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CONFEDERATIONS-CUP: Der Wodka muss heimlich in den Energy-Drink

Viel Polizei, viel Bürokratie und eine schlechte Presse. Aber die Fans, die trotzdem die Reise an den Confederations-Cup nach Russland gewagt haben, fühlen sich dort durchaus wohl.
Sport@luzernerzeitung.ch
Russische Matchbesucher machen vor dem Stadion in Kasan ein Selfie mit chilenischen Fans. (Bild: Marcelo Machado/Getty (Kasan, 22. Juni 2017))

Russische Matchbesucher machen vor dem Stadion in Kasan ein Selfie mit chilenischen Fans. (Bild: Marcelo Machado/Getty (Kasan, 22. Juni 2017))

Stefan Scholl, Kasan

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Es gibt auch unschöne Szenen. 20 Minuten vor Spielbeginn stehen am Gitter vor der Kasan-Arena ein Russe und seine kleine Tochter. Er drinnen, sie draussen, den Eingang versperren mehrere Stewards und Polizisten. «Tut uns leid, wohl ein Computerfehler», erklärt einer. Die Elektronik am Tor will den Fan-Ausweis, den das Kind um den Hals trägt, nicht erkennen. «Gehen Sie wieder hinaus, ins Fan-Zentrum, da können Sie einen neuen Ausweis beantragen.» Aber der Vater wehrt sich: «Da stehen wir doch eineinhalb Stunden Schlange.» Sein Kind draussen kämpft mit den Tränen, die Beamten schauen unschlüssig, einer hebt ein Funkgerät. «Gut, warten Sie, irgendwas überlegen wir uns.»

Beim Confederations-Cup in Russland stehen jetzt die Halbfinals an (siehe Kasten). Der Cup ist eine umstrittene Veranstaltung. Putin-Kritiker reden von einer Generalprobe für die WM 2018, die der Staat als Propaganda-Show benutzen wolle. Viele europäische Fans aber sind zu Hause geblieben, weil ihnen Russland nicht ganz geheuer ist.

«Natürlich habe ich den BBC-Film über die russischen Fans gesehen, die aggressiv Kampfsport trainieren», sagt beispielsweise Patrick, Fan des Hamburger SV, wohnhaft in London. «Glaubt man der Berichterstattung, dann wird Russland immer autoritärer.» Und sein Freund Michael, Werder-Bremen-Fan aus Hamburg, fügt hinzu, zu Hause hätten alle gesagt, er sei verrückt: «Die behalten dich doch da!»

Eine Art Völkerfreundschaft in Kasan

Patricks Frau Ewa, im vierten Monat schwanger, ist im Hotel geblieben, er und Michael schlendern durch die schmucke Fussgängerzone von Kasan. Zwei weisse Farbkleckse im Strassenbild, das ansonsten ziemlich rotblau ist: Etwa 4000 Fans aus Chile sind zum Confed-Cup gekommen, in der Kasaner Fussgängerzone dröhnen spanische Männerchöre. «Ich höre Chile nicht», ruft Michael, Inhaber eines Übersetzerbüros, auf Spanisch dazwischen. Die Chilenen lachen, umringen die Deutschen, alle fangen an zu fotografieren, Witze zu reissen. Völkerfreundschaft in Kasan. Und eine russische Passantin wendet sich schüchtern an die zwei Deutschen: ob sie auch mit ihnen ein Selfie machen kann ...

Vielleicht sogar etwas überorganisiert

Viel Polizei, Scharen eifrig Englisch parlierender Volontäre, kostenlose Nachtzüge von Moskau nach Sankt Petersburg und Kasan, Shuttlebusse vom Flughafen, Shuttlebusse zum Stadion, der russische Confed-Cup ist in den meisten Fällen sehr gut organisiert. Vielleicht sogar etwas überorganisiert. Jeder, der eine Eintrittskarte gebucht hat, muss auch einen Fan-Ausweis, neurussisch eine «Fan-Identity», beantragen. Die russischen Grenzbehörden akzeptieren sie sogar als Visa-Ersatz. Aber die Ticket-Website der Fifa und die russische Fan-Identity-Seite lassen viele Fragen offen. «Dort hiess es, ich müsse mein Ticket spätestens zwei Tage vor dem Spiel abholen», sagt Michael. «Aber wo, war nicht klar.» Michael besorgte sich ein Visum in der Hoffnung, vor Ort eine Eintrittskarte zu erstehen. Auch Patrick und Ewa beantragten ein russisches Visum. «British Airways hätte uns in London allein mit der Fan-Identity nicht ins Flugzeug gelassen.»

