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CHAMPIONS LEAGUE: Andreas Beck: Zwischen den Extremen

Besiktas Istanbul geht heute (20.45 Uhr, SRF 2) als Aussenseiter in den Achtelfinal gegen Bayern München. Aber für die Spieler gibt es in der Türkei nicht nur sportliche Herausforderungen.
2018 dürfen zwei Schweizer Klubs an der Champions-League-Qualifikation teilnehmen (Bild: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

2018 dürfen zwei Schweizer Klubs an der Champions-League-Qualifikation teilnehmen (Bild: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

Der 10. Dezember 2016 war eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag im Leben des Profis Andreas Beck. Gerade hatte der heutige Stuttgarter ein Meisterschaftsspiel mit Besiktas Istanbul gewonnen, 2:1 gegen Bursaspor. Und eine Stunde nach dem Abpfiff machte er sich auf den Heimweg. Beck wohnte in Istanbul nicht weit vom Vodafone Park entfernt, mit dem Auto war er in 15 bis 20 Minuten zu Hause.

Dort angekommen, stellte er sich an sein Wohnzimmerfenster im elften Stock, blickte über den Bosporus – und zuckte plötzlich zusammen. Zwei Bomben waren explodiert, kurz darauf hörte er Sirenen. 38 Menschen starben unweit des Stadions. An einer Stelle, an der Beck zuvor vorbeigefahren war. «Schreckliche Momente», sagt er noch heute, «das schüttelst du nicht einfach aus den Kleidern.» Genau so wenig wie den Anschlag in der Silvesternacht drei Wochen später, als im Club Reina ein Amokläufer 39 Gäste er­schoss. Beck kannte das In-Lokal am Ufer des Bosporus ganz gut. Knapp sieben Monate zuvor hatte er dort mit seinen Kollegen die erste Meisterschaft nach sieben Jahren ausgiebig gefeiert.

Spieler sprechen gerne davon, dass sie Fussballer seien und mit Politik nichts am Hut hätten. In den meisten Fällen mag das stimmen. Aber in Istanbul lassen sich die Dinge nicht genau trennen. Da sind zum einen die Anschläge. Da sind jedoch auch die Diskussionen um die generelle Ausrichtung eines Landes, das auf zwei Kontinenten liegt. Und das ein zuweilen seltsam anmutendes Demokratieverständnis offenbart. Wer sich mit Besiktas Istanbul beschäftigt, sollte sich mit solchen Dingen auseinandersetzen. Denn die Anhänger des Traditionsklubs zählen nicht nur zu den leidenschaftlichsten weltweit – sondern auch zu den politischsten. Für Carsi, die grösste Fangruppierung, spielen soziale und gesellschaftliche Themen eine wichtige Rolle. Bei den Protesten 2013 marschierten Mitglieder der Vereinigung in der ersten Reihe und ­galten als ein Schwungrad der Protestbewegung gegen die Regierung – sehr zum Missfallen von Präsident Recep Tayyip Erdogan, der mit Härte dagegen vorging.

Bedingungslose Fan-Liebe

Es kann also sehr unruhig sein in Istanbul. Mario Gomez war das etwas zu gefährlich, er verliess Besiktas 2016 nach nur einem Jahr unter Hinweis auf die Sicherheitslage. Beck blieb, bis er im Sommer letzten Jahres nach Stuttgart wechselte. «Ich laufe nicht mit Scheuklappen durch die Gegend, aber ich hatte trotzdem nie wirklich Angst», sagt er. Und er hat sich auch anstecken lassen von der Lebensfreude der Istanbuler, die sie sich trotz schwieriger Momente nie unterkriegen lassen.

Es gibt ja auch diese andere Seite des Lebens als Fussballer in Istanbul. Die facettenreiche Stadt entfaltet eine positive Wucht, die einen einfach mitreisst, wenn man sich darauf einlässt. Der Lohn bei den grossen Klubs ist üppig. Das moderne Trainingszentrum von Besiktas sucht seinesgleichen. Und die Fans zeichnet eine bedingungslose Liebe zu ihrem Club aus. «Bei Erfolgen tragen sie dich auf Händen», sagt Beck, der es wissen muss. In seinen zwei Jahren bei Besiktas wurde er zweimal Meister. Wenn er die Touristenorte der Stadt besuchen wollte, setzte er sich eine Sonnenbrille auf und zog die Mütze tief ins Gesicht. Sonst wäre er nicht weit gekommen. Als Gomez einmal vor einer roten Ampel stand, brach der Verkehr zusammen. Die Menschen stiegen aus dem Wagen und wollten ein Autogramm oder ein Foto.

Aber das ist nur eine Vorstufe von dem, was einen im Stadion erwartet. Experten besuchen die Heimspiele nur mit Ohropax. Ein startender Düsenjet in 25 Metern Entfernung kommt auf 125 Dezibel. Ein Heimspiel von Besiktas kann lauter sein. Vor knapp fünf Jahren stellten Fans einen Stadion-Weltrekord auf, es wurden 141 Dezibel gemessen. Als RB Leipzig im September zu Gast war, sah man, wie sich Stürmer Timo Werner in dem Hexen­kessel die Ohren zuhielt, später wurde er ausgewechselt. Auf diese Wirkung hoffen die Türken auch im Achtelfinal gegen die Bayern. Natürlich sind sie krasser Aussenseiter. Und sie haben noch ein kleines Problem, bevor sie die Belastbarkeit der bayrischen Ohren testen können: Sie müssen heute erst einmal auswärts ran.

Carsten Meyer

sport@luzernerzeitung.ch

Champions League

Achtelfinals, Hinspiele. Heute, 20.45:­Bayern München – Besiktas Istanbul (SRF 2). Chelsea – FC Barcelona. – Mittwoch, 20.45: Schachtar Donezk – AS Roma. FC Sevilla – Manchester United. – Rückspiele: 13. und 14. März.

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