Das Tor, das die Fussballschweiz bewegt: Cedric Itten und der Moment für die Freudentränen

Seine Horror-Verletzung kostete ihn fast eine ganze Saison. Nach dem Comeback im Mai folgt das erste Nati-Aufgebot im November und das Spiel gegen Georgien. Eine märchenhafte Geschichte.

Céline Feller
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Gemeinsam mit Ruben Vargas (rechts) feiert Cedric Itten sein Tor gegen Georgien. (Bild: Freshfocus)

Gemeinsam mit Ruben Vargas (rechts) feiert Cedric Itten sein Tor gegen Georgien. (Bild: Freshfocus)

Eine Handvoll Zuschauer auf den Rängen des Kybunparks sind den Tränen nahe. Eine knappe Stunde ist gespielt an diesem 23. September 2018, da attackiert Fabio Daprelà Cedric Itten. Er springt ihm regelrecht in sein rechtes Knie. Zertrümmert es. Totalschaden. Diagnose: Kreuz- und Innebandriss, mindestens sechs Monate Pause, Tendenz mehr. Es ist ein Moment, der die ganze Fussballschweiz schockt.

418 Tage später. Eine Handvoll Zuschauer auf den Rängen des Kybunparks sind den Tränen nicht nur nahe, sie weinen. Zusammen. Aus Freude. Es sind die Freundin, die Freunde und die Familie von Cedric Itten. Knappe 80 Minuten sind gespielt an diesem Freitagabend, als der 22-Jährige ein Tor erzielt. Mit dem Kopf. Zum 1:0. Dem Endstand. In seinem ersten Spiel für die Schweizer Nationalmannschaft überhaupt. Dem zweitletzten in der EM-Qualifikation, welche Dank Ittens Tor so gut wie Tatsache ist. So inflationär das Wort «Märchen» im Fussball auch benutzt wird, für diesen Moment gibt es keine treffendere Bezeichnung. Es ist ein Moment, der die ganze Fussballschweiz bewegt.

Rund zwölf Stunden später steht Cedric Itten wie schon nach dem Spiel den anwesenden Medienschaffenden Rede und Antwort. Das Lächeln, es ist noch immer schier grenzenlos. Er habe vielleicht etwas weniger geschlafen als seine Teamkollegen, «dafür sehr gut». Bis in die frühen Morgenstunden hat er Nachrichten gelesen und beantwortet, kurz nach Spielschluss seien es alleine 98 oder 99 gewesen, so genau hat er es nicht präsent. Zu viel ist passiert in dieser Nacht, in dieser Woche, in diesem Jahr.

Sechs Minuten erst ist er auf dem Platz, als Cedric Itten am höchsten steigt und zum 1:0 einköpft. (Bild: Freshfocus)

Sechs Minuten erst ist er auf dem Platz, als Cedric Itten am höchsten steigt und zum 1:0 einköpft. (Bild: Freshfocus)

Freitagabend. Einen Moment vor seiner Einwechslung steht Itten am Spielfeldrand. Das ganze Publikum skandiert seinen Namen. Itten nimmt es wahr, mehr Druck spürt er dadurch aber nicht. «Es ist einfach schön zu sehen, was ich hier in St. Gallen für eine Wertschätzung erfahre», sagt er. In St. Gallen ist der Basler heimisch geworden, nachdem man ihn beim FC Basel gleich zwei Mal nicht wollte. Man befand ihn als nicht gut genug, die Einsatzzeiten waren trotz guter Quoten rar, der Glaube an ihn nicht da. Ein Fehler in der Retrospektive.

In St. Gallen heimisch geworden

St. Gallen aber hat man ihm Glaube und Vertrauen geschenkt, auch nach seiner Horror-Verletzung. Itten selber streicht vor allem Trainer Peter Zeidler heraus. «Er hat einen sehr grossen Anteil daran. Er hat, als ich verletzt war, sehr viel mit mir geredet und mich motiviert. Das ist nicht selbstverständlich.» Er habe ihn einen sauberen Aufbau machen lassen, habe nie Druck aufgesetzt. Das Resultat ist ein neuerlicher Lauf des Baslers in dieser Saison, sechs Tore hat er schon erzielt in 13 Partien. Für eine Comeback-Saison eine imposante Statistik.

Und vor allem eine, die ihn in die Nati bringt. Natürlich spielen diverse Faktoren mit ein, dass Itten am Montag erstmals im Nati-Hotel vorfahren darf. Eigentlich wäre er nur auf Abruf gewesen, weil Vladimir Petkovic trotz einigen Ausfällen und Ittens Formstärke erst auf ihn verzichtet. Breel Embolo sagte frühzeitig ab, dann verletzt sich Josip Drmic am Freitagabend vor dem Nati-Zusammenzug – und Itten kommt zum Handkuss. Am Samstagmorgen überbringt ihm Trainer Zeidler die Nachricht. Und Itten sagt: «Alleine mit dem Aufgebot geht ein Kindheitstraum in Erfüllung.»

Cedric Itten jubelt über seinen Treffer zum 1:0 und damit seinem ersten Nati-Tor. (Bild:Keystone)

Cedric Itten jubelt über seinen Treffer zum 1:0 und damit seinem ersten Nati-Tor. (Bild:Keystone)

Es folgt der erste Einsatz am Freitagabend beim Spiel gegen Georgien , weil Haris Seferovic kurzfristig ausfällt und Ittens Mitspieler aus Basler Jugendzeiten, Albian Ajeti, nicht zu überzeugen weiss. Lediglich sechs Minuten braucht Itten dann für sein erstes Tor. «Es ging alles ganz schnell. Es kommt die super Flanke von Zakaria, perfekt auf meinen Kopf, dann treffe ich den Ball genau und schon stehen die Mitspieler bei mir und jubeln. Es ist einfach ein mega schönes Gefühl», erzählt Itten nach Schlusspfiff, wie er den Treffer erlebt hat.

Das Lob von Xhaka

Er spricht von «brutal vielen Emotionen», «einem überwältigenden Gefühl» und einer Geschichte, «die nicht schöner sein könnte». Oder wie Granit Xhaka sagt: «Es war fast klar, dass der Fussball diese Geschichte schreibt. Albian Ajeti hat in seinem Debüt auch hier sein erstes Tor gemacht (beim 6:0-Sieg über Island in der Nations League, Anm. d. Red.)», erklärt der Schweizer Vize-Captain und lobt Itten danach noch: «Es war sicher nicht einfach für Cedric, weil er gar nicht vorbereitet war auf ein Aufgebot. Er war aber immer bereit und hat souveräne Sachen im Training gemacht.»

Hätte man Cedric Itten vor einem Jahr gesagt, wie sich alles entwickeln wird, er hätte es wohl eben so wenig glauben können, wie er nach dem Spiel realisieren konnte, was da gerade wirklich alles passiert ist. Erst müsse er sich das Tor noch einmal anschauen. Im Video.

Das Video von seinem Horror-Foul hat er sich nur einmal angeschaut. Mehr ging nicht. Es habe ihn damals durchgeschüttelt, das zu sehen, wie er mal erzählte. Das Video seines ersten Nati-Spiels und von seinem ersten Nati-Tor wird er sich mit Sicherheit mehr als einmal anschauen. Für sich alleine, mit seiner Freundin, seinen Freunden und seiner Familie. Es wird ihn vermutlich auch durchschütteln. Die Augen werden vielleicht wieder feucht. Bei ihm und einer Handvoll Leute. Aber dieses Mal nur aus Freude.