Breel Embolo und Manuel Akanji sind die künftigen Leader in der Schweizer Nationalmannschaft

Breel Embolo und Manuel Akanji zählen zu den grössten Talenten im Schweizer Nationalteam. Beide wollen negative Erlebnisse vergessen und morgen in der Nations League gegen Island eine neue Ära starten. Die Erwartungen an sie sind hoch.

Christian Brägger und Etienne Wuillemin, Feusisberg
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Breel Embolo gehört zu den Schweizer Hoffnungsträgern. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Feusisberg, 22. Mai 2018))

Breel Embolo gehört zu den Schweizer Hoffnungsträgern. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Feusisberg, 22. Mai 2018))

Straftraining mit Schalke an diesem Montagmorgen, nach zwei Niederlagen zum Saisonauftakt. Breel Embolo verpasst daraufhin den Flieger und rückt am Nachmittag verspätet ins Camp des Nationalteams ein. Es sind wieder einmal turbulente Zeiten in Gelsenkirchen. Und Embolo sagt: «Wir hätten zwei statt null Punkte verdient. Oder gar vier. Aber wir sind nicht in der Krise, unser Weg ist richtig.»

Bald explodiert er, jetzt muss es dann so weit sein. Dieser Gedanke begleitet stets, wer Embolo beim Fussballspiel zuschaut. Doch seit der Offensivspieler im Sommer 2016 den FC Basel verlassen und Schalke ihn für die Vereinsrekordsumme von 22,5 Millionen Euro verpflichtet hat, tritt nicht ein, was viele sich sehen wollen; nicht mit Schalke, nicht im Nationalteam.

«Oh Embolo» ist nicht mehr oft zu hören

Dabei spricht vor mehr als zwei Jahren nichts gegen und alles für Embolo, in Basel startet er durch, an der EM in Frankreich ist er mit 19 Jahren der jüngste Schweizer Spieler und neben Xherdan Shaqiri ein Hoffnungsträger im Angriff. Weil er so unbekümmert ist, lausbübisch, frech im positiven Sinn und immer frisch von der ­Leber redet, kommt er gut an. Es gibt nie Debatten, dass in seinem Herzen das Kamerunische ebenfalls schlägt. Die Fans widmen ihm gar ein eigenes Musikstück – der Oh-Embolo-Song wird zum Ohrwurm.

Heute ist das Lied auf den Rängen nicht mehr oft zu hören. Embolo ist auch nicht mehr der Lausbub von einst, und im Sommer ist er während der WM im Alter von 21 Jahren stolzer Papa einer Tochter geworden. Er wirkt jetzt nicht mehr so unbeschwert, redet überlegter. Ja, Breel Embolo ist erwachsen geworden. Am Ball aber, da ist er im Prinzip noch derselbe. Unberechenbar, athletisch, schnell, explosiv, manchmal zu ungestüm und den Ball vergessend. Geblieben sind die eigentümlichen Bewegungen, wenn er sich in den Gegner hineindreht und verheddert. Und augenfällig ist vor allem dies: Embolo hat Mühe, beim Bundesg­ligaklub und im Nationalteam einen Stammplatz zu behaupten. An der WM in Russland pendelt er zwischen Ersatzbank und Startelf, bei Schalke ebenso.

Der Wechsel nach Deutschland kommt vielleicht verfrüht, zu Beginn geht dort nicht viel. Das Klima ist ein anderes als im geliebten, beschaulichen Basel, aber die Erwartungen sind höher. Vielleicht drückt das Preisschild, zumal Embolo nachgesagt wird, er sehe sich in der Bringschuld, wolle unbedingt etwas zurückzahlen. Das kann lähmen. Dann, als er endlich mit seinen Toren ankommt in der Bundesliga, erleidet er im Oktober 2016 einen Knöchelbruch, der ihn den Rest der Spielzeit verpassen und noch in der Folgesaison leiden lässt.

Embolo wirft die Verletzung, die auch das Karriereende bedeuten könnte, weit mehr zurück, als er wahrhaben will. «Jede Verletzung ist schwer. Meine war besonders schwer, ich war fast ein Jahr lang weg. Aber ich will vorwärtsschauen und bin auf einem guten Weg.» Die Rolle im Nationalteam habe ihm zuletzt natürlich nicht gefallen. Der Spieler glaubt, er hätte es wohl auch verdient gehabt, gegen die Schweden zu beginnen. Doch die WM ist passé, jetzt soll es nur noch vorwärtsgehen. «Vor mir stehen noch viele Partien, mein Limit ist noch nicht erreicht. Ich spiele bei einem grossen Klub. Und ich weiss, dass ich viel Potenzial habe. Aber ich muss gesund bleiben.» Auch dieses Gefühl schwingt nun immer mit bei Embolo.

