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Der australische Tennis-Fluch

1976 gewann letztmals ein Einheimischer in Melbourne. Die jetzige Generation sorgt vor allem für Skandale. Wie sich die stolze und einflussreiche Tennisnation Australien selbst zerfleischt.
Simon Häring, Melbourne
In der Startrunde ausgeschieden: Meist fällt der Australier Bernard Tomic neben dem Platz mehr auf. (Bild: Lukas Coch/EPA (Melbourne, 14. Januar 2019))

In der Startrunde ausgeschieden: Meist fällt der Australier Bernard Tomic neben dem Platz mehr auf. (Bild: Lukas Coch/EPA (Melbourne, 14. Januar 2019))

Wenn Bernard Tomic (26) sich vor ein Mikrofon setzt, droht immer die nächste hässliche Geschichte, die nächste Eskalation, ein weiterer Tiefschlag für das australische Tennis. Am Montag scheiterte der einst Hochgelobte in der Startrunde. Doch für Gesprächsstoff sorgte er dennoch, indem er Davis-Cup-Captain Lleyton Hewitt, einst die jüngste Nummer eins der Welt, frontal angreift: «Niemand kann ihn mehr leiden. Er hat das System zerstört.» Er behauptete, auch Nick Kyrgios und Thanasi Kokkinakis würden unter Hewitt nicht mehr spielen wollen, und forderte diesen dazu auf, den Hut zu nehmen. «Vor zwei Jahren habe ich gesagt: Wenn er noch einmal versucht, mit mir zu reden, haue ich ihm eine rein.» Ihn irritiert, dass der 2016 zurückgetretene Hewitt noch regelmässig im Doppel spielt.

Tomic war einmal die Nummer 17 der Welt, doch ernst nimmt ihn längst keiner mehr. Einmal antwortete er auf die Frage, was er nach einer Niederlage mache: «Meine Millionen zählen.» Australiens Verband zählt zu den mächtigsten und reichsten der Welt. Wie in Frankreich oder Grossbritannien wachsen die Talente mit dem goldenen Löffel im Mund auf. Es macht genügsam. Tomic sagte einmal: «Wer würde es nicht lieben, nur 50 Prozent leisten zu müssen und trotzdem Millionen von Dollar damit zu verdienen?» Tomic, der 2018 ­einen vielbeachteten Auftritt im australischen Dschungelcamp hatte, steht beispielhaft für den Fluch, der über dem australischen Tennis liegt.

Nick Kyrgios hat Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic besiegt, kokettiert aber regelmässig damit, das Tennis nicht zu lieben. John McEnroe bezeichnete ihn einmal als «blaues Auge des Tennis». Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er einst Stan Wawrinka auf dem Platz beleidigte, indem er sagte, Landsmann Thanasi Kokkinakis habe eine Affäre mit Wawrinkas Freundin Donna Vekic. Abgesehen von einem Disput mit Lleyton Hewitt wegen einer Nichtberücksichtigung im Davis-Cup ist der Leumund des besagten Kokkinakis einwandfrei. Er, der im letzten Jahr Federer besiegte, ist nur darum nicht besser klassiert, weil er oft verletzt war. Gleichwohl entzündeten sich auch an ihm Diskussionen, weil drei schlechter klassierte Australier eine Wildcard erhalten hatten.

Viele Junioren-Grand- Slam-Turnier-Sieger

Das Haar schütter, die Nase verbrannt, die Wangen aufgedunsen. Das Leben hat im Gesicht von Todd Reid tiefe Spuren hinterlassen. Das Video vom 13. Oktober 2018 geistert noch immer durch die Weiten des Internets. Dabei war Reid zehn Tage später tot. Er wurde nur 34, die Todesursache ist bis heute ungeklärt. 2002 gewann Reid in Wimbledon das Turnier der Junioren. 2004 spielte er in Melbourne in der dritten Runde gegen den späteren Sieger: Roger Federer. Er schaffte es bis auf Rang 105 der Weltrangliste. Doch das Pfeiffer’sche Drüsenfieber beendete seinen Aufstieg. 2005 trat Reid zurück.

Sieben Australier gewannen seit 2007 ein Junioren-Grand-Slam-Turnier, keiner von ihnen reüssierte auch bei den Professionals. Omar Jasika (21) gewann 2014 die US Open. Vor einem Jahr wurde er positiv auf Kokain getestet und für zwei Jahre gesperrt. Seither ist er untergetaucht. Oliver Anderson (21) triumphierte 2016 in Melbourne. Im gleichen Jahr gab er zu, dass er sich von der Wettmafia hatte kaufen lassen. Er wurde gesperrt. Zwar dürfte Anderson längst wieder Turniere bestreiten, doch auch von ihm fehlt jede Spur. Gleich zwei Junioren-Grand-Slam-Turniere gewann Luke Saville. Er schaffte es nie in die Top 100, ist heute 25-jährig, wird auf Position 365 geführt und sorgte letztmals für Schlagzeilen, weil er seiner Freundin Daria Gavrilova einen Heiratsantrag gemacht hatte.

Biederer Hoffnungsträger

Kurz vor seinem Tod wurde Todd Reid zum Zustand des australischen Tennis befragt. Er zeigte sich besorgt darüber, dass Spieler wie Tomic und Kyrgios ihr Talent wegwerfen würden, doch er hatte auch Hoffnung. «Sie sind immer noch jung.» Hoffnung, auf den ersten australischen Sieg in Melbourne seit Mark Edmondson 1976. Seit Mittwoch ruhen diese ausschliesslich auf den schmalen Schultern des 19-jährigen Alex De Minaur (ATP 29). Der Sohn einer Spanierin und eines Uruguayers gewann jüngst in Sydney sein erstes Turnier, nimmt zwar Boxunterricht, wirkt aber noch jünger, als er ist. Er hat weder Tattoos noch eine extravagante Frisur, noch ist er ein Lautsprecher. Einige halten ihn für bieder, doch er verkörpert das, was australische Spieler früher ausgezeichnet hatte – auffällig auf dem Platz, unauffällig daneben. Am Mittwoch setzte er sich in fünf Sätzen gegen den Schweizer Henri Laaksonen durch. De Minaur, so sieht es das Drehbuch vor, soll in diesem Trauerspiel die Ausnahme werden, welche die Regel bestätigt. Die Regel, dass Australiens Talente irgendwann scheitern.

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