Das fatalste Eigentor der Fussball-Geschichte

Vor 26 Jahren wurde Andrés Escobar in Kolumbien erschossen. Zehn Tage zuvor im WM-Spiel unterlief ihm gegen die USA ein Eigentor.

Stefan Wyss (SDA)
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Die Via Las Palmas von Medellin hält nicht, was der Name verspricht. Sie ist kein von Palmen gesäumter Boulevard, sondern eine Schnellstrasse, die aus der kolumbianischen Grossstadt hinausführt zum Flughafen. Entlang der Via Las Palmas stehen ein paar schäbige Motels und ein paar Restaurants. Eines davon hiess in den Neunzigerjahren «El Indio». Ein Gastro-Betrieb, der Fleischspezialitäten anbot und im Nebengebäude eine Diskothek untergebracht hatte. Auf dem Parkplatz des «El Indio» wurde Andrés Escobar in den frühen Morgenstunden des 2. Juli 1994 erschossen.

Wie Augenzeugen später erzählten, soll Escobar im Restaurant von anderen Gästen angepöbelt worden sein. Sie beleidigten ihn, weil ihm zehn Tage zuvor an der WM in den USA ein Eigentor unterlaufen war. Als er nach Hause fahren wollte, soll es auf dem Parkplatz zum Streit mit zwei jungen Männern gekommen sein. Ein Dritter kam hinzu und schoss Escobar nieder. Und eines wollen Zeugen immer wieder gehört haben: «Eigentor Andrés, Eigentor! Danke für das Eigentor!»

Bei der WM 1998 in Frankreich gedenken kolumbianische Fans Andres Escobar.

Bei der WM 1998 in Frankreich gedenken kolumbianische Fans Andres Escobar.

Eric Draper/Keystone

Ja, dieses Eigentor! Es unterlief Escobar, der vier Jahre zuvor während einer halben Saison für die Young Boys gespielt hatte, zehn Tage zuvor in Pasadena im zweiten WM-Gruppenspiel Kolumbiens gegen die USA. Es führte zum 0:1, noch vor der Pause, und am Ende verloren die Südamerikaner 1:2. Es war die zweite Niederlage, das vorzeitige Ausscheiden Kolumbiens war besiegelt. Der 2:0-Sieg zum Abschluss der Vorrunde gegen die Schweiz war nutzlos. Kolumbien, einer der Mitfavoriten auf den Titel, musste frühzeitig die Heimreise antreten. Doch waren die sportliche Enttäuschung und die damit einhergehenden Emotionen tatsächlich ein Motiv und eine Erklärung für den Mord? Keine 24 Stunden nach dem Mord fand die Nation eine mögliche Antwort. Die beiden Männer, welche Escobar im «El Indio» beleidigt und danach auf einem Parkplatz in einen Streit verwickelt hatten, waren keine unbescholtenen Bürger. Die Brüder David und Santiago Gallón waren einflussreiche Mitglieder des Drogenkartells von Medellin. Der Mörder von Escobar, Humberto Muñoz, war ihr Fahrer.

Drogenhandel, Auftragsmorde, Motorrad-Killer

Die Verbindung der Täter zur Drogenmafia war schnell hergestellt und somit hatten die Ermittler ein plausibles Motiv rasch zur Hand. Die Drogenmafia von Medellin muss bei Wetten viel Geld verloren haben, weil Kolumbien schon in der Vorrunde, und Escobar galt wegen seines Eigentores eben als Hauptschuldiger für den sportlichen Misserfolg.

Humberto Muñoz wurde später zu 43 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde Ende der Neunzigerjahre halbiert, nach knapp elf Jahren war er wegen guter Führung (offiziell) oder wegen guter Kontakte (inoffiziell) wieder frei.

Medellin war bis Mitte der Neunzigerjahre kontrolliert vom Drogen-Kartell des Ende 1993 ermordeten Pablo Escobar (nicht verwandt mit Andres). Paramilitärs lieferten sich blutige Kämpfe mit der staatlichen Polizei und der Armee. Pro Jahr wurden in der Stadt damals rund 7000 Morde verübt. Es war die Zeit, als Medellin für kriminelle Kräfte, Drogenhandel und Motorrad-Killer stand, verübt meist von Teenagern, die für eine Handvoll Dollar Mordaufträge ausführten. Vielleicht musste Escobar am 2. Juli 1994 tatsächlich sterben, weil ihm zehn Tage zuvor an der WM ein entscheidendes Eigentor unterlaufen war. Vielleicht war er aber auch nur «zur falschen Zeit am falschen Ort», wie sein Nationaltrainer Francisco Maturana später sagte. Weil im Medellin der damaligen Zeit oftmals Menschen unterwegs waren, die dachten, nur dann zu überleben, wenn sie schneller schossen als ihr Gegenüber. Auch dann, wenn das Opfer – wie Andrés Escobar – nicht das Geringste mit dem organisierten Verbrechen zu tun hatte. Und erst recht in den frühen Morgenstunden auf einem Parkplatz an der Via Las Palmas.

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