Analyse

Das Publikum im Eishockey und Fussball ist Teil eines sozialen Experiments – Wir werden zu Versuchskaninchen der Pandemie

Ab dem 1. Oktober dürfen im Eishockey und Fussball wieder mehr als 1000 Zuschauer in die Stadien. Es wird ein soziales Experiment, ein Tanz auf der Rasierklinge. Mit uns, dem Publikum, als Versuchskaninchen. Die Analyse.

Klaus Zaugg
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Klaus Zaugg

Klaus Zaugg

Auf so dünnem Eis sind unsere Hockeystars seit den späten 1950er Jahren nicht mehr gestanden. Vor der Eröffnung der Kunsteisbahnen im Flachland war eine Planung über mehrere Wochen unmöglich. Jeder Wetterumschwung stoppte das Programm. Kein Problem. Verschiebungsdaten gab es ja reichlich. Die Meisterschaft wurde in weniger als 20 Partien ausgespielt. Kein TV-Vertrag musste eingehalten werden und es gab auch keine Verpflichtungen gegenüber Sponsoren. Sportromantik pur. Inzwischen wird Eishockey nicht mehr unter freiem Himmel zelebriert und ist ein berechenbares Geschäft geworden. Ja, es schien, als sei der Himmel die Limite: jedes Jahr höhere Löhne. Bei jeder Bieterrunde um TV-Rechte noch mehr Millionen. Die höchsten Zuschauerzahlen in Europa. Es rockte und rollte in den Geldspeichern. Big Business ohne Grenzen. Unverwundbar.

Umso grösser ist nun der Schock der Virus-Krise. Unser Eishockey ist nicht mehr vom Wetter abhängig. Aber von der Verbreitung eines tödlichen Virus. Jeden Tag können die Behörden die Schliessung der Stadien anordnen. Der Spengler Cup, dieses Hochamt unserer Sportkultur während der Festtagspause, ist bereits abgesagt worden. Beim gedrängten Programm mit mehr als 70 Spielen bis Mitte April gerät durch Absagen und Verschiebungen alles aus den Fugen. Ein Geschäftsmodell - Sport als Massenveranstaltung – ist in den Grundfesten erschüttert. Eigentlich wäre es nun Zeit, dieses Geschäftsmodell zu hinterfragen. Gibt es Alternativen? Müssen wir am Ende die Spiele nur noch fürs Fernsehen austragen? In Stadien, die zu Filmstudios umgebaut worden sind? Ohne Fans? Das Ende des Eishockeys, des Eishockey-Geschäftes wie wir es kennen und lieben? Wäre es nicht klüger, innezuhalten und den Spielbetrieb für eine Saison einzustellen?

Testspiel zwischen Olten und Ambri vor maskierten Zuschauern.

Testspiel zwischen Olten und Ambri vor maskierten Zuschauern.

Marc Schumacher / freshfocus

Ungehorsam gehört zur DNA des Sport-Publikums

Solche Gedanken weisen alle klafterweit von sich. Alle Energien und Beziehungen werden eingesetzt, um das liebgewordene Geschäftsmodell durch diese schwierigen Zeiten zu retten. Die Behörden sind grosszügig. In keinem anderen Land der Welt dürfen so viele Zuschauerinnen und Zuschauer ins Stadion wie bei uns. So wird das Eishockey zu einem gesellschaftlichen Experiment. Zu einem Labor. Und auf einmal spielt das Publikum noch eine ganz andere Rolle. Die von «Versuchskaninchen». Was ist in Zeiten einer Pandemie noch möglich? Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko tatsächlich, wenn sich mehrere tausend Menschen in einem geschlossenen Raum (einem überdachten Stadion) aufhalten? Kommt dazu: das Eishockeypublikum ist leidenschaftlich. Emotionen sind ein Teil dieses Spiels. Siege werden gar besungen. Ambris «La Montanara» ist die schönste Siegeshymne der Sportwelt. Wenn es möglich ist, dieses «wilde Publikum» zu zähmen, dazu zu bringen, stets Masken zu tragen, sich nur auf einen bestimmten Platz zu setzen, sich nicht spontan zusammenzurotten – dann darf man ruhig die Schraube auch ausserhalb der Stadien noch ein wenig anziehen ohne eine Revolution zu riskieren.

Weltberühmt: Die Montanara der Ambri-Fans.

Oder? Der Hang zur Aufmüpfigkeit, zum Ungehorsam gehört ein wenig zur DNA des Sportpublikums. Ja, gelegentlich wird ein Sportstadion sogar zum rechtsfreien Raum. Deshalb braucht es in und um die Sportarenen – anders als um Kirchen oder Opernhäuser – Sicherheitsdienste, Polizei, Aufpasser. Inzwischen müssen auch die Hockeyclubs für die zusätzlichen Dienstleistungen der Polizei sechsstellige Summen in die Staatskasse einzahlen. Nun sind die Sportstadien die meistüberwachten öffentlichen Räume. Wenn sich die Besucherinnen und Besucher nicht an die strengen Regeln halten, provozieren sie den Abbruch der Meisterschaft, das Ende eines Geschäftsmodelles. Dann kann es sein, dass das Kunsteis abgetaut wird und das Eishockey zu seinen Ursprüngen zurückkehrt. Und wieder ein unberechenbares Spiel auf gefrorenem Wasser unter freiem Himmel wird.

Geht das? Wahrscheinlich nicht. Die Rückkehr zur puren Sportromantik ist nicht ehr möglich. Wegen des Klimawandels. Wir müssen das liebgewordene Geschäftsmodell Eishockey retten. Um jeden Preis?