CURLING: Das Strahlen nach dem Nervenspiel

Eine goldene Ära: Das Team um Skip Binia Feltscher erringt in Kanada den zweiten Weltmeistertitel nach 2014 – und den vierten für die Schweizer Frauen in den letzten fünf Jahren.

Peter Lech (sda)
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Weltmeisterinnen mit Trophäe (von links): Skip Binia Feltscher, Irene Schori, Franziska Kaufmann und die Luzernerin Christine Urech. (Bild: AP/Jonathan Hayward)

Weltmeisterinnen mit Trophäe (von links): Skip Binia Feltscher, Irene Schori, Franziska Kaufmann und die Luzernerin Christine Urech. (Bild: AP/Jonathan Hayward)

In der kanadischen Provinz Saskatche­wan zeigten die in Luzern wohnhafte Christine Urech (siehe Kasten ganz unten), Franziska Kaufmann, Irene Schori und Binia Feltscher vom CC Flims auch beim 9:6-Sieg im Final gegen das Überraschungsteam aus Japan sehr gutes Curling – wie schon während praktisch des ganzen WM-Turniers, das sie mit elf Siegen bei nur zwei Niederlagen abschlossen.

«Ich bin überwältigt, wir alle sind überwältigt», sagte die 37 Jahre alte Feltscher nach dem Final. «Wir sind begeistert, auch wenn viele das Ganze vielleicht beinahe als normal angeschaut haben, weil wir die WM ja schon einmal gewinnen konnten. Wir sind jetzt genauso glücklich wie vor zwei Jahren.»

Die Schweizerinnen hatten gegen Japan auch in der Round Robin (7:4) und das Playoffspiel (8:4) gewonnen. Die dritte Partie der beiden Kontrahenten war die nervenaufreibendste. Hatte anfänglich jede Spielerin fast fehlerfrei agiert, schlich sich in der offensiver geführten Schlussphase der eine oder andere Fehlstein ein.

Wunderbarer Stein im 9. End

Im 7. End gingen die Schweizer Meisterinnen mit dem ersten Dreierhaus der Partie 5:3 in Führung. Dann ermöglichten sie ihrerseits den Japanerinnen, mit einem Dreier zu kontern. Ein Zweierhaus im 9. End zum 7:6 gab den Schweizerinnen einen kleinen Vorteil zurück. Genau in diesem End demonstrierte Binia Feltscher am eindrücklichsten ihr Können. Um zwei Punkte (zum 7:6) statt nur einen Punkt (zum 6:6) notieren zu können, musste die Flimserin ihren letzten Stein schier millimetergenau ins Zentrum des Hauses bringen. Es glückte ihr selbst in dieser äusserst wichtigen Situation meisterlich.

Im 10. End gelang es den Schweizerinnen, den japanischen Skip gehörig unter Druck zu setzen. Satsuki Fujisawa hätte ihren letzten Stein an einem störenden Schweizer Stein vorbei ungefähr in die Mitte des Hauses legen müssen. Der Versuch geriet unter der grossen Anspannung und wahrscheinlich auch unter einer spürbaren Nervosität deutlich zu lang, sodass die Schweizer Meisterinnen zwei Steine stahlen und in Jubel ausbrechen durften.

In den Stunden des Triumphs erwähnte Binia Feltscher die Heinzelmännchen im Team Schweiz, zu denen auch der Nationalcoach, der Kanadier Al Moore, gehört. «Das Umfeld hat für uns bestens gestimmt», sagte sie. «Wir waren eine sehr gute Gemeinschaft. Wir konnten wieder die gleiche Stimmung aufkommen lassen wie vor zwei Jahren und holten sehr viel heraus. Kein einziges Mal kam eine schlechte Stimmung auf. Es gehört sicher immer zu unseren Stärken, dass wir guten Mutes bleiben und nicht hadern, wenn einmal ein Spiel nicht so gut läuft.»

Hattrick an WM-Titeln

Das Schweizer Frauencurling schreibt in diesen Jahren eine wunderbare Geschichte. Zwischen dem zweiten und dem dritten WM-Titel der Schweizerinnen lagen 29 Jahre (1983 bis 2012), aber seit jenem 2012 sind die Weltmeisterinnen nunmehr viermal in fünf Jahren aus der Schweiz gekommen. Binia Feltschers Crew triumphierte zum zweiten Mal nach 2014. 2012 siegte Davos mit Skip Mirjam Ott, 2015 Baden Regio mit Skip Alina Pätz. Mithin führt Swiss Curling nun einen Hattrick an WM-Titeln. Bettet man die Erfolge des Schweizer Frauencurlings in den gesamten Zusammenhang der seit 1979 stattfinden Weltmeisterschaften der Frauen ein, erkennt man die ganze Bedeutung des Höhenflugs. Binia Feltscher ist die erste Curlerin seit der schwedischen Doppelolympiasiegerin Anette Norberg, die zwei WM-Titel in höchstens drei Jahren gewinnt. Norberg holte ihre entsprechenden Titel 2005 und 2006.

Sogar in die Zeit vor rund 30 Jahren muss man in den Chroniken zurückblättern, bis man auf den zuvor einzigen WM-Hattrick im Frauencurling stösst. Kanadas Curlerinnen siegten von 1984 bis 1987 sogar viermal am Stück und mit vier verschiedenen Teams. Ansonsten ist der jetzige Hattrick der Schweizerinnen unerreicht.

Auch das ebenso erfreuliche wie erstaunliche Faktum von vier WM-Titeln in fünf Jahren wurde einzig in der genannten Zeit in den Achtzigerjahren von den Kanadierinnen vorexerziert.

Swift Current, Saskatchewan (CAN). Weltmeisterschaft Frauen. Final: Schweiz (Flims/Urech, Kaufmann, Schori, Skip Feltscher) - Japan (Yurika Yoshida, Suzuki, Chinami Yoshida, Skip Fujisawa) 9:6.

Um Platz 3: Russland (Esech, Rajewa, Fomina, Skip Sidorowa) - Kanada (Peters, Peterman, Nixon, Skip Carey) 9:8.

Halbfinal: Japan - Russland 7:5 nach Zusatzend. – Playoffspiel 1/2: Schweiz - Japan 8:4. – Playoffspiel 3/4: Russland - Kanada 7:4.

Schlussklassement: 1. Schweiz. 2. Japan. 3. Russland. 4. Kanada. 5. Schottland. 6. USA. 7. Südkorea. 8. Dänemark. 9. Schweden. 10. Deutschland. 11. Finnland. 12. Italien.