Manuel Akanji gehört zu den Schweizer Hoffnungsträgern. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Feusisberg, 22. Mai 2018))

Manuel Akanji gehört zu den Schweizer Hoffnungsträgern. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Feusisberg, 22. Mai 2018))

Manuel Akanji: Das Ausscheiden vergessen

Der Gedanke zurück schmerzt. Wie Akanji auf dem Rasen von St. Petersburg liegt, die Hände schützend übers Gesicht gelegt, Sekunden nach dem Abpfiff, mit der Gewissheit, diesen WM-Achtelfinal gegen Schweden 0:1 verloren zu haben. Und er selbst: beteiligt am unglücklichen Gegentreffer, weil sein Fuss den Ball ablenkte, direkt ins eigene Tor.

Jetzt sitzt Manuel Akanji an einem Tisch in Freienbach, das öffentliche Training ist vorbei. Ein neuer Zyklus beginnt, das Spiel gegen Island, das erste in der neu geschaffenen Nations League, naht. Die Vorfreude steigt. Und doch, ganz sind die Gedanken an Russland noch nicht verschwunden. «Wenn ich über die WM nachdenke, kommt mir als Erstes leider der Tiefpunkt in den Sinn», sagt Akanji. «Aber es dauert dann auch nicht lange, bis ich wieder sehen kann, dass wir über alles gesehen ein tolles Turnier absolviert haben.» Für Akanji gilt das besonders. Vor der WM war noch unklar, ob er überhaupt Stammspieler sein würde. Doch Nationaltrainer Vladimir Petkovic liess keine Zweifel zu, setzte immer auf Akanji – der mittlerweile 23-Jährige dankte es mit tollen Leistungen. «Als wir dann zu Hause waren und die nächsten Spiele mit ansehen mussten, tat das Ausscheiden nochmals mehr weh. Ich dachte oft: Auf dieser Bühne hätten wir sein können.» Es blieb nicht beim sportlichen Frust. Die Tage nach dem Ausscheiden sind mit die schwärzesten der neueren Schweizer Fussballgeschichte. Die Frage von Ex-Generalsekretär Alex Miescher, ob die Schweiz weiter auf Doppelbürger setzen soll, trifft direkt in Akanjis Herz. «Ich habe mich verletzt gefühlt. Was müssen wir denn noch leisten, um akzeptiert zu werden?»

Die Zeit heilt Wunden, darum ist es auch mehr als berechtigt, wenn sich Akanji und Co. jetzt wieder auf den Fussball konzentrieren wollen – zumal Miescher zurückgetreten ist. Doch soll man einfach zur Tagesordnung übergehen? – «Nein!», sagt Sarah Akanji. Die Sache dürfe nicht zu den Akten gelegt werden. Sarah ist die Schwester von Manuel, selbst begeisterte Fussballerin. «Mein Wunsch ist, dass die Menschen versuchen, sich in die Lage eines Doppelbürgers zu versetzen. Vielleicht könnte man dann unsere Gefühle verstehen.» Es beginnt bei kleinen Fragen: Wie wäre es, bei jeder Begegnung bald gefragt zu werden, woher man wirklich kommt? Oder im Flugzeug zuerst auf Englisch angesprochen zu werden? Wer es sich vorstellt, kann das Gefühl des «nicht ganz Dazugehörens» wohl ein bisschen besser verstehen.

Die WM in Russland könnte für Akanji ein Zwischenschritt gewesen sein auf dem Weg zu einer grossen Karriere. Nach seinem Wechsel von Basel zu Dortmund im Januar ist Akanji daran, die Bundesliga zu erobern. Mit ­Lucien Favre begleitet ihn ein Schweizer Trainer. Akanji erzählt: «Favre sagte zu Beginn: ‹Am Ende der Woche stehen die besten elf Spieler auf dem Platz, egal welche Namen sie tragen. Jeder muss sich zeigen im Training.› Das tue ich gewissenhaft.»

Zunächst zählt das Nationalteam. Gegen Island geht es darum, neue Geschichten zu schreiben. Damit die Gedanken an das Ausscheiden verschwinden.

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