Vor Ort ist dann alles viel einfacher. Michael kaufte sich in Kasan problemlos ein Ticket, die Beschaffung seines Fan-Ausweises dauerte eine gute Viertelstunde. Obwohl noch russische Kurzentschlossene zu Hunderten Schlange standen, bereit, über 100 Euro, ein halbes Lehrermonatsgehalt, für Chile – Deutschland auszugeben. Preiswertere 15-Euro-Tickets für russische Staatsbürger sind längst vergriffen.

Andere europäische Fans sind problemlos eingereist, nur mit Reisepass und ausgedruckter Antragsbestätigung für ihren Fan-Ausweis. Miroslaw, Kaiserslautern-Fan und Weltreisender, steht in der Fussgängerzone, hält einen Energy-Drink und gibt einem Moskauer TV-Team ein Interview. Dann erzählt er, er habe Tickets und Fan-Identity in Brasilien, beim Karneval, bestellt. «War völlig easy.» Und er fände es total cool, dass er jetzt wochenlang visafrei in Russland herumreisen könne. «Natürlich blöde, dass die Geschäfte am Spieltag keinen Alkohol verkaufen», er lächelt. Aber für alle Fälle hat er heimlich Wodka in seinen Energy-Drink geschüttet. Neben uns trommeln und singen wieder Chilenen, die Russen staunen und lächeln und filmen per Handy. Miroslaw strahlt. Angst vor russischen Hooligans? «Nein, Randale machen die ja wohl lieber im Ausland.»

Russische Schläger werden aussortiert

Übergriffe oder Prügeleien hat es bei diesem Turnier noch keine gegeben. Trotzdem haben die Behörden in der vergangenen Woche Hunderte russische Fan-Identitys annulliert. Es traf einschlägig bekannte Figuren wie Alexander Schmyrgin, der als einer der Hintermänner der brutalen russischen Schläger bei der EM in Marseille gilt. Aber laut der Internetzeitung «Obschtschaja Gaseta» auch Hunderte Fans, die nie gewalttätig geworden waren. Russlands Staatsmacht geht mal wieder auf Nummer sicher.

Ein perfektes Fussballfest ist es nicht. Bei manchen Spielen sei es so still wie im Theater, zitiert das Internetportal «fontanka.ru» einen russischen Fan. Aber überall, wo die chilenischen Stimmungskanonen auftauchen, springt der Funke auch auf die Russen über. Wenn nächstes Jahr auch Brasilianer, Italiener oder Iren in grosser Zahl kommen, erlebt vielleicht auch Russland sein Sommermärchen. Ein Deutscher in Kasan erzählt begeistert, russische Polizisten hätten ihn angerufen und ihm erklärt, er habe seine Brieftasche mit allen Dokumenten verloren. «Ich hatte es selbst noch gar nicht gemerkt.» Dann brachten sie ihm die Brieftasche zum Fan-Identity-Center. Auch russische Sicherheitsorgane können positiv überraschen.

Beim Spiel Chile – Deutschland sind die Einheimischen vor dem Getränkestand gesprächig: «Ich bin oft hier, wenn Rubin Kasan spielt», erzählt ein schnauzbärtiger Tatare. «Aber so grossartigen Fussball sehe ich zum ersten Mal.» Es klingt fast ehrfürchtig. Michael und Patrick müssen mit Einheimischen viele Selfies knipsen. «Kasan», sagt Patrick, «macht wirklich Spass.» Ewa und er überlegen, ob sie zur WM wieder nach Russland kommen. Auch wenn sie dann schon ein Baby dabeihaben.

Vidal vs. Ronaldo

Weiter geht’s im Confederations-Cup ab heute mit dem ersten Halbfinal zwischen Europameister Portugal und Chile, dem Copa-América-Gewinner von 2015 beziehungsweise mit dem Aufeinandertreffen der Superstars Cristiano Ronaldo (Portugal/Real Madrid) und Arturo Vidal (Chile/Bayern München).

Am Donnerstag tritt dann Weltmeister Deutschland mit zahlreichen Nachwuchskräften gegen Concacaf-Sieger Mexiko an. (sr)

Halbfinals. Heute, 20.00: Portugal – Chile (in Kasan).
Donnerstag, 20.00: Deutschland – Mexiko (in Sotschi).
Spiel um Rang 3:Sonntag, 2. Juli, 14.00 in Moskau)
Final: Sonntag, 2. Juli, 20.00 in St. Petersburg.

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