Champions-League-Final
Der Señor und der Aufsteiger: Barcelona-Trainer Guardiola und Chelsea-Goalie Mendy greifen nach den Sternen

Pep Guardiola wartet seit zehn Jahren auf seinen nächsten Champions-League-Titel, Goalie Édouard Mendy legte in derselben Zeit einen märchenhaften Aufstieg hin. Am Samstagabend (21 Uhr) treffen die beiden im Final der Königsklasse aufeinander.

Philipp Zurfluh und Leandro de Mori
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Das Spiel

Das diesjährige Finalspiel findet in Estadio do Dragao in Porto statt – und nicht wie ursprünglich geplant in Istanbul. Das Spiel wurde aufgrund von Sicherheitsbedenken von der Türkei nach Portugal verlegt. Nach dem Europa-League-Final am vergangenen Mittwoch werden zum zweiten Mal wieder Zuschauer ein europäisches Spiel live mitverfolgen. In Danzig durften rund 9500 Zuschauer den Sieg von Villareal gegen Manchester United miterleben. In Porto sind 16'500 Zuschauer zugelassen. Dabei gingen jeweils 6000 Karten an Manchester City und Chelsea, 1700 Karten waren auf der offiziellen Seite der Uefa verfügbar. Wie viele Fans aber tatsächlich in Porto vor Ort sein werden, ist unbekannt. Einreisen dürfen in Portugal derzeit alle, die einen negativen PCR-Test vorweisen können, der nicht älter als 72 Stunden ist.

Pep Guardiola

«Ich habe nicht damit gerechnet, in dieser Saison ins Finalspiel einzuziehen. Jetzt sind wir sehr zufrieden mit der Situation. Um so weit zu kommen, braucht es ein enorm grosses Verlangen danach, zu gewinnen. Und man muss wissen, was man tut. Ansonsten ist all das nicht möglich.» Klare Worte von City-Trainer Pep Guardiola vor dem Champions-League-Finalspiel.

Es ist die dritte Chance für den Spanier, als Trainer die Champions League zu gewinnen. Das erste Mal gewann Guardiola das Turnier 2009, in seiner ersten Saison als Cheftrainer beim FC Barcelona. Das Kunststück gelang ihm zwei Jahre später erneut. Was folgte, waren Jahre des Erfolgs. Insgesamt 31 Titel holte «Pep» in diesen zwölf Jahren als Trainer – Meisterschaften und Cup-Erfolge in England, Deutschland und Spanien. Jahr für Jahr jubelte er mit seinen Teams, gehört seither zu den besten Trainern der Welt.

Pep Guardiola: «Um so weit zu kommen, braucht es ein enorm grosses Verlangen danach, zu gewinnen. Und man muss wissen, was man tut. Ansonsten ist all das nicht möglich.»

Pep Guardiola: «Um so weit zu kommen, braucht es ein enorm grosses Verlangen danach, zu gewinnen. Und man muss wissen, was man tut. Ansonsten ist all das nicht möglich.»

Bild: Imago

Was aber ausblieb: ein erneuter Erfolg in der Champions League nach dem Sieg 2011 mit Barcelona. Trotzdem zählte er Jahr für Jahr zu den Favoriten unter den Mitstreitern. Guardiola, der doch jeden Gegner so gut berechnen konnte. Der Tüftler, der jeden Gegner genaustens analysierte und die Schwachstellen erkannte. Die Champions League war eigentlich sein Wettbewerb. Doch es sollte nicht sein. Immer wieder wurde dem Spanier vorgeworfen, er wolle zu viel von seinem Team. Er vertraue der Mannschaft nicht. Guardiola musste sich zuletzt von allen Seiten mit viel Kritik befassen. Gegen Chelsea will er nun beweisen, zu was er fähig sein kann.

Chelsea in Form – hat «Pep» die richtige Taktik?

Dass es keine einfache Aufgabe wird, dessen ist sich auch Guardiola bewusst. In den vergangenen sechs Wochen spielte City gleich zweimal gegen Chelsea  – und verlor beide Partien. Im Hinblick auf das Finalspiel hat «Pep» den Gegner analysiert: «Chelsea kreiert Probleme für alle Teams, nicht nur für uns. Sie sind stark in der Tiefe und auf den Flügeln. Ihr zentrales Mittelfeld steht extrem eng. Sie haben die letzten zwei Spiele gegen uns gewonnen, doch das ist ein anderes Turnier, ein anderes Finalspiel.»

ManCity rotierte in den letzten Partien in der Aufstellung auf einigen Positionen. Chelsea hingegen musste noch um einen Champions-League-Tabellenplatz kämpfen, durfte sich weniger erlauben. «Wir waren in der glücklichen Situation, die Liga drei oder vier Spieltage vor Schluss für uns entscheiden zu können. Ob das aber wirklich einen Vorteil für uns ausmacht, weiss ich nicht. Wenn wir gewinnen, dann war es ein Vorteil. Wenn wir verlieren, war es ein Nachteil. In den letzten Tagen haben wir den Ligagewinn gefeiert, hatten gute Laune. Die richtige Vorbereitung auf das Finalspiel findet erst am Donnerstag und Freitag statt», erklärt Guardiola in der Pressekonferenz rund eine Woche vor dem Finalspiel. Und weiter: «Wenn sie den Ball haben, sind sie schwierig zu kontrollieren. Ihre Mittelfeldspieler bewegen sich perfekt. Sie machen das Feld weit mit ihren Flügeln und tief mit Werner in der Spitze. Es ist ein Finalspiel, wir dürfen nicht mit einem einfachen Gegner rechnen.»

