Corona zwingt die Leichtathleten zum Improvisieren

Vor dem Saisonbeginn erzählen sechs Zentralschweizer Leichtathleten über ihre Erfahrungen in der Coronazeit.

Stefanie Barmet
Drucken
Teilen

Géraldine Ruckstuhl, Siebenkampf

Bei Géraldine Ruckstuhl ist die Vorfreude gross, dass es mit Wettkämpfen losgeht. Die Schweizer Rekordhalterin im Siebenkampf und Speerwerfen blickt auf eine lehrreiche Zeit während der Coronakrise zurück: «Anfänglich war vieles ungewiss. Von einem Tag auf den anderen konnte ich meine gewohnte Trainingsinfrastruktur nicht mehr nutzen und war gezwungen, tagtäglich zu improvisieren. Statt von meinen Trainern persönlich betreut zu werden, trainierte ich viel alleine und tauschte mich per Skype oder Facetime mit ihnen aus.»

Zu Beginn konnte sie keine Leichtathletikanlage benutzen und trainierte vorwiegend auf Landstrassen sowie im eigenen Kraftraum im Elternhaus. «Mein Verein, der STV Altbüron, stellte mir viel Material zur Verfügung. Statt wie üblich strukturiert nach Plan zu trainieren, schauten wir von Tag zu Tag, was möglich war», erzählt Ruckstuhl. «Rückblickend war das eine sehr positive Erfahrung. Ich wurde gezwungen, flexibel zu bleiben.»

Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl darf wieder Speere werfen.

Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl darf wieder Speere werfen.

Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 9. Juni 2020)

Die Absage der Wettkämpfe und insbesondere der Olympischen Spiele sei hingegen ein grosser Dämpfer gewesen. «Als ich das erste Mal wieder auf der Anlage einen Speer werfen durfte, verspürte ich enorme Glücksgefühle. Dass ich meine Leidenschaft tagtäglich als Beruf ausüben kann, ist ein extremes Privileg, dass ich nun umso mehr schätze.» In den vergangenen Wochen hat die 22-jährige Siebenkämpferin aus Altbüron hart an ihren Schwächen gearbeitet. «Nun möchte ich im Wettkampf schauen, ob ich Fortschritte gemacht habe.» Morgen Samstag wird sie in Langenthal im Speerwerfen antreten, zwei Wochen später folgt ein erster richtiger Formtest in Bern. Höhepunkt bilden die Schweizer Meisterschaften im Mehrkampf vom 8. und 9. August in Langenthal sowie die Aktiv- und U23-Schweizer-Meisterschaften.

Jonas Schöpfer, Mittelstreckenläufer

Jonas Schöpfer

Jonas Schöpfer

Bild: PD

Der amtierende 800-Meter-Schweizer-Meister musste das Höhentrainingslager in Südafrika wegen Corona nach nur sechs Tagen abbrechen. «Als Folge trainierte ich acht Wochen alleine zuhause, ohne Coach und Gruppe», so der 23-jährige Sempacher. «Gross improvisieren musste ich aber als Läufer nicht. Statt im Kraftraum zu trainieren, habe ich mehr Sprünge sowie Übungen mit Eigengewicht gemacht und mich für technische Details per Videoaufnahmen mit meinem Trainer ausgetauscht.»

Als im Mai die ersten Lockerungen bekannt gegeben wurden, entschied er sich für einen Höhenblock im Engadin. «Die Coronazeit zeigte mir, dass nicht immer alles planbar ist und man flexibel bleiben muss. Ich konnte sehr gut trainieren, hatte weniger Ablenkung und konnte mehr Zeit in die Regeneration investieren. Da ich langfristige Ziele verfolge, fiel es mir nicht schwer, auch ohne klar fixierte Wettkämpfe weiter zu trainieren.» Schöpfers Fokus liegt nun auf der zweiten Saisonhälfte ab August.

Silke Lemmens, Langsprinterin

Silke Lemmens

Silke Lemmens

Bild: PD

Der Alltag von Silke Lemmens veränderte sich durch die Verbreitung des Coronavirus schlagartig. «Von einem Tag auf den anderen konnte ich plötzlich nicht mehr zur Universität gehen und mit meiner Trainingsgruppe trainieren. Den Beginn der Coronazeit erlebte ich dementsprechend als sehr herausfordernd», sagt sie. Fortan war die Zugerin, die beim LC Zürich trainiert, auf sich alleine gestellt. Erst nach einigen Wochen waren Trainings in Kleingruppen sowie mit Betreuung durch den Trainer wieder möglich.

Das Krafttraining absolvierte sie im Keller. Die 20-Jährige konnte aufgrund der Absage der ersten Saisonhälfte mehr Zeit in die Basisarbeit investieren. «Ich bin sicher, dass mir das in Zukunft helfen wird. Die Freude, nun wieder in der Gruppe im Letzigrund trainieren zu dürfen, ist enorm.» Lemmens schreibt zurzeit Prüfungen an der Uni, wichtige Wettkämpfe stehen erst im Herbst an.

