Matchbericht & Noten

Das grosse Spektakel: Die Schweiz holt in Deutschland ein 3:3, verspielt aber den Sieg

Die Schweizer Nati bleibt im Jahr 2020 weiter sieglos. Das 3:3 in Deutschland bedeutet die schlechteste Resultat-Serie seit zehn Jahren. Die Partie in Köln war ein Abend voller Licht und Schatten.

Etienne Wuillemin
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Shaqiri jubelt mit Gavranovic über die Schweizer Führung. Am Ende reicht es nicht zum Sieg.

Shaqiri jubelt mit Gavranovic über die Schweizer Führung. Am Ende reicht es nicht zum Sieg.

Federico Gambarini / dpa

Das Fazit

Was soll man nach diesem Abend denken? 3:3, sechs Tore, ein Auf und Ab, ein Hin und Her, ein ständiger Fight, ein grosses Spektakel – und zwiespältige Gedanken.

2:0 und 3:2 führte die Schweiz, und gewann doch nicht. Das ist bitter. Je länger das Spiel dauerte, desto mehr übernahmen die Deutschen das Zepter. Sie waren nahe dran, die Wende zu vollbringen. Es waren bange Momente, kaum mehr ein zusammenhängender Schweizer Angriff war zu ­sehen. Dafür viele Bälle, die einfach weggeschlagen wurden. Immer wieder auch kleine Fehler. Erst in den letzten zehn Minuten erholten sich die Schweizer nochmals und konnten für Beruhigung sorgen. Auch die gelb-rote Karte gegen Schär, die zu seinem Abend voller Fehler passte, hatte keine Folgen mehr.

Eine andere Wahrheit ist: Die Schweizer zeigten in der Offensive viel Lust. Und sie vermochten sich zu wehren. Sie wankten, aber fielen nicht. Sie blieben auch nach den vielen Rückschlägen robust, zeigten den unbändigen Willen, dieses Spiel nicht noch zu verlieren. Es gelang. Immerhin.

In Spanien noch war die Offensiv fast inexistent, dafür die Defensive mit einer Ausnahme fehlerfrei. In Deutschland nun war es genau umgekehrt. Das lag mit Sicherheit ein wenig an Xherdan Shaqiri. Er durfte von Beginn an spielen. Und es gelang ihm in den 65 Minuten bis zu seiner Auswechslung eine Darbietung, die hoffen lässt. Er hatte viel Licht, bereitete einige Szenen magistral vor, fast schon wie in guten Tagen. Er hatte aber auch etwas Schatten, verlor einige Bälle, manchmal fahrlässig.

Xhaka war ein grossartiger Chef im Mittelfeld, er dirigierte, orchestrierte, hielt die Mannschaft zusammen, als es kritisch wurde. An seiner Seite gelang Freuler das wohl beste Spiel seiner Nati-Karriere. Er stopfte Löcher noch und noch. Er leitete Angriffe ein. Er bereitete ein Tor vor. Und er schoss eines im Stile eines Weltklasse-Stürmers.

Das 2:0 war das, nach 26 Minuten, als man sich in Köln verwundert die ­Augen rieb ob der Schweizer Effizienz. Und wer weiss, wie dieser Abend geendet hätte, wenn die Schweizer nicht zwei Minuten später bereits das Anschlusstor durch Werner hätten hinnehmen müssen.

Als Havertz kurz nach der Pause und einem erneuten Fehler von Schär zum 2:2 ausglich, drohte die Partie bereits zu kippen. Doch den Schweizern gelang eine erneute Reaktion, Gavranovic traf bereits zum zweiten Mal an diesem Abend voller Spektakel. Er ist mit drei Toren in drei Spielen einer der Gewinner dieser Nati-Woche. «Schade, hat es nicht zum Sieg gereicht», sagt er nach dem Spiel, «nach vorne haben wir einiges bewirkt, aber es gibt auch einiges zu verbessern.»

Hier für einmal ohne Tor: Mario Gavranovic.

Hier für einmal ohne Tor: Mario Gavranovic.

Martin Meissner / AP

Dass Gnabry schliesslich noch zum 3:3 ausglich, war leistungsgerecht. Den Sieg hätten die Schweizer wegen der zu vielen Fehler nicht verdient. Granit Xhaka sagt: «Wir haben gute Sachen gemacht, aber auch weniger gute. Klar ist aber: Eigentlich müssen wir den Sieg heimbringen, wenn wir drei Tore schiessen.»

