BILANZ: «Nein - überragend ist die Bilanz nicht»

Goldene Zeiten für den Schweizer Wintersport? Der Direktor des Bundesamtes für Sport warnt vor falschen Vorstellungen – trotz den Erfolgen in Sotschi.

Interview Eva Novak
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Die Eishockey-Frauen gewinnen in Sotschi die Bronzemedaille. Auch dieser Erfolg täuscht darüber hinweg, dass die Schweiz im Vergleich zu unseren Nachbarn zu wenig für die Sportler-Förderung tut. (Bild: Keystone/Laurent Gilliéron)

Die Eishockey-Frauen gewinnen in Sotschi die Bronzemedaille. Auch dieser Erfolg täuscht darüber hinweg, dass die Schweiz im Vergleich zu unseren Nachbarn zu wenig für die Sportler-Förderung tut. (Bild: Keystone/Laurent Gilliéron)

Matthias Remund, haben Sie viereckige Augen vom Olympia-Schauen?

Matthias Remund*: So schlimm ist es nicht, obwohl ich viele Wettkämpfe verfolgt habe. Sei es vor Ort, im Internet oder am Fernsehen – meist als Zusammenfassung.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Remund: Während der paar Tage, die ich in Sotschi verbrachte, hat mich am meisten beeindruckt, wie die Russen die Spiele organisiert haben. Die Helfer und das Sicherheitspersonal waren sehr freundlich und gut instruiert, alles klappte bestens. Bei anderen Spielen habe ich schon anderes erlebt. In Sotschi brauchte man bloss fragend zu schauen, schon eilte jemand herbei und half. Und zwar so, dass es genützt hat. Ich habe Russland auch schon anders erlebt.

Und was sagen Sie zu den Schweizer Olympioniken, die so erfolgreich waren wie selten – einige sagen, so erfolgreich wie letztmals 1972 in Sapporo?

Remund: Ich finde die Resultate gut, aber nicht «megamässig». Nimmt man die Disziplinen, die in Sapporo ausgetragen wurden, würde die Medaillenbilanz ganz anders aussehen. Wir hatten Highlights, aber auch Enttäuschungen – und ein paar nur sehr knappe vierte Plätze. Das gehört nun mal zu Olympia.

Die Schweizer Delegation war diesmal besonders gross.

Remund: Sie hat die Schweiz sehr gut vertreten. Der Auftritt der Schweizer Athletinnen und Athleten, aber auch der Funktionäre war beeindruckend: aufgestellt, ruhig und zuversichtlich. Das macht Freude.

Balsam für unsere Seele nach all der EU-Schelte?

Remund: Auf jeden Fall.

Die Resultate finden Sie aber trotz den vielen Medaillen nicht überragend?

Remund: Nein – überragend ist die Bilanz nicht. Doch man kann nicht immer nur die Medaillen zählen. Es gab auch erfreuliche Leistungen, die nicht mit einem Diplom belohnt wurden. Wichtig ist, dass wir dort gut abschneiden, wo wir uns mit der Sportart identifizieren können. Traditionsgemäss sind wir zudem in den neueren Sportarten gut. Das zeigt unsere Innovationskraft und Experimentierfreude. Die Lust unserer Sportlerinnen und Sportler und ihrer Verbände, Neues zu erfinden.

Also müssten wir uns für neue olympische Disziplinen einsetzen?

Remund: Im Moment sehe ich keine, die man neu einführen sollte. Ausser vielleicht Alpinismus, der in den Winterspielen noch fehlt. Man kann sich auch Gedanken machen, wie man andere Länder einbeziehen könnte. Nehmen wir zum Beispiel Crosslauf, wo die Weltmeisterschaften ebenfalls im Winter stattfinden. Wenn das olympische Disziplin wäre, würden viele afrikanische Länder mitmachen.

Wie wichtig ist der Leistungssport für die breite Masse?

Remund: Vor allem auf die Sportaktivitäten der Jugend, die sich mit den Idolen identifiziert und ihnen nacheifern will, hat das einen positiven Effekt. Kinder und Jugendliche wollen auch «kleine Colo­gnas» werden, was zu einer Zunahme der Langlauf-Aktiven führt. Für die Erwachsenen steht eher die Repräsentation und Standortpromotion unseres Landes durch Spitzensportler im Vordergrund.

Hält der «Cologna-Effekt» bei den Jungen länger als eine Saison an?