«Pep» gibt sich überzeugt davon, dass es nun, eine Dekade später, wieder zu einem Sieg in der Königsklasse kommt. «Ihr könnt nicht glauben, wie zuversichtlich ich in die Mannschaft bin. Wir wissen genau, was wir zu tun haben», erklärt der 50-Jährige. Nachdem er die Premier League mit City viermal in Folge gewonnen hat, ist es nun an der Zeit für die Champions League. Sie würden in dieser Zeit viele Rekorde brechen, zum ersten Mal als Verein in einem CL-Final stehen. «Wenn es darum geht, wie bereit, zufrieden und erfreut wir derzeit sind, kann uns niemand schlagen.»

Édouard Mendy

Vom Arbeitslosen zum Millionär. Fussball-Romantiker lieben «Tellerwäscher»-Geschichten. Auf der Suche nach einem Paradebeispiel führt kein Weg an Chelsea-Goalie Édouard Mendy vorbei. Vor Jahren ein Nobody, heute einer der besten Torhüter der Welt. Der Sohn einer senegalesischen Mutter und eines aus Guinea-Bissau stammenden Vaters musste während seiner Laufbahn vielen Widerständen trotzen. Der 29-Jährige war kurz davor, seine Fussball-Schuhe an den Nagel zu hängen.
Aufgewachsen in der französischen Hafenstadt Le Havre, kickte er zunächst für den Drittligisten Cherbourg. Mendy war auf der Torhüterposition die Nummer drei und kam nur vereinzelt zu Einsätzen.

In seinem zweiten Vertragsjahr stieg der Klub 2013 in die Viertklassigkeit ab. Ein Jahr später wurde Mendys Vertrag aufgelöst. Sein Berater machte ihm mit einem Angebot von einem englischen Klub den Mund wässrig. Der Wechsel schien Formsache. Doch der Agent war plötzlich verschwunden, der Goalie ohne Job und ein Jahr lang auf Sozialhilfe angewiesen. Seine Frau erwartete ein Kind. Das Ersparte war aufgebraucht. Ihm wurde bewusst, dass er sich nach Arbeit ausserhalb des Fussball-Business umsehen musste, um die Familie zu versorgen. «Wenn man wiederholt Misserfolge wegstecken muss, dann hinterlässt das Spuren und man fängt an zu denken, dass man vielleicht nicht dafür gemacht ist», so der Senegalese rückblickend.

Édouard Mendy: «Wenn man wiederholt Misserfolge wegstecken muss, dann hinterlässt das Spuren und man fängt an zu denken, dass man vielleicht nicht dafür gemacht ist.»

Édouard Mendy: «Wenn man wiederholt Misserfolge wegstecken muss, dann hinterlässt das Spuren und man fängt an zu denken, dass man vielleicht nicht dafür gemacht ist.»

Bild: Imago

Explosiv – trotz zwei Metern Körpergrösse

Als die Profi-Karriere fast in Schutt und Asche lag, sprang ihm der Zufall zur Seite. Ein ehemaliger Teamkollege rief Mendy an und lockte ihn im Sommer 2015 nach Marseille. Obwohl er nur im Reserve-Team unterkam, sah er endlich Licht am Ende des Tunnels. Dann startete Mendy durch. Bei Stade Reims in der Ligue 2 bekam er 2016 als 24-Jähriger den ersten Profi-Vertrag. In seiner zweiten Spielzeit stieg der Klub auf. Für 7 Millionen Euro wechselte er zu Stade Rennes, verhalf dem Klub in der Saison 2019/20 zur ersten Champions-League-Qualifikation der Vereinshistorie. Nun hatten ihn mehrere Topvereine auf dem Einkaufszettel. Chelsea war einer davon.

Die «Blues» starteten letzten Sommer einen beispiellosen Angriff auf den Transfermarkt. Ungeachtet der Coronapandemie und der damit verbundenen finanziellen Misere warfen sie mit Geld um sich, als gäbe es kein Morgen. Über 250 Millionen Euro wurden in Spielerkäufe investiert. Mendys Ablöse von rund 25 Millionen Euro war das Schnäppchen beim Grosseinkauf. Wer gedacht hätte, Mendy benötige Angewöhnungszeit, wurde getäuscht. Er verdrängte Stamm-Goalie Kepa. Dieser war noch ein Jahr zuvor für die teuerste Ablösesumme, die je für einen Torhüter bezahlt wurde – 80 Millionen Euro – verpflichtet worden. Der Transfer wird als «teuerstes Missverständnis» der Torhütergeschichte bezeichnet.

Dagegen sind Mendys Statistiken überragend: Bei bislang 43 Einsätzen in Meisterschaft, Ligapokal sowie Champions League kassierte er nur 29 Gegentreffer. Das bedeutet einen Schnitt pro Partie von 0,66, der beste Wert aller Stammtorhüter in Europas Topligen. Obwohl der senegalesische Nationaltorhüter 197 Zentimeter misst, ist er explosiv in seinen Bewegungen, gleichzeitig ein ruhender Pol, der Sicherheit ausstrahlt. Präsent bei Flanken im Strafraum, reflexschnell auf der Torlinie.

Mendy blieb diese Saison in acht von elf Champions-League-Spielen ohne Gegentor – Rekord. «Wenn mir jemand vor sechs Jahren gesagt hätte, dass ich hier enden würde, hätte ich mir nicht einmal die Mühe gemacht, ihn anzuschauen oder ihm zuzuhören», sagt Mendy. Der kometenhafte Aufstieg könnte heute um ein Kapitel reicher werden.