Nadine Odermatt, Hochspringerin

Nadine Odermatt

Nadine Odermatt

Bild: PD

2,5 Monate lang war für Nadine Odermatt nicht an normales Hochsprungtraining zu denken. Stattdessen musste sie viel improvisieren. «Ich habe vorwiegend zu Hause und alleine trainiert. Meine Teamkolleginnen fehlten mir sehr.» Das Krafttraining führte die 18-jährige Kernserin grösstenteils im Keller durch. Sprints, Sprünge und Hügel- sowie Hürdenläufe konnte sie in der Nähe des Elternhauses oder im Garten machen. «Eine extreme Herausforderung war hingegen das Techniktraining. Mein Vater hat mir zwei Hochsprungstangen angefertigt, woran ich ein Seil aufspannen konnte.»

Aufgrund der Grösse des Gartens sowie dem enormen Aufwand verzichtete angehende Kauffrau aber darauf, eine Matte aufzustellen. Abgesagt wurden nicht nur die Lehrabschlussprüfungen, sondern auch die U20-WM in Nairobi. «Der Lernstress fiel weg, ich konnte mehr trainieren», sagt Odermatt. «Dass die WM nicht stattfindet, ist natürlich schade. Dennoch versuche ich, viel Positives aus dieser Zeit mitzunehmen und fokussiere mich auf meine langfristigen Ziele.»

Fabian Steffen, Zehnkämpfer

Fabian Steffen

Fabian Steffen

Bild: PD

Der 21-jährige Grossdietwiler konnte die Coronazeit nutzen, um in einen sauberen Trainingsaufbau zu investieren. «Im Februar war ich noch in Italien im Trainingslager und habe dort wieder etwas Probleme im unteren Rücken bekommen. 2016 hatte ich mir einen Lendenwirbel gebrochen, nun rebellierte mein Körper erneut gegen die hohen Belastungen.»

Statt auf der Leichtathletikanlage trainierte Steffen vorwiegend auf dem Balkon und im Garten, absolvierte Läufe im Wald oder auf der Strasse. «Meine Trainings waren sehr effizient und ich konnte im Home-Gym grosse Fortschritte erzielen. Insgesamt eine sehr coole Erfahrung», sagt Steffen. «Da die Saison nun länger dauert, habe ich genügend Zeit, um mich langsam wieder an die Wettkämpfe heranzutasten und erst einzusteigen, wenn ich mich körperlich dazu bereit fühle.» Sein Ziel ist es, 2021 in Bestform zu sein.

Nicole Zihlmann, Hammerwerferin

Nicole Zihlmann

Nicole Zihlmann

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Auch die beste Hammerwerferin der Schweiz musste viel improvisieren. Nach der Rückkehr aus einem Trainingslager wurden die Anlagen geschossen und die Wettkämpfe abgesagt. «Mein Trainer wurde dadurch stark gefordert. Die Ideen gingen ihm aber nicht aus», so die 33-jährige Athletin des LC Luzern.

Trainiert wurde in einer Autogarage, die als Kraftraum diente, sowie auf dem Flugplatz in Alpnach. «Da wir kein Netz zur Verfügung hatten und auf dem Flugplatz viele Fussgänger unterwegs waren, warfen wir mit schwereren Wurfgeräten als normalerweise zu diesem Zeitpunkt in der Saison», sagt Zihlmann. Der Saisoneinstieg ist anfangs Juli geplant, Höhepunkt bilden die nationalen Titelkämpfe. «Nach wie vor ist es mein Ziel, den Schweizer Rekord weiter zu verbessern.»

Meetings

Höhepunkt im September

Seit dem 6. Juni sind Leichtathletik-Wettkämpfe mit maximal 300 anwesenden Personen erlaubt. Zudem dürfen Vereine unter Einhaltung der geltenden Schutzkonzepte wieder in Grossgruppen trainieren. Damit auch Nachwuchsathleten die Chance erhalten, sich im Wettkampf zu messen, wurde die «Swiss Athletics Junior Challenge» lanciert. Lizenzierte Angehörige der Altersklasse U10 bis U18 absolvieren Wettkämpfe im Rahmen des Vereinstrainings. Sie dienen als Qualifikationsmöglichkeit für die Schweizer Meisterschaften im Nachwuchs von anfangs September. Höhepunkt einer speziellen Saison sind die Schweizer Meisterschaften der Aktiven. Sie wurden neu auf den 11. und 12. September in Basel terminiert. Da noch nicht bekannt ist, ob dann die Obergrenze von 300 Personen aufgehoben sein wird, ist momentan von einer Durchführung ohne Publikum und mit Teilnehmerbeschränkung auszugehen. Ebenfalls nachgeholt werden die Schweizer Meisterschaften über 10 000 m/Steeple (26. Juni in Uster) und im Crosslauf (15. November in Regensdorf). Die Laufserie Go-In-6-Weeks wird neu vom 9. September bis 14. Oktober durchgeführt. Das Meeting Spitzenleichtathletik Luzern musste abgesagt werden. Stattdessen findet am 3. Juli ein kleineres nationales Meeting statt. (stb)