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BIOGRAFIE: «Nach dem Karrierenende war es für mich schwierig, irgendwo reinzupassen»

Im Buch «Ariella Kaeslin Leiden im Licht» erzählt der Ex-Sportstar seine Lebensgeschichte. Und wie schwierig es für Kaeslin nach dem Rücktritt war, ihren Platz im normalen Alltag zu finden.
Im Luzerner Hotel Schweizerhof dort, wo sie am 11. Juli 2011 unter Tränen ihren Rücktritt verkündet hat - blickt Ariella Kaeslin nach einer schwierigen Zeit im Anschluss an ihre Sportkarriere wieder frohen Mutes in die Zukunft. (Bild Gerry Nitsch)

Im Luzerner Hotel Schweizerhof dort, wo sie am 11. Juli 2011 unter Tränen ihren Rücktritt verkündet hat - blickt Ariella Kaeslin nach einer schwierigen Zeit im Anschluss an ihre Sportkarriere wieder frohen Mutes in die Zukunft. (Bild Gerry Nitsch)

Interview Stefan Klinger

Ariella Kaeslin, das vierte Kapitel des Buchs beginnt mit einem erschreckenden Zitat. Da heisst es von Ihnen in Bezug auf den Oktober 2011, drei Monate nach Ihrem Rücktritt: «Wenn ich einen Knopf hätte drücken können und nachher tot gewesen wäre, hätte ich den Knopf gedrückt.»

Ariella Kaeslin: Ich hatte damals keine Selbstmordabsicht, aber ich habe die Ungewissheit und das Unwohlsein nicht mehr ausgehalten. Ich wollte einfach, dass es wieder so wird wie vorher. Dass es normal wird. Dass ich wieder Emotionen habe. Ich habe da gerade eine Asienreise gemacht und genau gewusst, dass ich normalerweise vor Begeisterung ausflippen würde bei dem, was ich dort alles gesehen und erlebt habe. Aber es war einfach nicht so. Und ich wusste nicht, wie lange dieser Erschöpfungszustand andauern wird. Da bin ich sehr unruhig und hässig geworden.

Was war das Problem, das diesen Erschöpfungszustand ausgelöst hatte?

Kaeslin: Es gibt zwar Förderprojekte bis zum Gehtnichtmehr, um junge Sportler zu unterstützen. Aber wenn du zurücktrittst, gibt es nichts, das dir hilft, ins normale Leben zurückzukommen. Da bist du dann für die Verbände nicht mehr interessant. Ich hätte nie gedacht, wie schwierig der Übergang ins normale Leben sein würde. Man sagt immer: Jetzt bist du frei und hast viel Zeit. Aber da sind dann so viele Kleinigkeiten im Alltag auf mich zugekommen, die ich erst einmal lernen musste.

Zum Beispiel?

Kaeslin: Ich habe gar nicht gewusst, was man als Otto Normalverbraucher isst, was man einkauft, was man redet unter Nichtsportlern, wenn du in der Gruppe zusammensitzt. Als Spitzensportler bist du immer in einem geschützten System und bekommst von der Aussenwelt nichts mit. Da ist immer alles vorgegeben, nicht nur in Sachen Ernährung. Daher gehst du kopflos durch den Alltag. Du hast dir Regeln aufgebaut und wenn die dann plötzlich weg sind, wirst du erschlagen vom Angebot. Nach dem Karrierenende war es für mich schwierig, wieder irgendwo reinzupassen.

Was heisst das konkret?

Kaeslin: Beispiel Sport. Ich war gewöhnt, weltweit zu den Besten zu gehören nun war ich auf einmal regional eine der Schlechtesten. Ich habe es mal mit Volleyball versucht. Vom Training, das ich mir gewünscht hatte, hätte ich in die oberste Liga gehen müssen. Aber wegen meines Volleyball-Niveaus musste ich in die unterste. Da haben wir nur einmal die Woche trainiert und es ruhig angehen lassen. Das hat mich nicht zufriedengestellt. Und in der Schule war es ähnlich.

Sie meinen, als Sie nach Ihrem Rücktritt zunächst versucht haben, an der Kantonsschule Alpenquai Luzern die Matura nachzuholen?

Kaeslin: Ja. Vom Stoff her war ich völlig überfordert, weil ich damals überhaupt nicht aufnahmefähig war. Ich war ja seit der vierten Klasse nie länger als zwei Lektionen am Stück in die Schule gegangen und plötzlich hatte ich acht Lektionen am Stück. Das hat mich überfordert. Vom Menschlichen her war ich dagegen unterfordert, weil ich wieder mit 16-Jährigen in eine Klasse gegangen bin. Irgendwo hat es halt nie richtig gepasst.

Im Buch schildern Sie detailliert, wie Sie nach Ihrem Rücktritt den Alltag im Erschöpfungszustand erlebten und Ihren Umgang mit Antidepressiva. Auch jetzt erleben wir Sie sehr offen. Es scheint, als hätten Sie Ihre Krise nach dem Rücktritt ausgestanden.

