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Dank Giorgio Behr lebt der Handball in der Schweiz wieder

Die Schweizer Handballer sind plötzlich wieder erfolgreich, bewegen die Massen – warum eigentlich? Der Baumeister des Aufschwungs ist Giorgio Behr, der Präsident des Serienmeisters Kadetten Schaffhausen.
François Schmid-Bechtel
Giorgio Behr: Handballspieler, Spielertrainer, Trainer, Präsident und Multimillionär. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Giorgio Behr: Handballspieler, Spielertrainer, Trainer, Präsident und Multimillionär. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Wohin nur mit dem neusten Meisterpokal? Das Regal mit den Trophäen ist voll. Beneidenswert, wer solche Probleme hat. Von den vergangenen zehn Handballmeisterschaften haben die Kadetten aus Schaffhausen acht gewonnen. Und weil auch die Nationalmannschaft dran ist, sich aus der Anonymität zu befreien, lohnt es sich, die Sache etwas genauer anzuschauen. Wer Ursachenforschung betreibt, stösst zwangsläufig auf einen Namen: Giorgio Behr, 70, der Präsident des Serienmeisters.

Die Schweizer Handballer gehörten einmal zum erweiterten Kreis der Weltspitze. Vierter Platz an der WM 1993. Olympia-Teilnahme 1996 in Atlanta. Danach ging nicht mehr viel. Selbst die Heim-EM 2006, die letzte Endrunde mit Schweizer Beteiligung, wirkte sich nicht nachhaltig aus. Im Gegenteil. Die Katerstimmung akzentuierte sich dermassen, dass man sogar in Erwägung zog, die Juniorennationalteams abzuschaffen. Ein Grounding auf Raten zeichnete sich im Schweizer Handball ab.

Tempi passati: Das Schweizer Nationalteam, notabene die jüngste Equipe Europas, füllt mittlerweile sogar unsere Eishockeystadien. Aber vor allem hat es vor den beiden abschliessenden Qualifikationsspielen gegen Kroatien am Mittwoch in Zug und in Serbien am Sonntag in einer Woche beste Chancen, sich für die Europameisterschaft im kommenden Jahr zu qualifizieren. Und die Kadetten avisieren die ab 2020 auf 16 Teams abgespeckte Champions League, den elitären Zirkel der Ballkünstler – schöne Perspektiven.

Wirtschaftsprofessor in St. Gallen

Die BBC-Arena in Schaffhausen. Der Ort, wo der Platz für neue Pokale derzeit begrenzt ist. Der Ort auch, wo der Schweizer Handballszene neues Leben eingehaucht wurde. Allein in der Nationalmannschaft stehen sieben bis neun Akteure, die in der Schaffhauser Handball-Academy ausgebildet wurden. Und in der abgelaufenen Saison spielten 20 Academy-Abgänger in fünf NLA-Clubs. Giorgio Behr, der Hausherr, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und sagt: «Wenn wir die Champions League erreichen, vergrössern wir die Kapazität um 500 Plätze auf 4000.»

Wegbegleiter nennen Behr einen Visionär. Er selbst bezeichnet sich eher als Zufallsmenschen, der «einfach immer einen Schritt vorwärts gehen will». Behr wächst in einer kleinen Arbeiterwohnung in Schaffhausen auf. Die Mutter ist Tessinerin, der Vater stirbt früh. «Tschingg» rufen sie ihm hinterher. Als 1974 die zweite Überfremdungs-Initiative die ausländer- und italienerfeindliche Stimmung anheizt, reicht er mit 25 seine Dissertation an der Uni Zürich ein.

Der Aufstieg, der nach der Hochzeit und der Familiengründung folgt, ist atemberaubend. Wirtschaftsprofessor in St. Gallen, Übernahme eines Mischkonzerns (BBC Group), Aktionär bei Grossfirmen (Georg Fischer), Mitgründer der Bank am Bellevue und Mitglied der Programmkommission von Avenir Suisse. Sein Vermögen wird auf über 400 Millionen Franken geschätzt. Damit gehört Behr zu den 300 reichsten Schweizern.

Der Handballer Giorgio

Was Behr trotz seines sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs immer geblieben ist: der Handballer Giorgio. Er war Spieler, Spielertrainer, Trainer und wurde Präsident, als die Not in Schaffhausen besonders gross war. Die Kadetten standen Anfang der 1990er-Jahre vor dem Ruin. Irgendeines morgens um 2 Uhr sagte Behr zu, das Amt des Präsidenten zu übernehmen. Erst baut er für 2,4 Millionen eine neue Halle. 2011 für 25 Millionen eine neue Arena, angegliedert die Academy mit Wohnbereich für jene Talente, die nicht aus der Region stammen. Zu dieser Zeit sind die Kadetten in der Schweiz bereits unangefochten an der Spitze. Aber die Nationalmannschaft krankt.

Als sich Europa nach 1989 verändert, wächst die Konkurrenz rapide. Allein Jugoslawien splittet sich in sechs ernst zu nehmende Handballnationen auf. Kommt dazu, dass eine Handballkarriere im Westen für einen Osteuropäer gleichbedeutend ist mit Reichtum. In der Schweiz indes sieht kaum jemand im Handball die Chance zum sozialen Aufstieg. Nein, Handball ist der Akademikersport, den man neben dem Studium betreibt. Damit verdient man etwas Geld und es macht ausserdem mehr Spass als nach den Vorlesungen in irgendeinem Büro oder Laden einem Brotjob nachzugehen. Und wenn man mit 26, 27 das Studium abschliesst, bietet sich die Chance, im Beruf Karriere und Geld zu machen. Für Handball ist dann kein Platz mehr.

