Beliebter Volkslauf - dem Engadiner läuft’s

Weshalb wird am Engadiner die Teilnehmerzahl begrenzt? Warum ist das Rennen plötzlich bei Norwegern so beliebt? Warum starten die Frauen neu vor allen anderen? Antworten zum Volkslauf vom Sonntag.

Ralf Streule
Drucken
Teilen
Ein kleiner Ausschnitt vom Engadiner. (Bild: Alessandro Della Bella/KEY)

Ein kleiner Ausschnitt vom Engadiner. (Bild: Alessandro Della Bella/KEY)

Weshalb sind nicht mehr Teilnehmer zugelassen?

Wie bereits vor einem Jahr beim Jubiläums-Engadiner ist das Startfeld auf 14200 Plätze beschränkt. Knapp 12000 nehmen sich die Marathondistanz bis S-chanf vor, der Rest begnügt sich mit den 21 km bis nach Pontresina. Die Startplätze waren bereits Ende Januar ausverkauft. Geschäftsführer Menduri Kasper sagt:

«Wir sind logistisch am Anschlag.»

Konkret gehe es zum Beispiel um den Transport. Schon heute sind 38 Lastwagen mit den Utensilien der Läufer vom Startgelände in Maloja nach S-Chanf ins Ziel unterwegs. «Bauen wir das Rennen aus, gibt es mehr Wartezeiten.» Auch bei der Verpflegung gäbe es Engpässe. Schon heute sei es kaum möglich, für die warmen Getränke genügend heisses Wasser gleichzeitig bereitzustellen. Heute schon sind es 20 000 Liter. Eine Ausweitung des Engadiners werde zwar – auch aus finanziellen Überlegungen – immer mal wieder in Betracht gezogen. Wohl sei aber eher ein weiterer Ausbau der «Marathon-Woche» vor dem Hauptrennen denkbar. Vor drei Jahren wurde zum Beispiel der Nachtlauf drei Tage vor dem Marathon eingeführt.

Weshalb sind keine WM-Goldgewinner von Seefeld am Start?

Es gibt sie, die grossen Namen am Engadiner 2019. Dario Cologna ist dabei, und auch die vier Läufer der französischen Bronze-Staffel von Seefeld. WM-Goldmedaillengewinner sind aber keine auf der Liste zu finden. Für die Weltcup-Dominatoren aus Norwegen und Russland hat der 50-km-Lauf in Oslo höhere Priorität. Im Engadin dabei sind die beste Schweizer Distanzläuferin Nathalie von Siebenthal sowie der Vorjahressieger Roman Furger, der den Lauf wie Cologna schon drei Mal gewinnen konnte.

Weshalb geniesst der Engadiner in Skandinavien ein höheres Ansehen als zuvor?

In diesem Jahr gehört der Engadiner erstmals zur internationalen Rennserie «Ski Classics», zu der auch der Vasa-Lauf in Schweden oder das Birkebeiner-Rennen in Norwegen zählen. Die Serie ist in Norwegen und Schweden sehr beliebt, wird am TV intensiv verfolgt. Warum es so lange bis zur Aufnahme in die Serie gedauert hat? Der Skimarathon ist der erste Distanzlauf der Ski Classics, der in Skatingtechnik ausgetragen wird. Und Skandinavier sind als Klassisch-Liebhaber bekannt. Apropos TV-Übertragung: Zum ersten Mal übernimmt die SRG die Livesendung, die in 20 Ländern ausgestrahlt wird. In der Schweiz ist das Rennen live auf der SRF-Website sowie auf dem welschen und Tessiner Fernsehen zu sehen.

Warum starten die Frauen zuerst?

Auch diese Umstellung hat mit der Aufnahme des Engadiners in die Ski Classics zu tun. Den Organisatoren sei ans Herz gelegt worden, es diesbezüglich mit den ­anderen Rennen der Serie zu halten, so Kasper. Die Frauen der Elite-Kategorien starten fünf ­Minuten vor den Männern. «Was ihnen dank der verstärkten TV-Übertragungen ein internationales Schaufenster bietet», sagt Kasper.

Welchen Einfluss hat der vorgezogene Frauenstart auf das Rennen?

Für die Elite-Läuferinnen ist es kein Vorteil, wenn sie alleine losziehen müssen – zumindest was die Laufzeiten betrifft. Profitierten sie in den vergangenen Jahren stets vom Windschatten der schnellsten Männer, sind sie nun über längere Zeit auf sich alleine gestellt. Spannend zu sehen sein wird gemäss Kasper, ob und wann die Frauen vom Männerfeld eingeholt werden. Vorjahressiegerin Nadine Fähndrich kam 2018 genau viereinhalb Minuten hinter dem schnellsten Mann ins Ziel. Sie hätte den Fünfminutenvorsprung also ins Ziel gebracht. Eher ist aber damit zu rechnen, dass die Frauen taktieren und auf das Männerfeld «warten».

Welche Bedingungen sind zu erwarten?

Menduri Kasper will und kann keine Prognosen abgeben, was die Wetter- und Schneebedingungen angeht. Gestern Morgen hatte es im Engadin geregnet, am Nachmittag geschneit, in den kommenden Tagen seien aber kaum mehr Niederschläge zu ­erwarten. Was theoretisch – mit kalten Nächten und warmen Tagen sowie etwas Südwind am Sonntag – zu einem schnellen Rennen führen könne, so Kasper. Wohl ist da aber etwas Wunschdenken des Engadiner-Chefs im Sinne der vielen Läufer dabei. Meteo Schweiz zumindest kündigt derzeit auf Sonntagmorgen leichten Schneeregen an. Was wiederum für ein langsames Rennen sprechen würde. Die Lotterie für die vielen Amateurwachser wäre programmiert. Die Hektik in den Wachskellern am Samstag ebenso.

Welcher Kanton stellt die meisten Läufer?

Die Zürcher haben die Bündner überflügelt. 2018 kamen 1767 Zürcherinnen und Zürcher ins Ziel, die Bündner brachten es nur auf 1667. Bezogen auf die Einwohnerzahl sind die Einheimischen aber weiterhin Spitzenreiter (siehe Grafik). Fast jeder hundertste Bündner läuft mit. Der «Zürcher Boom» sei für ihn nicht überraschend, sagt Kasper mit einem Lachen. Langlauf liege im Trend. Und Zürcher hätten bekanntlich eine Ader für Trends. Und wer stellte 2018 die schnellsten Läufer? «Die Bündner», tippt Kasper. Er liegt falsch. Vergleicht man die Durchschnittszeiten, schwingen seit langem die Nidwaldner, Urner, Glarner und Appenzell Innerrhödler obenaus.