Und darum stehen auch diese beiden Fakten: Erstmals seit zehn Jahren hat die Schweizer Nationalmannschaft fünf Spiele in Serie nicht gewonnen. Und weil die Ukraine gegen Spanien siegte, steht die Schweiz vor dem ­Abstieg aus der Liga A der Nations League. Das trübt den spektakulären Abend von Köln doch ein wenig.

Die Tore

5. Minute: Gavranovic, 0:1. Nach einem Schweizer Eckball klären die Deutschen nur ungenügend. Freuler köpft den Ball zurück in die Gefahrenzone. Zwei Schweizer stehen im Offside - nicht aber Gavranovic, und dieser trifft ebenfalls per Kopf über Neuer hinweg.

26. Minute: Freuler, 0:2. Ein wunderbarer Konter der Schweizer. Kroos spielt einen Fehlpass, weil Xhaka gedankenschnell dazwischen geht. Dann geht es blitzschnell. Shaqiri weiter auf Gavranovic, der sieht Seferovic, der Stürmer leitet den Ball direkt und herausragend weiter auf Freuler. Und was dann folgt, ist Weltklasse: Neuer verkürzt den Winkel, darum chippt Freuler den Ball über den Bayern-Torhüter hinweg. Jubel!

Weltklasse-Tor: Freuler trifft zum 2:0.

Weltklasse-Tor: Freuler trifft zum 2:0.

Sascha Steinbach / EPA

28. Minute: Werner, 1:2. Die Deutschen reagieren umgehend. Schär kann einen langen Ball nicht kontrollieren, Havertz leitet weiter zu Werner, der dribbelt und dribbelt und dribbelt, fünf Schweizer verfolgen ihn halbherzig, bis es zu spät ist. Werner schiebt den Ball gegen die Laufrichtung Sommers in Tor, Anschlusstreffer.

Der Anschlusstreffer von Werner.

Der Anschlusstreffer von Werner.

Martin Meissner / AP

55. Minute, Havertz, 2:2: Fabian Schär spielt einen verhängnisvollen Fehlpass, direkt in die Füsse von Kai Havertz, der läuft los und versenkt den Ball überlegt im langen Eck.

56. Minute, Gavranovic, 2:3: Shaqiri leitet den Angriff ein, Gavranovic spielt Seferovic frei, dieser vergibt zweimal ganz alleine vor Neuer auf fahrlässige Art und Weise. Der Ball kommt wieder zu Gavranovic, und der drischt ihn wuchtig ins Netz.

60. Minute, Gnabry, 3:3: Die Schweizer kommen in Bedrängnis, Werner an den Ball. Seine Hereingabe kommt zu Gnabry, und der versenkt brillant per Hacke.

Die Stimmen

Xherdan Shaqiri: «Ich glaube, das war ein sehr gutes Spiel. Ich geniesse meine Freiheiten offensiv zwischen den Linien und will das auch ausnutzen. Schade konnte ich zu Beginn des Spiels nicht treffen, bin aber froh, ein gutes Spiel gemacht zu haben. Wenn man so lange nicht gespielt hat, ist es sicher nicht einfach in ein solches Spiel zu gehen. Die Mitspieler haben aber sehr gut geholfen und ich denke, mir selbst ist auch eine gute Leistung gelungen.»

Granit Xhaka: «Wir haben gute Sachen gemacht, aber auch weniger gute. Wenn wir drei Tore schiessen, müssen wir das Ding heimbringen. Wir werden nicht dafür belohnt, was wir leisten. Jeder weiss, dass uns Shaqiri enorme Qualitäten bringen kann. Das hat er heute gezeigt.»

Magistraler Chef: Granit Xhaka.

Magistraler Chef: Granit Xhaka.

Martin Meissner / AP

Mario Gavranovic: «Es war ein schwieriges Spiel. Aber nach vorne haben wir vieles gut gemacht mit Toren. Leider haben wir aber auch den einen oder anderen Fehler gemacht, den der Gegner genützt hat. Das Unentschieden ist gerecht. Es gibt aber noch einiges zu verbessern. Ich bin zufrieden, dass ich die Chance bekommen habe, zu spielen. Und in zwei Einsätzen drei Tore gemacht habe. Schade, dass es keinen Sieg gegeben hat.»

Manuel Neuer: «Auf beiden Seiten wurden zu viele Tore kassiert. Die Tore müssen wir uns selber zuschreiben. Wir dürfen nicht ganz zufrieden sein, obwohl wir die Kontrolle mehr und mehr übernommen haben.»

Die Noten

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