BOB: Er gibt alles und muss trotzdem zusehen

Der Oberwiler Thomas Amrhein weilt derzeit in Sotschi. Zum Einsatz kommt er allerdings kaum, weil ein anderer mehr Erfahrung hat.

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Thomas Amrhein packt bei sich zu Hause die Koffer für die Olympischen Spiele am Schwarzen Meer. (Bild Stefan Kaiser)

Thomas Amrhein packt bei sich zu Hause die Koffer für die Olympischen Spiele am Schwarzen Meer. (Bild Stefan Kaiser)

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Diese Redensart umschreibt die Gefühlslage des Oberwiler Bobfahrers Thomas Amrhein haargenau. Am letzten Januarwochenende erkämpfte sich der Oberwiler zusammen mit dem Schweizer Piloten Beat Hefti, Alex Baumann und Jürg Egger im Viererbob den Titel eines Europameisters. Der Erfolg des Schweizer Teams im bayrischen Königssee zahlte sich aber noch in einem anderen Wettbewerb aus. Amrhein ergatterte sich zusammen mit seinen Teamkollegen an diesem Tag auch noch den 2. Platz im Weltcup. Doch darüber freuen konnte sich der Zuger schnell nicht mehr.

Was ist passiert? Obwohl er ein Ticket für Sotschi bekommen hat und jetzt auch am Schwarzen Meer weilt, wird Amrhein wohl nur zuschauen können. Der Grund: Thomas Lamparter, für welchen Amrhein im Hefti-Bob gesessen ist, kann wieder mittun. «Natürlich bin ich enttäuscht», sagt der 24-jährige Oberwiler und fügt an: «Da hilfst du mit, die Olympiaqualifikation zu erreichen, und dann schaust du zu. Das ist hart.» Der Entscheid gegen ihn, so erzählt Amrhein weiter, sei ihm auch begründet worden: «Ich hätte zu wenig Erfahrung, haben sie mir vom Bobverband gesagt.» Dieses Argument hat was für sich. Lamparter hat bereits zweimal an Olympischen Winterspielen teilgenommen. In Sotschi wird er zum dritten Mal für die Schweiz an den Start gehen. Gegen diesen Leistungsausweis konnte Amrhein nichts ausrichten.

Sitzt seit 2010 in einem Bob

Amrhein ist erst 2010 in den Bobsport eingestiegen. «Ein Fourier hat mich im Militär mit dem Piloten Martin Galliker bekannt gemacht», sagt der Oberwiler. Er sei dann mit Galliker im Zweierbob und im Viererbob an den Start gegangen. Nachdem Galliker aufgehört hatte, musste der Zuger Bobfahrer nach einem anderen Team Ausschau halten. Seine Karriere so richtig lanciert hat er in dieser Saison, in welcher er mit guten Resultaten aufwartete: «Ich bin der zweitbeste Bremser», sagt er stolz. Ein verantwortungsvoller Job, muss er doch als Letzter bei einem schon beträchtlichen Tempo auf das Kufengefährt aufspringen.

Schnell unterwegs ist Thomas Amrhein schon lange. Er hat als Teenager Leichtathletik betrieben, hat im Weitsprung bei den U 18-Schweizer-Meisterschaften dereinst sogar den Titel geholt. Er startete auch über kurze Distanzen für seinen Klub Hochwacht Zug. «Ich kann rennen, da war ich immer bei den Schnellsten», sagt der 24-Jährige. Christoph Heri, der Präsident des Sportvereins Hochwacht, ist stolz, dass es Amrhein geschafft hat, sich ein Olympiaticket zu ergattern: «Das ist ein absolutes Highlight für den Klub.» Um so weit zu kommen, hat Amrhein auch vollkommen auf die Karte Sotschi gesetzt. Er fuhr dabei im Vierer- wie auch im Zweierbob. Um sich optimal vorzubereiten, hat er bei seinem Arbeitgeber, der Wadsack Treuhand AG in Zug, eine längere unbezahlte Auszeit genommen. «Mein Arbeitgeber zeigt sich da sehr kooperativ», sagt Amrhein. Ohne dieses Entgegenkommen wäre der Oberwiler gar nie so weit gekommen.

Während der Bob-Saison ist der Zuger aber nicht «arbeitslos». Vielmehr ist er beim Piloten Gregor Baumann angestellt: «So verdiene ich etwas. Aber es ist nicht viel. Es reicht gerade zum Leben.» Der Aufwand, den der Zuger betreibt, ist immens. Während des Winters absolviert der gross gewachsene Athlet bis zu zwölf Trainingseinheiten. Da er im Bob weiterkommen wollte, musste er auch sein Engagement in der Leichtathletik zurückschrauben. Die beiden Sportarten weisen wohl Synergien auf, aber vertragen sich eigentlich nicht. «Beim Bobfahren musst du im Sommer Aufbautrainings machen, um im Winter bereit zu sein. In der Leichtathletik ist es genau umgekehrt.»

«Fahrt auf der Achterbahn»

Amrhein ist gerne im Eiskanal unterwegs: «Es ist wie eine Fahrt auf der Achterbahn.» Nach der wichtigen Startphase muss Amrhein den Aufsprung schaffen. Dann kann er «zurücklehnen» und kann sich voll auf seinen Piloten verlassen: «Ich muss mich einfach klein machen, gut festhalten und kann die Abfahrt geniessen.» Leider wird er dies in Sotschi nicht tun können. Hegt er deshalb Groll gegen Lamparter, der ihm den Platz auf der Ziellinie weggeschnappt hat: «Das können wir uns gar nicht leisten. Bobfahren ist ein Teamsport. Da muss jeder mit jedem funktionieren können.» Und natürlich auch flexibel sein. Dies hat ja der Oberwiler in dieser Saison selber erfahren müssen, als er von seinem ursprünglichen Piloten Gregor Baumann zu Beat Hefti transferiert wurde. Hefti habe das Privileg, auf die besten Leute zurückgreifen zu können.

Immer bereit zum Einsatz

Da Thomas Amrhein für Sotschi stets bereit sein muss, macht er das ganze Vorbereitungsprogramm mit. Deshalb kommt er derzeit nur selten zu Hause vorbei. Er ist gestern mit seinen Bob-Kollegen ans Schwarze Meer gereist.

Noch hat sich Thomas Amrhein keine Gedanken darüber gemacht, ob er weitermachen will. Nachdem er in den Status eines «Ersatzfahrers» versetzt wurde, trägt er sich aber mit dem Gedanken, am Ende der Saison aufzu­hören.

Doch wer weiss, vielleicht kommt Thomas Amrhein doch noch in den Genuss, den Eiskanal in Sotschi hinunterzudonnern. Aber der Zuger ist Sportler genug und sagt: «Aber ich hoffe natürlich nicht, dass sich einer meiner Kollegen verletzt.»

Die Schweizer Bob-Mannschaft in Sotschi: Männer (6): Thomas Amrhein (Oberwil bei Zug, Ersatz), Alex Baumann (Stein AR), Jürg Egger (Farnern BE), Beat Hefti (Pilot/Goldau SZ), Thomas Lamparter (Aarwangen BE), Rico Peter (Pilot/Kölliken AG). – Frauen (5): Fabienne Meyer (Pilotin/Willisau LU), Tanja Mayer (Sommeri TG), Caroline Spahni (Pilotin/Sutz BE), Ariane Walser (Wangen SZ), Elisabeth Graf (Ersatz/Pfäffikon ZH).