Glücksfall Suter

Der Abstand zur europäischen Elite wird zusehends grösser. Bis Behr kommt. Die Academy hatte er schon 1974 in seiner Diplomarbeit als Handballinstruktor thematisiert. Damals aber hatte er weder Geld noch Zeit. Aber was er damals skizzierte, setzte er 37 Jahre später um: Eine Talentschmiede für 40 Junioren aus der ganzen Schweiz. Kürzlich erweitert durch eine Goalkeeper-Academy.

Als Leiter der Academy stellt Behr Michael Suter ein, was sich für die gesamte Szene als Glücksfall erweist. Suter, Olympia-Teilnehmer 1996 in den USA, Leistungsträger in der grossen Equipe von Pfadi Winterthur um den Südkoreaner Kang Jae-Wong und später als Lehrer tätig, versucht «das Ding umzudrehen. Ein Handballer hat zwischen 25 und 35 seine besten Jahre. Ich habe kein Problem damit, wenn einer mit 26 die Prioritäten anders setzt und mit Handball aufhört. Aber das hat nichts mit internationalen Standards zu tun. Handball hat sich zu einer Weltsportart entwickelt. Der Sport boomt in vielen Ländern. Ich hatte immer die Vision, dass wir Schweizer in diesem Konzert mitspielen können.»

Schluss mit Larifari

Während Behr die Kadetten-Spiele in einen Event verwandelt, seinen Club professionell vermarktet und viel Geld und Energie investiert, damit Handball wieder ins Fernsehen kommt, arbeitet Suter an der Denkweise und Einstellung der neuen Spielergeneration. Und siehe da: Die Handballer, die Behr mit Neid und Missgunst begegnen, nehmen ab und die Nachahmer zu. Und Suter schafft es innert kürzester Zeit, im Nachwuchs die Lücke zu den grossen Nationen zu schliessen. Von 2010 bis 2016 qualifiziert er sich mit diversen Juniorennationalteams für zehn Endrunden, wobei sich die Schweiz fünfmal unter den ersten sechs klassiert.

2016 steigt Suter zum Schweizer Nationaltrainer auf. Parallel dazu leitet er die Academy in Schaffhausen weiter. Denn für ihn ist klar: «Es braucht eine Horde verrückter Typen. Typen, die bereit sind, hart und konsequent zu arbeiten. Hätten die jungen Spieler diese Mentalität nicht verinnerlicht, hätten sie nicht diesen Biss und Willen entwickelt, wäre Andy Schmid (fünfmal zum besten Bundesliga-Spieler gekürt; die Red. ) nie in die Nationalmannschaft zurückgekehrt. Auf Larifari hat Schmid definitiv keine Lust.»

Einer dieser verrückten Typen ist der 25-jährige Dimitrij Küttel. Mit 18 spielt er bereits im NLA-Team des HSC Suhr Aarau. Als er mit dem Angebot aus Schaffhausen konfrontiert wird, wo man ihm einen Platz in der Academy und bei den Espoirs in der NLB offeriert, überlegt Küttel nicht lange. Nimmt die Offerte an, wechselt Club, Wohnort und Schule, um ein «kompletter Spieler zu werden». Mittlerweile ist er Captain in Schaffhausen, ist 50-mal in der Nationalmannschaft aufgelaufen und macht ein Fernstudium in Wirtschaft. «Ich würde auch lieber an der HSG in St. Gallen studieren», sagt Küttel.

Alles dem Handball untergeordnet

Weiter sagt Küttel: «So ein Fernstudium erfordert sehr viel Selbstdisziplin und eine gute Planung. Aber ich ordne alles dem Handball unter, wie es viele andere Spieler in meinem Alter auch tun. Dass im Schweizer Handball mittlerweile professionell gearbeitet wird, ist vor allem der Verdienst von Michael Suter. Und glauben Sie mir: Von uns jungen Nationalspielern hört keiner frühzeitig auf.»

«Dann droht uns dasselbe wie dem Fussball»

Schön und gut. Doch Behr warnt. Denn der Aufschwung ist noch eine zarte Pflanze. «Es ist gut, wenn die besten Schweizer Akteure im Ausland spielen. Wenn aber alle guten Schweizer ins Ausland wechseln, wir kein Flaggschiff mehr haben, das Champions League spielt, droht uns dasselbe wie dem Fussball. Damit der positive Trend nachhaltig wirkt, braucht es neben der Nationalmannschaft ein zweites Flaggschiff. Dieses kann nur Kadetten Schaffhausen heissen. Und wenn uns das gelingt, haben wir, was weder Fussball noch Eishockey bieten können: Eine erfolgreiche Nati und einen Club, der in einem ernst zu nehmenden internationalen Wettbewerb eine wichtige Rolle spielt.» Dann wird sicher auch wieder Platz für die Pokale in der BBC-Arena geschaffen.

So qualifiziert sich die Schweiz für die EM 2020

Erreicht das Schweizer Handballnationalteam am Mittwoch in der Zuger Bossard Arena gegen Kroatien mindestens ein Unentschieden, nimmt es erstmals seit der Heim-EM 2006 an einer Europameisterschaft teil. Falls die Schweiz verliert, kann es kompliziert werden. Wenn sie im abschliessen Qualifikationsspiel am Sonntag in einer Woche in Serbien punktet oder mit weniger als fünf Toren Differenz verliert, bleibt sie auf Rang zwei und löst damit das Ticket für die EM in Österreich, Schweden und Norwegen. Aber selbst wenn die Schweizer in Novi Sad mit fünf und mehr Treffern Differenz verlieren und auf Platz drei abrutschen, ist eine EM-Qualifikation noch möglich. Denn die vier besten Gruppendritten der acht Qualifikationsgruppen dürfen ebenfalls an der auf 24 Mannschaften aufgestockten Endrunde teilnehmen. (fsc)

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