«Das ist eine Geschäftsreise» – Nadine Fähndrich reist für die letzten Weltcup-Rennen nach Kanada

Dass die Weltcup-Saison so erfolgreich wird, konnte Nadine Fähndrich nicht erwarten. Es ist das Ergebnis von vielen Trainingsstunden.

Claudio Zanini
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Die Luzerner Langläuferin Nadine Fähndrich blickt auf eine erfolgreiche Saison zurück.

Die Luzerner Langläuferin Nadine Fähndrich blickt auf eine erfolgreiche Saison zurück.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Davos, 7. November 2019)

Als Kind träumte Nadine Fähndrich davon, um die Welt zu reisen und Rennen zu fahren. Sie sehnte sich das Leben eines Langlaufprofis herbei. Nun sitzt sie in einem Café am Flughafen in Zürich, auf der vorderen Kante eines ausladenden Sessels. In zwei Stunden fliegt sie nach Québec, zu den Weltcup-Rennen. Fähndrich sagt: «Es ist irgendwie mehr geworden, als ich mir erträumt habe.»

Das geschäftige Kommen und Gehen am Flughafen bekommt in Zeiten des Corona-Virus eine bedrohliche Note. Eine potenzielle Drehscheibe der Viren-Verbreitung ist nicht das Umfeld, in dem sich Spitzensportler aufhalten sollten. Sie könnten schon mit einfachen Erkältungssymptomen kaum ihren Job erledigen. Nadine Fähndrich, 24, aus Eigenthal, ist nicht nervös. Auf einen Handschlag verzichtet sie zwar, doch sie wäre auch in einem durchschnittlichen Winter vorsichtig. Hände desinfizieren ist das Normalste. «Ungewöhnlich ist jetzt nur, dass es auch alle anderen machen», sagt sie. Wie mühsam eine Erkältung sein kann, erlebte sie in diesem Winter bereits. Bei der Tour de Ski, dem Saison-Highlight zum Jahreswechsel, musste sie wegen Hustens aufgeben.

Norweger reisen nicht nach Québec

Auch im Langlauf ist derzeit wenig sicher und alles möglich. Nach Québec hätten Rennen in Minneapolis stattgefunden, sie wurden am Donnerstagmorgen abgesagt. Der Weltcup-Final in Canmore wurde später auch gestrichen. Fähndrich sagt: «Die Ungewissheit ist für mich das Schwierigste an der Situation. Du fliegst zwar hin, aber du weisst nicht, ob das Rennen wirklich stattfindet.» Als sie das sagt, hat der Norwegische Verband bereits entschieden, seine Athletinnen und Athleten nicht nach Nordamerika zu schicken. Die Schweizer reisen. Swiss-Ski befolgt die Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit, drastische Massnahmen sind bislang nicht vorgesehen. Ohne die Norwegerinnen ist das Gedränge an der Spitze kleiner. Von den Top 5 in der Gesamtwertung stammen vier aus Norwegen. Therese Johaug, der Star der Szene, steht seit dem letzten Wochenende und den Rennen in Oslo als Gesamtsiegerin fest.

Oslo war für Nadine Fähndrich neu. Sie bestritt ihr erstes Rennen am Holmenkollen. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, im Nordwesten der Stadt, mit Langlauf- und Biathlonstadion, und der ältesten Skisprungschanze der Welt. Die Strecke gilt als eine der härtesten überhaupt. Das Rennen ging über 30 Kilometer, die längste Distanz bei den Frauen. Fähndrich ist erst einmal zuvor über diese Distanz angetreten. «Der Substanzverlust ist hoch, ich hatte bislang nicht die Chance gesehen, ein gutes Resultat zu machen», sagt sie. Normalerweise fühlt sie sich in den Sprint-Disziplinen wohler. Bei 30 Kilometern kommen erschwerende Faktoren hinzu, etwa Krämpfe oder der sinkende Blutzuckerspiegel. Fähndrich musste lernen, wie sie sich während des Rennens am besten verpflegt. Zweimal pro Runde nahm sie ein Energiekonzentrat zu sich. Sie wurde Zehnte, ein mehr als achtbares Ergebnis.

Die grossen Leistungen gelangen Fähndrich aber im Sprint. Vor einer Woche verpasste sie in Konnerud ihren ersten Weltcup-Sieg knapp. Sie wurde Zweite, nur 24 Hundertstel hinter der Schwedin Jonna Sundling. Zehn Tage zuvor stand sie schon einmal auf dem Podest, als Dritte, im Sprint von Trondheim. Fähndrich war sich vor der Saison sicher, wenn alles nach Plan laufe, liege ein Podestplatz drin. «Aber ich konnte nicht damit rechnen, dass es gleich zwei werden», sagt sie.

Der Punkt, an dem Talent nicht mehr reicht

Talent allein reicht nicht, um an die Weltspitze zu gelangen – in Ausdauersportarten gilt das ganz besonders. Fähndrich, die eher dazu tendiert, ihre Fähigkeiten unter Wert zu verkaufen, sagt: «Ein gewisses Talent habe ich sicher. Aber egal wie gross dein Talent ist: Irgendwann kommt der Punkt, an dem du hart arbeiten musst. Dass ich hart arbeiten kann, ist eine meiner Grundfähigkeiten.»

Am meisten Arbeit fällt zwischen den Saisons an. Im Mai beginnt die Trainingsperiode, die erst im November endet. Bevor die aktuelle Saison begann, wurde der Rücktritt von Nathalie von Siebenthal bekannt, dem ehemaligen Aushängeschild des Schweizer Teams. Fähndrich, die in der Vorsaison bereits mit einem Podestplatz glänzte, rutschte in die Leaderrolle. «Unsere neue Vorläuferin» titelte eine grössere Zeitung. Man könnte meinen, es müsste ein grosser Sprung gewesen sein für Fähndrich. Doch die vermeintlich neue Konstellation kannte sie bereits. In ihrer Trainingsgruppe ist sie seit längerem die erfahrenste Athletin, denn die ältere Bündnerin Laurien van der Graaff trainiert allein. Fähndrich sagt: «Ich habe die gleichen Erwartungen an mich. Ob nun Nathalie hier ist oder nicht.»

Am Montag in einer Woche sei sie spätestens wieder zurück, sagt Fähndrich noch am Flughafen. Da Minneapolis und Canmore wegfallen, wird sie bereits nach diesem Wochenende wieder zurückkehren können. Von Kanada wird sie wenig sehen. Doch darum ging es ihr auch nicht, als sie früher von Weltcup-Rennen, verstreut auf dem ganzen Globus, träumte. «Der Fokus liegt auf anderem», sagt sie. «Das ist eigentlich eine Geschäftsreise für mich.» 

Keine Langlauf-Sprints in Minneapolis

Das Coronavirus beeinflusst auch die letzte Phase des Langlauf-Weltcups. Die am nächsten Dienstag in Minneapolis im US-Staat Minnesota geplanten Rennen der Männer sind abgesagt.

Saisonfinale in Canmore abgesagt

Auch das Saisonfinale der Langläufer fällt dem Coronavirus zum Opfer. Dario Cologna und Co. werden am übernächsten Wochenende im kanadischen Canmore keine Rennen mehr bestreiten.