Trainer Misha Kaufmann: Der akribische Schaffer aus dem Aargau

Der HC Kriens-Luzern gastiert am Sonntag (16 Uhr) bei Suhr Aarau zum Spitzenkampf. Der Gegner mit Trainer Misha Kaufmann ist auf dem Vormarsch.

Stephan Santschi
Drucken
Teilen

Die Situation war ungewohnt am letzten Mittwoch. Suhr Aarau verlor den Cup-Achtelfinal bei den Kadetten Schaffhausen mit 17:26. Das allein ist noch keine Überraschung, die Art und Weise des Scheiterns indes schon. «Schaffhausen spielte kampfstark und mannschaftlich geschlossen, schlug uns also mit unseren eigenen Attributen», bemerkte Misha Kaufmann, und der Trainer der Aargauer hielt fest: «Meine Spieler hatten nicht den Kampfgeist, den es bei einer Partie, in der es um Siegen oder Fliegen geht, braucht. Diese Mentalität sollte ich ihnen vermitteln können, also nehme ich diese Niederlage auf meine Kappe.»

Trainer Misha Kaufmann: «Man muss authentisch sein, dann hat man Erfolg.»

Trainer Misha Kaufmann: «Man muss authentisch sein, dann hat man Erfolg.»

Bild: Alexander Wagner (Endingen, 22. August 2020)

Halbe Sachen, die gibt es nicht bei Misha Kaufmann. Wenn er etwas tut, dann macht er es mit vollem Einsatz und viel Herzblut. Mit dieser Arbeitseinstellung hat er Suhr Aarau 2016 als Captain in die NLA geführt. Danach wechselte er direkt an die Seitenlinie, formte den Aufsteiger sogar zu einem Spitzenteam. Am Sonntag, im Heimspiel gegen Leader Kriens-Luzern (16 Uhr, Schachen), darf deshalb ein Duell erwartet werden, in dem die Fetzen fliegen. Denn auch die Zentralschweizer gehen in der Regel nicht minder konsequent ans Werk. «Goran Perkovac leistet überragende Arbeit, in Kriens wird sehr vieles richtig gemacht. Man muss authentisch sein, dann hat man Erfolg», sagt Misha Kaufmann.

Angesprochen auf den eigenen Erfolg, nennt der 36-jährige Solothurner mehrere Aspekte. Die taktische Flexibilität, die aggressive und offensive Deckung. Der gute Mix aus Akteuren der eigenen Juniorenabteilung und starken Ausländern wie dem slowakischen Kreisläufer Martin Slaninka, dem tschechischen Flügel David Poloz, dem serbischen Goalie Dragan Marjanac oder den portugiesischen Rückraumspielern Diogo Oliveira und João Ferraz. Und die Kontinuität einer Auswahl, die in den letzten Jahren organisch gewachsen ist. «Am meisten verändert hat sich die Mentalität der Spieler», sagt Kaufmann. «Den Unterschied machen die Details. Und wer bereit ist, die Details zu verändern, der hat das System verstanden.»

35 Stunden vor dem Laptop – ohne Unterbruch

Kaufmann fordert viel von seinen Spielern, sein Umgangston ist direkt, zuweilen schroff, aber es geht immer um die Sache, nie um die Person. Diese Leidenschaft lebt er vor. In englischen Wochen mit drei Partien innerhalb von sieben, acht Tagen gibt es für ihn nicht viel Schlaf. Dann kommt es sogar vor, dass er 35 Stunden ohne Unterbruch vor dem Laptop sitzt, um Spiele und Gegner zu analysieren. Jüngstes Produkt seiner Kreativität ist das Pressing in der zweiten Offensivwelle des Gegners. Anstatt sich an den eigenen Kreis zurückzuziehen, wird wie im Fussball oder Basketball nach dem Ballverlust ein Gegenpressing aufgezogen, um dem Kontrahenten die Anspielstationen zu nehmen. «Irgendjemand hat vor 150 Jahren mal gesagt, dass man im Handball von der einen Seite zur anderen rennt, den Raum dazwischen aber nicht braucht. Ich fragte mich: Wieso?»

Mittlerweile gehört Suhr Aarau in der NLA zur gehobenen Klasse. Letzte Saison stand die Mannschaft im Cupfinal, die Chance auf den grossen Coup gegen die Kadetten Schaffhausen vereitelte aber der viral bedingte Saisonabbruch. Entsprechend geladen starteten seine Spieler in die Vorbereitung, «wir haben ein klares Bild im Kopf, wir werden nachholen, was uns genommen worden ist», sagte Kaufmann im vergangenen Mai.

Das erste Ausrufezeichen setzten die Aargauer Ende August, als sie Schaffhausen im Supercup mit 25:20 schlugen und ihren ersten Titel seit 20 Jahren holten. Und Kaufmann macht im Aargau Hoffnung auf mehr, wenn er sagt: «Diesen Erfolg habe ich nicht mehr im Kopf. Der Blick in die Vergangenheit bremst uns auf dem Weg in die Zukunft.»

Mehr zum Thema