Kaeslin: Mir geht es zwar wieder super gut, aber ich stecke noch immer im Prozess, da wieder rauszukommen. Um etwas wirklich zu verstehen und zu reflektieren, braucht es Abstand. Am Anfang habe ich noch ziemlich negativ auf meine Karriere zurückgeblickt, aber jetzt sehe ich vielmehr das Positive. Ich sehe, wie ich an der Krise gewachsen bin. Als ich in der Krise drin war, hat sie mich genervt. Ich hatte keine Geduld. Als Sportler bist du es gewohnt, dass der Arzt sagt: einen Gips, dieses Medikament, x Wochen Pause und dann ist es wieder gut. Diesmal konnte mir aber niemand vorhersagen, ob es noch zwei Jahre braucht, oder ob es überhaupt wieder gut wird. Diese Ungewissheit hat es schwierig gemacht.

Nehmen Sie noch Antidepressiva?

Kaeslin: Nein. Die habe ich nicht allzu lange nehmen müssen. Aber damals hatte es sie gebraucht, weil ich so ausgezehrt war, dass es nur dank der Medikamente möglich war, meinen Körper wieder dahin zu bringen, wie es eigentlich normal ist. Es hatte eine Weile gedauert, bis mein Körper so weit war, diese Botenstoffe wieder selbst zu produzieren.

Sie sagen, Sie können nun das Positive an der Krise sehen. Was ist das?

Kaeslin: Dass ich mein Leben verlangsamt habe und toleranter mir selbst gegenüber geworden bin. Ich kann jetzt auch mal problemlos sagen, dass ich heute nicht trainiere, weil ich keine Lust dazu habe. Dieses Selbstzerstörerische, das ich als Kunstturnerin hatte, habe ich jetzt nicht mehr. Dieses krasse Verhältnis zu sich selber, dass man dem inneren Zwang unterliegt, sich immer anzutreiben, und dass du nie mit dir zufrieden sein darfst.

Aktuell betreiben Sie Triathlon. Wirklich nur aus Spass an der Freude?

Kaeslin: Klar habe ich es noch immer in mir drin, mich verbessern zu wollen aber nicht mehr um jeden Preis. Ich habe nun ein besseres Gespür für meinen Körper und meinen Geist. Ich kann nun auf meine Bedürfnisse hören. Es hat recht lange gedauert, bis ich das gelernt habe. Denn während des Spitzensports hatte ich gelernt, meine Bedürfnisse zu unterdrücken – Hunger, Müdigkeit, Schmerzen.

Bleiben wir bei diesem Punkt: Im Buch zeichnen Sie ein krasses Bild vom Alltag im Leistungszentrum in Magglingen, wo Sie als Kind unterdrückt wurden. Beschäftigt Sie das noch?

Kaeslin: Damals waren die Erlebnisse krass für mich. Aber solche Leidenssituationen vergisst man schnell. Je weiter weg du bist, desto positiver blickst du auf etwas zurück. Während der Interviews für das Buch habe ich gemerkt, dass ich relativ viele Sachen vergessen oder verdrängt habe. Erst durchs Diskutieren sind sie mir wieder in den Sinn gekommen.

Hat Sie das nicht aufgewühlt?

Kaeslin: Nein. Manchmal träume ich nachts von Situationen von damals. Aber dann wache ich auf und muss schmunzeln. Damals war das krass, aber heute gehts mir wieder gut. Mit 13 hast du halt noch nicht die Fähigkeit, diese Methoden zu durchschauen heute könnte ich das.

Würden Sie das Buch als ein Aufklärungsbuch charakterisieren?

Kaeslin: Ich habe den Umstieg nach dem Karrierenende ins normale Leben als schwierig empfunden. In Gesprächen mit anderen Sportlern habe ich realisiert, dass auch viele andere Schwierigkeiten hatten, aber dass sich eben niemand richtig traut, darüber zu sprechen. Das Thema Erschöpfungszustand ist nach wie vor ein Tabuthema. Gerade als Sportler willst da ja immer als stark und unzerstörbar angeschaut werden. Dabei ist es völlig natürlich, dass du deine Probleme bekommst, wenn du jahrelang so viel von deinem Körper und deinem Geist abverlangst und dann plötzlich vor dem Nichts stehst, weil alles wegfällt. In diesem Punkt möchte ich helfen, das Tabu zu brechen.

Aber?

Kaeslin: Ich möchte das auch auf keinen Fall pauschalisieren und sagen, dass es allen Sportlern so geht. Ich habe das so erlebt. Ich möchte meine Geschichte erzählen. Das soll auf keinen Fall heissen, dass das andere Spitzensportler auch erleben. Jeder reagiert anders. Mir ist es einfach wichtig, zu sensibilisieren, dass Sportler auch nur Menschen sind.

unknown (Bild: stefan.klinger@luzernerzeitung.ch)

unknown (Bild: stefan.klinger@luzernerzeitung.ch)

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