Dorothea Wierer ist das Gesicht der Biathlon-WM

Die Italienerin Dorothea Wierer gewinnt in Antholz bereits den zweiten WM-Titel. Trotzdem hat die 29-Jährige nicht nur Fans.

Marcel Hauck aus Antholz
Drucken
Gewann am Dienstag zum zweiten Mal Gold: Dorothea Wierer.

Gewann am Dienstag zum zweiten Mal Gold: Dorothea Wierer.

Andrea Solero / EPA

Man hätte meinen können, es sei Cristiano Ronaldo, der seine Aufwartung im Mediencenter der Biathlon-Arena in Antholz machte. Wo immer Dorothea Wierer, 29, war, bildete sich eine Traube von Journalisten um die Südtirolerin. Am Glamour-Girl der Szene führt kein Weg vorbei, erst recht nicht bei der Heim-WM, ein paar Fahrminuten vom Elternhaus entfernt.

Vor allem die italienischen Medien interessierte nur eine Frage: der «Zickenkrieg» mit Lisa Vittozzi. Die Teamkollegin sprach in einem Zeitungsartikel von fehlendem Teamgeist Wierers. Stein des Anstosses war die WM vor einem Jahr in Östersund. Wierer hatte wegen eines Magen-Darm-Virus auf die Frauenstaffel verzichtet, war tags darauf aber Weltmeisterin im Massenstart-Rennen geworden. Die Angegriffene fand klare Worte: «Ich dachte eigentlich, dass Lisa und ich Freundinnen sind. Es ist einfach nur dumm, das jetzt wieder aufzubringen.» In der Zwischenzeit hätten sie sich aber ausgesprochen.

Als ob der Druck auf Wierer vor der Heim-WM nicht schon gross genug gewesen wäre. «Druck? Den hat man als Weltklasse-Sportlerin immer. Ich will diese WM einfach geniessen.» Und das kann sie nun definitiv. Gleich am ersten Tag gewann sie mit der Mixed-Staffel (mit Vittozzi) die Silbermedaille, dann doppelte sie mit zweimal Gold in der Verfolgung (am Sonntag) und im Einzel-Wettkampf (am Dienstag) nach.

Sie nimmt den Helikopter, wenn andere Auto fahren

Gerade in der Heimat ist die Liebe für Dorothea Wierer aber nicht uneingeschränkt. In Online-Foren gab es auch schon Kritik, wenn sie sich als «waschechte Südtirolerin» bezeichnete. Dem ist zwar kaum zu widersprechen. Sie ist in Bruneck im Pustertal geboren, wuchs als drittes von fünf Biathlon begeisterten Kindern in Niederrasen im Antholzertal auf und hat am Sportgymnasium in Mals im Vinschgau nahe der Schweizer Grenze die Matura absolviert. Wierers Vergehen aus Sicht einiger Südtiroler Nationalisten ist, dass sie die italienische Trikolore auf ihrem Gewehr und ihrer Mütze trägt. Zudem wohnt sie seit der Heirat mit dem italienischen Langlauftrainer Stefano Corradini im Val di Fiemme, also im fremdsprachigen «Ausland». Es gibt offensichtlich Leute, für die sich «Südtiroler» und «Italiener» ausschliessen.

Wierer kann dank ihres Kopfsponsors Red Bull oft bequem mit dem Helikopter zum nächsten Weltcuport fliegen, während die Konkurrentinnen stundenlang im Auto sitzen. Auch dieses Jetset-Leben der stets perfekt geschminkten Wierer kommt bei bodenständigen Südtirolern nicht immer gut an.

«Ich bin auf ‹Krawall› gebürstet», sagt sie. «Meine ganze Familie funktioniert in einer lauten, leicht chaotischen Umgebung ziemlich gut.» Und sie spreche unheimlich gerne mit allen möglichen Menschen, Fans oder Journalisten. Die Glamour-Fassade ist wohl mehr als das, Wierer geniesst die Aufmerksamkeit. Der Lohn: Auf Instagram hat sie weit über 400 000 Follower, das ist für eine Schneesportlerin beachtlich. Und wenn dann auch noch der sportliche Erfolg stimmt, können Wierer ein paar Stänkerer ziemlich egal sein.