CHAMPIONS LEAGUE: Xhaka muss beweisen, dass er 35 Millionen wert ist

Arsenal muss heute Mittwoch im Champions-League-Achtelfinal bei den Bayern in München antreten (20.45 Uhr/SRF zwei). Ein Dauerthema bei den Londonern: der Schweizer Nationalspieler Granit Xhaka.

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Bei Arsenal gefordert: Granit Xhaka. Bild: Stuart McFarlane/Getty (London, 22. Januar 2017)

Bei Arsenal gefordert: Granit Xhaka. Bild: Stuart McFarlane/Getty (London, 22. Januar 2017)

Beide Seiten haben sich das etwas anders vorgestellt. Granit Xhaka sollte beim FC Arsenal endlich jene Lücke füllen, die seit dem Abschied von Weltmeister Patrick Vieira im Jahr 2005 in der Schaltzentrale klaffte. Nach mehr als 30 Scouting-Trips in Deutschland waren Arsène Wengers Mitarbeiter überzeugt, dass der Schweizer die 35 Millionen Euro Ablöse wert sei. Xhaka, so hoffte man in Nordlondon, würde nicht nur mehr Präsenz und Härte in das oft etwas körperlose Spiel der Gunners bringen, sondern auch als Führungsspieler fungieren. Arsenal ist nämlich eine recht leise Mannschaft. Männer, die sich gegen Niederlagen stemmen und die Mitspieler aufrütteln, werden im Emirates-Stadion gut gebraucht.

Für Xhaka (24) sollte es der nächste grosse Schritt sein – zu einem europäischen Spitzenklub. Er wollte als Spieler wachsen, seine Stärken ausbauen, die Schwächen ablegen. Vor allem, was die Disziplin auf dem Platz betrifft. Fünf Platzverweise in drei Jahren bei Borussia Mönchengladbach zeugten von einer Heissblütigkeit, die es galt, auf der Insel gegen einen kühlen Kopf einzutauschen. Das gelang ihm nicht wirklich.

Einem rüden Tritt gegen Modou Barrow (Swansea) im Oktober folgte ein rüder Tritt gegen Steven Defour (Burnley) im Januar. Resultat: zweimal Rot und ein seltener deutlicher Tadel von Wenger. «Granit muss sein Spiel kontrollieren und dafür sorgen, dass er uns mit seinen Grätschen nicht wehtut», sagte der Elsässer, der es sonst vorzieht, über Verfehlungen seiner Spieler vornehm hinwegzusehen. Xhakas Absenz hat Wengers Mannschaft in der Tat wehgetan. Zwei empfindliche Niederlagen, ein 1:2 gegen Watford und ein 1:3 beim Tabellenführer FC Chelsea, haben die Londoner nicht nur im Titelrennen empfindlich zurückgeworfen, sondern wieder die uralte Diskussion über die mangelnde Siegermentalität in der Truppe neu befeuert. «Die Spieler lassen Wenger regelmässig im Stich», sagte Arsenal-Stürmerlegende Ian Wright, 53.

Pünktlich zum Champions-League-Match gegen den FC Bayern soll Xhaka wieder in die Startelf zurückkehren. Xhaka hat, von den roten Karten einmal abgesehen, seine Sache in der britischen Hauptstadt eigentlich ganz ordentlich gemacht, seine Position und Rolle aber noch nicht vollends gefunden. Und das liegt nicht nur an ihm.

Seine Stärken liegen im Spiel zwischen den Strafräumen

Der Ausfall von Santi Cazorla (Achillessehnen-Operation) hat Wengers Team hart getroffen, der spanische Spielmacher diktierte vor der Abwehr das Aufbauspiel und war der perfekte Partner für Xhaka, dessen Stärken eher im Spiel gegen den Ball und zwischen den Strafräumen liegen. Der Neuankömmling ist nun oft auf sich allein gestellt. Seine Mitspieler im Zentrum (Francis Coquelin, Mohamed Elneny) sind (ebenfalls) keine grossen Techniker, zudem vertraut Wenger darauf, dass seine Spieler eigene Lösungen auf dem Platz finden. Anders ausgedrückt: Es gibt kaum konkrete Anweisungen von der Bank, was das Positionsspiel angeht.

Für Xhaka ist das nach drei Jahren unter Landsmann Lucien Favre, der seine Spieler im Training penibel Zentimeter um Zentimieter hin und her schob, ein regelrechter Kulturschock. Er muss, da Arsenal kein echtes Konzept für das Spiel ohne Ball zu haben scheint, eigentlich an zu vielen Orten gleichzeitig sein. Ob der Überbeanspruchung kann man schon mal Mut und Beherrschung verlieren – auf dem Platz, versteht sich. Was den angeblichen Vorfall am Londoner Flughafen Heathrow angeht, hat die Polizei inzwischen alle Vorwürfe fallen lassen. Der Vorwurf hatte gelautet, dass Xhaka eine Flughafenangestellte rassistisch beschimpft haben soll.

Xhaka hat das Glück, dass Arsenal heute als Aussenseiter in die Partie geht und momentan grössere Probleme hat als die persönlichen Eingewöhnungsschwierigkeiten des Schweizers. Der Fokus liegt auf Wenger, der gegen den Missmut der Basis ankämpft, und auf Mesut Özil, der laut englischen Medienberichten von Wenger bevorzugt behandelt wird und deswegen den Teamkollegen angeblich auf die Nerven geht.

Für Xhaka ist so viel Unruhe eine Chance: Er kann in München versuchen, endlich in London anzukommen.

 

Raphael Honigstein, London

sport@luzernerzeitung.ch

Achtelfinals. Hinspiele: Paris Saint-Germain - FC Barcelona 4:0. Benfica Lissabon - Borussia Dortmund 1:0.

Heute, 20.45 Uhr: Real Madrid - Napoli. ­Bayern München - Arsenal (SRF 2).