Corona-Virus: Novak Djokovic flüchtet aus den USA – und sorgt damit für Unmut

Das Corona-Virus diktiert auch die Agenda im Tennis. Erst wurde das Turnier von Indian Wells abgesagt, nun auch jenes in Miami. Novak Djokovic ist bereits abgereist. Weil er mehr wusste als andere?

Simon Häring
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Novak Djokovic reiste rechtzeitig aus den USA aus.

Novak Djokovic reiste rechtzeitig aus den USA aus.

Bild: Keystone

Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt Covid-19 zur Pandemie, im Tessin gilt der Notstand, US-Präsident Donald Trump erklärt drastische Reiseeinschränkungen – während 30 Tagen werden alle Reisen von und nach Europa ausgesetzt. Die Welt gerät aus den Fugen, und das Virus macht, natürlich, auch vor dem Sport nicht halt. Die Schweizer Eishockey-Meisterschaft wird wohl abgebrochen, der Fussball-Betrieb ruht, und wenn in Europa Spiele stattfinden, dann meist ohne Zuschauer. Die Liste der abgesagten Veranstaltungen wird im Stundentakt verlängert.

Betroffen ist auch der Tennis-Zirkus. Das Masters-Turnier in Indian Wells, nach den vier Grand-Slam-Turnieren eines der bedeutendsten im Kalender, wurde wegen einer Infektion im Coachella Valley abgesagt. Ab dem 25. März hätte in Miami gespielt werden sollen. Doch auch dieses Turnier wurde nun abgesagt. Am Mittwoch tagten die Spielerräte der Männer und Frauen. Am Donnerstag bestätigte die Profi-Organisationen ATP und WTA, dass der Spielbetrieb für sechs Wochen, bis und mit 20. April eingestellt wird. Davon betroffen sind die Turniere in Barcelona und Monte Carlo.

Keine Spiele, kein Einkommen

Das ist nicht nur deshalb sinnvoll, weil in Europa in unmittelbarer Nähe zu einigen Epizentren des Ausbruchs gespielt wird, sondern auch darum, weil die Mobilität des Trosses durch Reisebeschränkungen eingeschränkt ist. Tennis-Spieler sind Einzelunternehmer, haben hohe Ausgaben, bezahlen Reisen, Unterkünfte und beschäftigten Trainer und Physiotherapeuten. Jenseits der Weltspitze, die sich eine goldene Nase verdient, geht es um Existenzen. Für die meisten gilt: Keine Spiele, kein Einkommen.

Nicht so für Novak Djokovic. Die serbische Weltnummer 1 akkumulierte bisher 143 Millionen Dollar Preisgeld. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» beziffert Djokovics Einkommen im letzten Jahr auf 50 Millionen Dollar. Er selber sagt: «Ich habe genug erreicht, um von einem Moment auf den anderen aufzuhören. Doch ich tue es aus zwei Gründen nicht: Erstens macht es mir Spass, und zweitens möchte ich Geschichte schreiben.» Diese Rekordjagd ist aufgeschoben, auch die Tennis-Welt steht still.

Djokovics Jagd auf Federers Grand-Slam-Rekord

Die ganze Tennis-Welt? Nicht ganz.

Novak Djokovic passte seinen Spielplan an, reiste bereits am Mittwoch überstürzt aus den USA ab. Und das, obwohl das Turnier in Miami noch nicht offiziell abgesagt worden war. Und noch bevor Donald Trump seine Reiseeinschränkungen kommunizierte. Novak Djokovic profitierte in seiner Funktion als Präsident des Spielerrats wohl von einem Wissensvorsprung. Aussagen des Amerikaners Noah Rubin lassen nur diesen Schluss zu. Er sagte: «Lass uns einigen wenigen sagen, was passieren wird. Und alle anderen rätseln lassen. Im Dunkeln gelassen zu werden, ist normal.»

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Novak Djokovic in seiner Funktion als Präsident des Spielerrats mit öffentlicher Kritik konfrontiert sieht. Vor einem halben Jahr verliessen nach einem Treffen vor Wimbledon gleich vier der zehn Mitglieder das Gremium. Djokovic vertritt die Meinung, die Turniere gäben einen zu geringen Anteil ihrer Einnahmen an die Spieler weiter. Er sagt: «Momentan können nur die besten hundert von unserem Sport leben. Das versuchen wir zu ändern. Wir möchten, dass mehr Spieler die Kosten decken und ein anständiges Leben führen können.»

Das mögen noble Gedanken sein.

Doch mit seiner überstürzten Abreise aus den USA stösst Novak Djokovic seine Kollegen vor den Kopf. Und führt seine eigene Agenda ad absurdum.