Remund: Aber sicher. Dario ist nicht erst seit dieser Saison erfolgreich. Swiss-Ski stellt eine grosse Zunahme der Beteiligungen an den Langlaufanlässen fest. Gleiches gab es auch im Fussball festzustellen, wo das Interesse auch bei den Mädchen seit der Euro 08 stark angezogen hat. Wenn Kinder und Jugendliche mit einer Sportart beginnen und sich in der Gruppe wohl fühlen, bleiben sie für längere Zeit dabei und üben den Sport – auch als Einzelsportler – intensiver und öfter aus. Dazu brauchen sie funktionierende Vereine, gut geführte Trainings, kinder- oder jugendgerechte Wettkampfformen – in einem Wort die Sportförderung, wie sie unser Amt und Swiss Olympic fördern und die Sportverbände und -vereine umsetzen.

Unsere Olympia-Helden kriegen für einen Sieg viel weniger Geld als zum Beispiel die Italiener oder Franzosen. Weshalb ist die Schweiz so knausrig?

Remund: Wir unterstützen vom Staat her unsere Spitzenathleten mit viel weniger finanziellen Mitteln als unsere Nachbarländer. Das ist unser System. Eine kürzlich vom Baspo* publizierte Studie zeigte dies deutlich auf. Der Aufwand, um erfolgreich zu sein, wird auch im Wintersport immer grösser. Damit steigt die Belastung für die Athleten und ihre Eltern, aber auch für die Vereine und Verbände.

Swiss-Olympic-Direktor Roger Schnegg fordert mehr Geld, und zwar einen «deutlich zweistelligen Millionenbetrag». Sind Sie auch dafür?

Remund: Er hat Recht, die Verbände brauchen unbedingt mehr Mittel, ansonsten das aktuelle Leistungsniveau nicht gehalten werden kann. Nach den Lotterien ist der Bund der zweitgrösste Geldgeber von Swiss Olympic. Wir müssen uns da Gedanken machen und Vorschläge bringen. Dabei müssen wir nichts Neues erfinden, sondern auf unserem erfolgreichen System aufbauen. Ganz im Sinn der Motion, mit der sich der Ständerat demnächst befasst und die verlangt, dass die Massnahmen, die für die Olympia-Kandidatur Graubünden 2022 vorgesehen waren, auch ohne Kandidatur umgesetzt werden – unter anderem ein Leistungssportkonzept und ein Schneesportzentrum.

Welche Beiträge wären denn angemessen?

Remund: Da gilt es zu unterscheiden. Wir haben die Subventionen für die Verbände, die an Bedingungen geknüpft sein sollen, etwa die Professionalisierung der Nachwuchsförderung. Da kann man noch mehr erreichen. Unsere Trainerinnen und Trainer sind gut. Sie müssen aber hauptamtlich zur Verfügung stehen und nicht nur ehrenamtlich ein paar Abende in der Woche. Zweitens sollten jene Verbände, für deren Sportarten wir in Tenero und Magglingen über keine Infrastruktur verfügen, für den Betrieb ihrer Leistungszentren zusätzlich unterstützt werden. Drittens müssten wir die Ansätze der Jugend+Sport-Nachwuchsförderung deutlich erhöhen. Wenn immer mehr trainiert werden muss, werden mehr Mittel benötigt, die privat nicht allesamt getragen werden können.

Wie viel mehr?

Remund: Der entsprechende Kredit in der Nachwuchsförderung beträgt heute 10 Millionen. Um eine Wirkung zu erzielen, müsste man ihn verdoppeln oder verdreifachen.

Ist das wirklich nötig? Es scheint auch ohne zu gehen, wenn man den Medaillensegen sieht.

Remund: Moment mal: Wir sind eine Skination. Eine Medaille für die Männer und zwei für die Frauen im Ski alpin, das ist nicht so super. Swiss-Ski muss mehr investieren und kann das nicht alleine tragen. Als solche müssen wir die Verbände unterstützen. Betrachten wir alle Schneesportarten, fällt auf, dass die meisten Medaillengewinner aus dem Bündnerland kommen oder dort ausgebildet worden sind. Da wurden seit 1997 mit Unterstützung der öffentlichen Hand regionale Leistungszentren aufgebaut. Dafür danke ich den Initianten, privaten Förderern, dem Kanton Graubünden und den Gemeinden. Dominique Gysin kommt aus Engelberg, wo es ebenfalls ein Leistungszentrum gibt. Aber gerade das Sportgymnasium Engelberg kämpft ständig mit finanziellen Problemen. Solche Zentren sollten besser unterstützt werden.

