Champions-League-Aussenseiter
«El Cholos» aufsehenerregende Revolution bei Atlético Madrid

Diego Simeone ist der bestbezahlte Trainer der Welt. Er lässt seine zuvor meist defensiv auftretende Mannschaft nach der Ankunft von Topstürmer Luis Suarez nun von der Leine. In der spanischen Meisterschaft spielt sie gross auf und in der Champions League träumt sie nach den verlorenen Finals von 2014 und 2016 vom grossen Wurf.

Markus Brütsch
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Er allein hat das Sagen bei Atlético Madrid: Diego Simeone.

Er allein hat das Sagen bei Atlético Madrid: Diego Simeone.

Keystone

Vermutlich hat Thomas Müller vom FC Bayern München während seiner Quarantäne viel Zeit. Was eine gute Gelegenheit wäre, sich mal ein Spiel von Atlético Madrid anzuschauen. Danach, das steht fest, würde er diese Mannschaft nicht mehr als «grösste Rabaukentruppe des Weltfussballs» abkanzeln.

Natürlich, wenn heute Dienstag die Champions League in die K.-o.-Phase startet, zählen die Rojiblancos hinter Titelverteidiger Bayern München, Manchester City und Real Madrid nicht zu den Topfavoriten. Nach ihrer Metamorphose im letzten Herbst jedoch zu den spannendsten Teams in der Königsklasse. Das Fachblatt «Marca» schrieb vom «aufregendsten Atlético der letzten Jahre».

In 29 Pflichtspielen lediglich drei Mal verloren

Abzulesen ist die positive Entwicklung zuerst einmal an der Tabelle. Gewinnt Atlético am Mittwoch – es wäre für Müller eine gute Chance zum Zuschauen – das Nachtragsspiel gegen Levante, erhöht sich sein Vorsprung auf den zweitklassierten Stadtrivalen Real Madrid auf acht Punkte; bei einem Spiel weniger. Dass Atlético mit nur 13 Gegentoren in 21 Partien die beste Defensive der Liga hat, war unter Trainer Diego Simeone schon immer Programm. Mit 44 erzielten Treffern gehören die Madrilenen nun aber auch in der Offensive zu den Besten. Nur Barcelona (49) hat öfter getroffen. Von 29 Pflichtspielen hat Atlético nur drei verloren.

Führt mit 16 Toren die Torschützenliste der Liga an: Luis Suarez (Mitte).

Führt mit 16 Toren die Torschützenliste der Liga an: Luis Suarez (Mitte).

Keystone

Für diese Entwicklung sind Simeone und Stürmerstar Luis Suarez verantwortlich. Nachdem der Trainer seit Jahr und Tag mit einem 4-4-2-System den Erfolg gesucht und als ­Meister (2014) sowie Europa-League-Sieger (2012, 2018) auch gefunden hatte, ist er im Spätsommer 2020 über seinen Schatten gesprungen und lässt seither im 3-5-2 spielen. Seine Marotte, konsequent in schwarzer Kleidung zu coachen, hat indes überlebt.

Den Anstoss zur Veränderung hat der Argentinier möglicherweise von Antipode Julian Nagelsmann erhalten, der nach dem Sieg mit Leipzig in der Champions League erklärt hatte, für einen Trainer sei es die einfachste aller Aufgaben, ein Team gegen Atlético vorzubereiten – 4-4-2, wenig Ballbesitz, schnelles Konterspiel.

Es spricht für «El Cholo» – diesen Spitznamen hat ihm 1985 ein Nachwuchstrainer von Boca verliehen – dass er nach neun erfolgreichen Jahren bei Atlético den Mut für die Veränderung aufgebracht hat. Nicht selbstverständlich für einen, der mit Abstand der erfolgreichste Trainer der Klubgeschichte ist und nach 508 Pflichtspielen mit 2,05 Punkten den besten Wert hat. In den acht vollen Saisons unter Simeone war der Klub nie schlechter als auf Rang 3 klassiert.

Atlético, das in der Saison 2018/2019 einen Umsatz von 368 Millionen Euro auswies und seit 2017 im Stadion Wanda Metropolitano (68 500 Sitzplätze) spielt, hat seinen kultigen Trainer zum bestbezahlten der Welt gemacht. Nach offiziellen Angaben des Vereins verdient Simeone pro Saison 32 Millionen Euro brutto. Das sei falsch, schrieb die französische Zeitung «L’Equipe». Der 50-Jährige erhalte 43,6 Millionen Euro – netto.

Tut etwas für sein Geld: Luis Suarez (am Ball) verdient 7,5 Millionen Euro im Jahr.

Tut etwas für sein Geld: Luis Suarez (am Ball) verdient 7,5 Millionen Euro im Jahr.

Keystone

Da muss man fast schon etwas Mitleid mit Luis Suarez haben. Der Uruguayer wurde bei Barcelona Ende September 2020 mit einer Abfindung von sechs Millionen Euro in die Arme von Atlético getrieben, wo er 7,5 Millionen Euro pro Jahr erhält. Mit 16 Toren führt er vor seinem Freund Lionel Messi die Torjägerliste an. Dieser hatte seinen eigenen Klub für verrückt erklärt, als Suarez an den Titelrivalen abgegeben wurde.

Der 34-Jährige ist mit ein Grund, weshalb Simeone offensiver und kreativer spielen lässt. «Unsere früheren Stürmer Diego Costa und Alvaro Morata brauchten Raum, weshalb wir auf Konter spielten», sagte Simeone. «Suarez liebt den Strafraum und benötigt Mitspieler um sich. Deshalb stehen wir nun höher.» Captain Koke, schon 2014 beim letzten Meistertitel dabei, sagt: «Es macht Spass, so weit vorne zu pressen.» Spieler wie Llorente, Correa und Felix blühen auf.

Vielleicht gelingt Atlético dank Suarez ja der grosse Wurf: Meistertitel und – nach den beiden Finalniederlagen 2014 und 2016 gegen Real – der erstmalige Gewinn der Champions League. Seit 1974 hadern die Colchoneros in diesem Wettbewerb mit dem Schicksal. Damals führten sie im Final bis zur 117. Minute 1:0, ehe Bayern Münchens Verteidiger «Katsche» Schwarzenbeck mit einem Weitschuss ausglich und die Deutschen zwei Tage später das Wiederholungsspiel gewannen.

PS: 808 Spieler haben bisher für Atlético Madrid gespielt. Raphael Wicky (2001-2002) ist der einzige Schweizer darunter.