Christian Stucki lässt niemanden kalt

Guy Studer
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Schrieb sich die Finger wund: der Berner Christian Stucki – bei den Fans besonders gefragt. (Bilder Philipp Schmidli)

Schrieb sich die Finger wund: der Berner Christian Stucki – bei den Fans besonders gefragt. (Bilder Philipp Schmidli)

Der dritte Gang ist vorbei, Mittagszeit. Die 10 250 Zuschauer fassende Arena auf dem Flugplatz in Emmen entleert sich. Als würde sie von einer höheren Macht leicht gekippt, fliessen die Menschenmassen wie eine zähe Flüssigkeit heraus in Richtung Festmeile. Dorthin, wo es Würste, Steaks, Pommes frites, Grillspiesse, Bier, Softeis und vieles mehr gibt. Wo vorher beschauliche Dorfplatz-Atmosphäre geherrscht hat, bilden sich nun lange, dichte Menschenschlangen. Die Festhallen und -zelte füllen sich innert Minuten. Die Helfer in ihren blauen T-Shirts – 850 hats auf dem ganzen Gelände – stossen bald an ihre Belastungsgrenze.

An ihre Belastungsgrenze stösst beim Innerschweizerischen Schwing- und Älplerfest auch die Medientribüne. Rund 60 Journalisten finden hier Platz, «wir hatten aber 85 Anfragen», sagt Irene Iten. Darunter ist sogar das Frauen­magazin «Annabelle», das sich einen der begehrten Plätze ergattert hat. «Das grosse Interesse hat wohl mit dem guten Wetter, dem hochkarätigen Teilnehmerfeld wie auch damit zu tun, dass dieses Jahr das Eidgenössische stattfindet», sagt die Medienchefin des Innerschweizerischen. Ob auch die «Annabelle» wegen des Teilnehmerfeldes akkreditiert ist, sei dahingestellt.

Geglückter Spagat

Ein Blick über die Menschenmenge zeigt: Schwingfeste sind längst Mainstream-Anlässe. Auffällig ist, wie gut der Spagat zwischen urtümlicher Tradition und modernem Grossanlass gelingt. Die Stimmung ist ausgelassen und doch friedlich. Trotz Hochbetrieb herrscht stets Beschaulichkeit. Optisch drückt sich der Spagat in der Kombination von modischer Sonnenbrille mit Edelweisshemd oder -bluse aus. Überhaupt: Edelweiss ist hier nach wie vor Trumpf – an einem Stand werden gar Gummistiefel mit dem bekannten Design angeboten.

Hinter der Tribüne bebt plötzlich die Erde. Epizentrum ist eine Sandgrube, in die soeben ein 67 Kilogramm schwerer Steinbrocken eingeschlagen hat. Es ist der ISV-Stein, auch Sempacher Gedenkstein genannt. Steinstösser messen an ihm ihre Kräfte. Geworfen hat ihn soeben Yves Allemann aus Beckenried. Ein Berg von einem Mann. «Rund zweimal die Woche trainiere ich mit einem Stein», verrät er. Gestossen hat er schon am Unspunnenfest und am Eidgenössischen. Mit seinem Wurf auf 3,15 Meter ist er aber nicht wirklich zufrieden. Erst ab 4 Metern wäre man hier unter den Besten.

Die Prognose von Godi Aregger

Inzwischen machen Teenager auf dem Gelände die Runde und bieten für einen Franken A4-Blätter an. Es ist die Zwischenrangliste nach drei Gängen. Eingefleischte Schwingfans studieren die Blätter akribisch. Bisher sieht es aus Innerschweizer Sicht nicht besonders gut aus. Auf den Zwischenstand angesprochen, geben sich die Besucher wortkarg, wollen nicht in der Zeitung erscheinen. Man ist sich aber einig, was es zu verhindern gilt, nämlich «zwei Gäste im Schlussgang», wie ein Herr beim Vorbeigehen sagt.

Godi Aregger aus Sörenberg wagt eine Zwischenprognose: «Dieser Stucki ist kaum zu bremsen», sagt er. Christian Stucki, Gast aus dem Bernischen (1,98 Meter, 140 Kilogramm), ein ganz Böser und Mitfavorit für das Eidgenössische, hat seine drei bisherigen Gegner überzeugend aufs Kreuz gelegt. «Das wird sich wohl auch nicht ändern», meint Aregger, relativiert aber sogleich: «Nach drei Gängen sagt die Rangliste noch nicht zu viel aus.» Ein anderer Herr meint: «Bisher hatte es Stucki auch nicht so schwer, das werden wir schon noch hinkriegen.» Damit wird er Recht behalten: Stucki wird es nicht in den Schlussgang schaffen.

Muni geht in die Nordwestschweiz

Einen kümmert es indes keinen Deut, was in der Arena abgeht: Der mächtige Siegermuni Vitus aus Urswil hat nur Augen für das Rind Malaika, ebenfalls ein sogenannter Lebendpreis. Immer wieder muss der Halter den 900 Kilogramm schweren Koloss ermahnen, weil dieser etwas gar aufdringlich am neben ihm angebundenen Braunvieh-Weibchen schnuppert. Und wenn auch das nicht hilft, wird Vitus eben etwas straffer angebunden und mit frischem Heu versorgt, bis er wieder für einen Rundgang durch die Arena geführt wird.

So dürfte es den Muni auch nicht besonders interessieren, dass sein neuer Besitzer Bruno Gisler aus der Nordwestschweiz kommt und nicht aus dem Luzernischen. OK-Präsident Rolf Born dürfte dieses Resultat schon eher schmerzen. Dafür kann er eine positive Bilanz für das ganze Fest ziehen: «Wir haben einen tollen Anlass erlebt mit vielen zufriedenen Zuschauern und Schwingern. Mit 10 250 verkauften Tickets und ungefähr 2500 Besuchern ausserhalb der Arena waren die Dimensionen für ein Innerschweizerisches rekordverdächtig.»