Würden die Schweizer an Olympischen Spielen noch erfolgreicher, wenn es mehr solcher Schulen gäbe?

Remund: Wir haben in der Schweiz zu wenig Ausbildungsstätten, die den Sport bestens koordiniert oder integriert anbieten. Es gibt heute viele Sportschulen. Doch was nützt eine Schule mit flexiblen Unterrichtszeiten, wenn daneben das Training nicht angeboten wird? Und die Schüler die Daumen drehen müssen, bis sie am Abend ins Training können, weil die ehrenamtlichen Trainer tagsüber keine Zeit haben? Dort braucht es die nötigen Mittel, um das Training zusammen mit der Schule besser durchführen und koordinieren zu können. In den Sommersportarten ist dieses Problem übrigens noch grösser.

Zurück zu Sotschi: Welcher Athlet hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Remund: Der Engadiner Snowboarder Nevin Galmarini, der im Parallel-Riesenslalom Silber geholt hat und seiner Mutter beim Fernsehinterview in der Gebärdensprache dankte, hat mich berührt. Mich beeindruckt aber auch, wenn jemand im Misserfolg Grösse zeigt. Es ist schwierig, hinzustehen und zu sagen: Ich war nicht gut genug oder habe diesen oder jenen Fehler gemacht. Ich habe die grösste Achtung vor all den Sportlerinnen und Sportlern, die ihr ganzes Leben dem Sport widmen – und oft erst viel später realisieren, was ihnen das gebracht hat.

Was sagen Sie zur mageren Bilanz in den alpinen Disziplinen?

Remund: Mehr konnte man nicht erwarten. Unsere Teams haben entsprechend dem Potenzial abgeschnitten und haben mit zweimal Gold und einmal Bronze sogar da Medaillen geholt, wo man es nicht erwartet hat. Eine tolle Mannschaftsleistung haben die Frauen nicht nur in der Abfahrt gezeigt, sondern auch im Super-G. Diese Vorgabe sollten wir eigentlich in allen Disziplinen erreichen, wenn wir eine alpine Skination sein wollen.

Immerhin können wir uns zumindest mit der Skination Österreich messen.

Remund: Ist Österreich unser Gradmesser? Wir müssen weltweit bestehen und uns nicht mit einem anderen Land vergleichen.

Simon Ammann, Beat Feuz und andere gingen leer aus. Wie erklären Sie sich, dass mit wenigen Ausnahmen nicht die Top-Favoriten Gold geholt haben?

Remund: Es zeigt, wie breit die Spitze ist und wie wenig über Sieg oder Niederlage entscheidet. Es zeigt auch, dass Swiss Olympic gut selektioniert hat und dass es sinnvoll war, mit einer grossen Delegation nach Sotschi zu reisen. Da haben sie einen Top-Job gemacht, als sie mit Sachverstand zusammen mit den Verbänden die Kriterien erarbeitet und danach mit Fingerspitzengefühl selektioniert haben.

Wie nachhaltig sind eigentlich die Spiele?

Remund: Das ist eine gute Frage. Die Skianlagen sind hervorragend, die Pisten höchst anspruchsvoll. Viele Hotelanlagen wurden erstellt. Ob russische oder europäische Touristen Sotschi anderen Wintersportdestinationen vorziehen werden, wird sich zeigen. Inwieweit Russland die Spiele in der Sportförderung benützt hat, kann ich nicht sagen.

Sie sind in keiner Weise bereit, in die Kritik an Sotschi einzustimmen?

Remund: Wenn man den Wintersport weltweit fördern will, muss man auch solchen Kandidaturen eine Chance lassen. Immerhin hat Russland in Sotschi eine neue Skistation entwickelt. Und wenn man politisch etwas bewegen will, muss man die Kritik in der Kandidaturphase vorbringen und nicht erst dann, wenn die Spiele vor der Tür stehen.

Hinweis

* Matthias Remund (50) ist seit April 2005 Direktor des Bundesamts für Sport (Baspo). Sein Studium an der Universität Bern schloss er mit dem Fürsprecher-Titel ab.

«Was nützt eine Schule mit flexiblen Unterrichtszeiten, wenn daneben das Training nicht angeboten wird?» Matthias Remund, 
BASPO-Direktor (Bild: Keystone)

«Was nützt eine Schule mit flexiblen Unterrichtszeiten, wenn daneben das Training nicht angeboten wird?» Matthias Remund, BASPO-Direktor (Bild: Keystone)