DARTS: Weltmeister nach Lebenskrise

Der Schotte Gary Anderson reagiert nach dem erneuten WM-Gewinn verhalten. Hinter ihm liegt nicht nur ein schwerer Match, sondern auch eine schwere Zeit.

Benjamin Tonn (sid), London
Drucken
Teilen
Konfettiregen im Alexandra Palace. Gary Anderson ist zum zweiten Mal nach 2015 Weltmeister. (Bild: EPA/Sean Dempsey)

Konfettiregen im Alexandra Palace. Gary Anderson ist zum zweiten Mal nach 2015 Weltmeister. (Bild: EPA/Sean Dempsey)

Benjamin Tonn (SID), London

Glitzernder Konfettiregen, eine grölende Partymeute: Der Rahmen für die feuchtfröhliche Feier zu Ehren des Darts-Weltmeisters passte, doch für die ganz grossen Emotionen war Gary Anderson (45) in London nicht bereit. Nach seiner erfolgreichen Titelverteidigung blieb der «Flying Scotsman» seltsam reserviert, lächelte fast verlegen der brodelnden Menge im Alexandra Palace zu und winkte dann sogar ab. Zum einen stellte ihn seine konfuse Leistung am Abend vor ein kleines Rätsel. Womöglich liess er aber auch seine Lebensjahre Revue passieren – und die geben eher Anlass zu einer stillen, tiefen Freude.

Gary Anderson mit dem WM-Pokal. (Bild: SEAN DEMPSEY)
9 Bilder
«The Flying Scotsman» hatte bereits im letzten Jahr den WM-Titel geholt. (Bild: Steve Paston)
Der Final der Darts-WM fand im Alexandra palace in London statt. (Bild: SEAN DEMPSEY)
Anderson während des Spiels. (Bild: Steve Paston)
Sein Gegner: Der Engländer Adrian Lewis. (Bild: Steve Paston)
Die Fans machen die Darts-Spiele jeweils zu einem grossen Spektakel. (Bild: SEAN DEMPSEY)
Die Darts-WM ist ein Zuschauermagnet. (Bild: SEAN DEMPSEY)
Der WM-Final gegen Adrian Lewis war die Neuauflage des Finals von 2011. Damals ging Anderson jedoch als Verlierer vom «Parkett». (Bild: SEAN DEMPSEY)
Diesmal musste sich Adrian Lewis aber mit 5:7 geschlagen geben. (Bild: SEAN DEMPSEY)

Gary Anderson mit dem WM-Pokal. (Bild: SEAN DEMPSEY)

Noch vor zwei Jahren deutete nichts auf seinen Triumphzug hin, die Karriere des Gary Anderson lag in Trümmern. Im Herbst 2011 war sein Bruder im Alter von nur 35 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, nur wenige Monate später verstarb sein Vater. In die Lebenskrise des früheren Bauarbeiters fiel auch die Trennung von Ehefrau Rosemary, mit der er zwei Söhne hat. Hinzu kamen Zahnschmerzen und Augenprobleme, die dem Präzisionsschützen besondere Mühe bereiteten.

Die tätowierte Wurfhand

Naturtalent Anderson, der angeblich bereits mit seinen ersten ernsthaften Würfen auf die Dartscheibe im hohen Alter von 25 Jahren bemerkenswerte Punktzahlen erzielt haben soll, hatte keine Lust mehr auf Darts. In den Ranglisten wurde er durchgereicht.

«Die Leute haben über meine Würfe geredet, und mir war das alles völlig egal», sagte der Familienmensch rückblickend. Der Fokus, sein ganzes Leben hatte sich stärker verschoben, als viele es gedacht hätten. Das hatte ihn wütend gemacht: «Jeder, der sagt ‹So etwas kann doch passieren›, ist ein Idiot.»

Doch mit seiner neuen Partnerin Rachel und der Geburt seines dritten Sohnes Tai im April 2014 kehrte die Motivation zurück. Anderson liess sich seinen Namen auf die Wurfhand tätowieren, und die Darts fanden wieder ihr Ziel. Beim 5:1-Viertelfinalsieg gegen James Wade sass Tai bei der Galavorstellung seines Vaters im Alexandra Palace erstmals im Publikum.

Beim 7:5-Erfolg im Final gegen den Engländer Adrian Lewis war zunächst wenig vom Glanz der zuvor gespielten Runden übrig geblieben. «Wir haben gedacht, wir würden einen 42er-Durchschnitt spielen», sagte Anderson mit Blick auf die gefühlt indiskutable Ausbeute, die tatsächlich immerhin bei 99,3 lag – immer noch sein schwächster Schnitt im Turnier. Und das im Final.

Übernervöser Final-Auftakt

Vom ersten Wurf an wirkte der Schotte, genau fünf Jahre nach der ersten Auflage des Endspiels von 2011, übernervös. Er verfehlte Felder, die er in den vergangenen Tagen spielend leicht getroffen hatte, ihm fielen die Pfeile aus der Hand, er leistete sich zwei grobe Rechenfehler und checkte komplett falsche Zahlen aus. Weit und breit keine Spur von einem Neun-Darter, den er im Halbfinal beim beeindruckenden 6:0 gegen Jelle Klaasen geworfen hatte.

Auf der anderen Seite gelang dem «Flying Scotsman» im zwölften Satz das höchstmögliche Finish – die 170 – und zog damit seinem hartnäckigen Konkurrenten Lewis endgültig den Zahn. «Es fühlt sich grossartig an, wieder Weltmeister zu sein, und ich habe es vielleicht mit 85 Prozent meiner Leistungsfähigkeit geschafft», sagt Anderson, der für den Sieg den Rekordjackpot von umgerechnet 440 000 Franken erhält.

Anderson fürchtet zwar die neue Generation, die ihm das Leben schwer machen würde. Aber auch der Darts-Nachwuchs im Hause Anderson lässt nicht mehr so lange auf sich warten. Seit seinem 13. Lebensmonat hat auch Söhnchen Tai schon die Pfeile in der Hand und ist grosser Fan von: dem Weltranglistenersten Michael van Gerwen. «Ich weiss auch nicht, was da schiefgelaufen ist», sagt Anderson: «Aber irgendwann wird er verstehen, warum man Gary-Anderson-Fan sein muss.»

Schweizer Darter hinken hinterher

jvf. Für die WM in London konnte sich noch kein einziger Schweizer qualifizieren. Das wird sich so schnell auch nicht ändern, wie der Krienser Dartspieler Patrick Rey erklärt: «Der Weg an die WM ist lang und durch die Reisen an die Qualifikationsturniere sehr teuer.» Profis gibt es in der Schweiz keine. Gespielt wird in 31 Vereinen, unter anderem in Luzern, Ebikon und Inwil. Beliebter ist E-Darts, das rund 4500 Schweizer spielen.

Immerhin: An der Team-WM Ende Oktober belegten die Männer Rang 16 von 36 teilnehmenden Nationen. Rang 1 ging – natürlich – an England.