Bobfahrer Simon Friedli: Dem Koch fehlen noch die Pfannen

Der Solothurner Simon Friedli kommt am Wochenende zu seinem zweiten Weltcup-Einsatz – am Sonntag gleich zur EM-Premiere.

Marcel Hauck
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Bobfahrer Simon Friedli.

Bobfahrer Simon Friedli.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Simon Friedli ist ein ruhiger, besonnener Zeitgenosse. Das ist an den Lenkseilen eines bis zu 120 km/h schnellen Bobs von Vorteil. Wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und von Sponsoren zu erregen, ist Zurückhaltung hingegen nicht förderlich. Der beste Weg ins Rampenlicht der Sportbühne sind deshalb gute Resultate. Und da macht dem 28-jährigen Koch aus dem solothurnischen Derendingen kaum einer etwas vor.

Bereits in seiner ersten Saison als Pilot belegte Friedli in der Europacup-Gesamtwertung den zweiten Platz, in diesem Winter doppelte er als Dritter nach. Dabei bestritt er nur sieben von acht Wettkämpfen, ein zweiter Rang mehr hätte zum Gesamtsieg in der zweithöchsten Stufe gereicht. Damit verdiente sich der ehemalige Anschieber von Rico Peter sein Debüt im Weltcup – und raste in Königssee mit Anschieber Gregory Jones auf den beachtlichen achten Platz.

Perfekte Linie auf der EM-Bahn

Dass er nun im lettischen Sigulda schon zu seiner EM-Premiere kommt, verdankt Friedli auch seinen starken Europacup-Rennen auf der speziellen, ursprünglich für die Schlittler konzipierten Bahn. Am 18. Januar feierte er in der wegen seiner schönen Natur «Lettische Schweiz» genannten Region seinen ersten Europacup-Sieg, am Tag darauf musste er sich nur dem einheimischen Viererbob-Olympiasieger Oskars Melbardis geschlagen geben.

«Ich erwischte die perfekte Linie», sagt Friedli vor der Abreise nach Lettland. «Und ich weiss, welche Kufen hier laufen.» Er beschreibt die Bahn als «anspruchsvoll, mit engen Kurven». Deshalb wird hier auch nur mit den kleinen Schlitten gefahren. «Man muss etwas steuern und von oben bis unten dranbleiben.» Das kommt ihm als jungem Piloten entgegen. «Wir haben noch nicht das komplette Gefühl für die Kurven wie solche mit mehr Erfahrung. Es fällt uns eher schwer, nicht zu viel zu lenken.»

Bereits als Anschieber, wo er 2016 WM-Bronze gewann, wusste Friedli frühzeitig, dass er den Schritt an die Lenkseile machen wollte. Schon bevor er vor anderthalb Jahren offiziell zum Steuermann wurde, hatte er einige Trainingsfahrten absolviert. Sein ehemaliger Chef Peter steht ihm jederzeit mit Ratschlägen zur Seite. Dieser hat wieder mehr Zeit, da sich der südkoreanische Verband, für den Peter im vergangenen Winter arbeitete, seine Dienste mangels Finanzen nicht mehr leisten konnte.

Suche nach weiteren ­Anschiebern

Im Zweier ist Friedli auch auf Weltcup-Stufe konkurrenzfähig, das bewies er diese Woche in den Trainings. Etwas mehr Mühe bekundet er noch mit dem Vierer, auch mangels konkurrenzfähiger Anschieber. Zusammen mit dem Zuger Gregory Jones gehört er am Start zu den Schnellsten, bei seinem Weltcup-Debüt im Vierer musste er in Königssee aber auf zwei Hinterleute von Timo Rohner zurückgreifen. Nach der EM wird er auch deshalb die WM in Altenberg nur mit dem Zweier bestreiten, Rohner mit dem Vierer.

Die Suche nach zusätzlichen Anschiebern wird für Friedli nach dieser Saison oberste Priorität haben. Das ist natürlich auch eine Frage des Budgets. Während der Walliser Michael Kuonen, ein weiterer ehemaliger Anschieber, der in dieser Saison zu seinem Weltcup-Debüt kam, mit einem Budget von 150000 Franken haushalten konnte, musste Friedli mit weniger als der Hälfte auskommen. Bob ist kein Sport, um reich zu werden, sondern einer, bei dem man investieren muss.

Der ehemalige Leichtathlet arbeitet zu 40 Prozent als Koch bei Bell, wobei er seine Zeit so einteilen kann, dass er im Winter quasi als Bob-Profi unterwegs ist. In seinem Fall gilt das Sprichwort, das zu viele Köche den Brei verderben, definitiv nicht. Im Gegenteil: Er braucht weitere (Hilfs-)Köche – beziehungsweise Pfannen –, mit denen er arbeiten kann. Um die zu finden, wäre Zurückhaltung aber der falsche Weg.