunden und 42 Minuten, beim Halbmarathon 1 Stunde und 12 Minuten. Er hat 25 Mal den Engadiner Skimarathon bestritten.

Läuferinnen und Läufer am Swiss City Marathon Lucerne im letzten Jahr. (Bild: Roger Grüter / Neue LZ)

Läuferinnen und Läufer am Swiss City Marathon Lucerne im letzten Jahr. (Bild: Roger Grüter / Neue LZ)