BUNDESLIGA: Nachsitzen fällt in diesem Jahr aus

Der Hamburger SV verhindert die dritte Relegation nach 2014 und 2015. Die Hanseaten gewinnen in der letzten Runde zu Hause 2:1 gegen Wolfsburg. Das entscheidende Tor fällt in der 88. Minute.

Christoph Stukenbrock und Peer Lasse Korff (sid)
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Der eingewechselte Luca Waldschmidt (vorne) erlöst den HSV mit dem Siegtor kurz vor Schluss. (Bild: Christian Charisius/Keystone (Hamburg, 20. Mai 2017))

Der eingewechselte Luca Waldschmidt (vorne) erlöst den HSV mit dem Siegtor kurz vor Schluss. (Bild: Christian Charisius/Keystone (Hamburg, 20. Mai 2017))

Christoph Stukenbrock und Peer Lasse Korff (SID)

Markus Gisdol war ausser Rand und Band. Während Tausende Fans nach der Last-Minute-Rettung das Spielfeld fluteten, sprang der Trainer des Hamburger SV durch das Volksparkstadion, kugelte sich mit seinen Profis über den Rasen und schrie seine Freude immer wieder lauthals heraus. Der HSV bleibt durch den 2:1 (1:1)-Erfolg im Abstiegs-Showdown gegen den VfL Wolfsburg erstklassig – und das liess an der Elbe alle Dämme brechen. «Ich bin einfach dankbar und froh, dass wir heute den Sack zumachen konnten», sagte Gisdol mit stockender Stimme. Viele seiner Profis weinten vor Glück. «Wir haben mit dem Team ein Wunder geschafft. Niemand hat mehr ­einen Pfifferling auf uns gesetzt. Für uns alle ist das der Höhepunkt unserer Karriere», jubelte Verteidiger Mergim Mavraj – und verabschiedete sich dann johlend in die Kabine. «Niemals 2. Liga», schallte es durch die Katakomben des Hamburger Stadions. Wenig später liefen die Profis mit Bierflaschen «bewaffnet» zurück in die Arena zur wilden Feier mit dem eigenen Anhang.

Umjubelter Held war Luca Waldschmidt, der in der 88. Minute das Siegtor erzielte und damit dem Klub die dritte Relegation nach 2014 und 2015 ersparte. 110 Sekunden zuvor eingewechselt, traf der Angreifer einen Tag nach seinem 21. Geburtstag. «Einfach unglaublich», sagte Waldschmidt. Filip Kostic (32.) hatte noch in der ersten Halbzeit für den Ausgleich gesorgt.

«Unglaublich», war auch das Wort, das Gisdol wenig später auf der Pressekonferenz immer wieder bemühte. Einen Augenblick später wurden seine Augen feucht. «Nach dem zehnten Spieltag waren wir tot, hatten nur zwei Punkte auf dem Konto. Das hat noch keiner geschafft. Wir aber haben uns zusammengerauft und wollten die Geschichtsbücher neu schreiben. Das haben wir geschafft.» Was er nach den aufregenden letzten Wochen nun fühle? «Ich bin froh, aber auch ein bisschen leer. Schlafen will ich heute trotzdem nicht», so Gisdol.

HSV-Sportchef Jens Todt war einfach nur «wahnsinnig erleichtert. Auch wenn wir nur das Minimalziel erreicht haben, war es eine Riesenleistung. Auch vom Trainerteam.» Gisdol hatte die Hamburger nach dem fünften Spieltag übernommen, noch nach zwölf Spielen lag der Klub mit nur vier Punkten sieglos und abgeschlagen auf dem letzten Platz. Doch am Ende war die Aufholjagd erfolgreich.

Wolfsburg mit Zuversicht in die Barrage

Und während die rauschende Nichtabstiegsparty im weiten Rund ihren Lauf nahm, bot sich auf der anderen Seite das komplette Kontrastprogramm. Die Wolfsburger, die mit Torhüter Koen Casteels anstelle von Diego Benaglio und ohne den verletzten Ricardo Rodriguez antraten, schüttelten ob des vergebenen Matchballs immer wieder den Kopf und trotteten mit versteinerter Miene vom Feld. Trotz teilweise drückender Überlegenheit und der zwischenzeitlichen Führung durch Robin Knoche (23.) müssen die Wölfe den bitteren Gang in die Relegation antreten. «Ich bin ein bisschen sprachlos, weil Fussball brutal ist», sagte Stürmer Mario Gomez: «Wir sind aber nicht abgestiegen. Wir haben noch zwei Spiele gegen ­einen Zweitligisten. Bei aller Liebe – das müssen wir schaffen.»

Statt der vor der Saison angepeilten Qualifikation für den Europacup bekommen die Wölfe ihre letzte Chance auf den Klassenerhalt in zwei Spielen gegen den Dritten der 2. Liga. Ausgerechnet im 20. Jahr der Bundes­liga-Zugehörigkeit droht dem Team der bittere Gang in die Zweitklassigkeit. Schon am Donnerstag sind Gomez und Co. gefordert. Dann geht es – voraussichtlich gegen Eintracht Braunschweig – um alles.