Daniel Yules Erfolg in Adelboden ist mehr als ein Weltcupsieg - es ist ein Schweizer Befreiungsschlag

Daniel Yule beendet mit seinem Slalomsieg die 12-jährige Schweizer Durststrecke in Adelboden.

Claudio Zanini aus Adelboden
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Daniel Yule hält dem Druck im 2. Lauf stand: «Ich habe es genossen, dass alle Augen auf mich gerichtet sind.»

Daniel Yule hält dem Druck im 2. Lauf stand: «Ich habe es genossen, dass alle Augen auf mich gerichtet sind.»

Bild: Marco Tacca/AP (Adelboden 12. Januar 2020)

Daniel Yule, 26, stammt nicht aus einer klassischen Skifamilie. Sein Vater Andrew ist Engländer, seine Mutter Anita ist Schottin. Sie lernten sich im Unterwallis, in Orsière, während den Ferien kennen. Und sie verliebten sich. Ineinander, in den Ort, in die Region, in das Land. 1993 kam Daniel auf die Welt, er ist das mittlere von drei Kindern. Seine Eltern hätten gewusst, «was Skifahren ist», sagt Yule am Sonntag nach seinem Slalomsieg in Adelboden. Und weiter:

«Aber wenn ich zu Hause etwas vom Material erzähle, merke ich, dass sie nicht wirklich wissen, wovon ich rede.»

Als Yule 2008 schliesslich den Schweizer Pass erhält, gewinnt Marc Berthod den Riesenslalom am Kuonisbergli.

Daniel Yule debütierte 2012 im Weltcup. Seine Premiere fiel in eine Zeit, in der die Schweizer in den technischen Disziplinen nicht zur Weltspitze gehörten. Beim heimischen Klassiker in Adelboden dehnte sich die Baisse aus. Auch Yule versuchte sich am Kuonisbergli ab 2013, ohne durchschlagenden Erfolg. Besser als Achter war er nie.

Die Rennen in den technischen Disziplinen können gnadenlos sein. Oft sind es Lappalien, die darüber entscheiden, ob ein Resultat enttäuschend oder überragend ist. An diesem Wochenende erlebten die Schweizer beide Extreme. Am Samstag tauchten sie im Riesenslalom. Der Bestklassierte, Loïc Meillard, schaffte es auf Rang 17. Es ist ein Resultat, das die wahre Grösse des Riesenslalom-Teams, das auf Leader Marco Odermatt verzichten musste, nicht widerspiegelt.

Die 17 Schweizer Slalom-Siege im Weltcup: 

12. Januar 2020: Daniel Yule gewinnt den Slalom in Adelboden. Damit geht eine lange Durststrecke zu Ende: Es ist der erste Schweizer Slalomsieg am Chuenisbärgli seit 2007, als Marc Berthod überraschend triumphierte.
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8. Januar 2020: Vier Tage zuvor gelang Daniel Yule in Madonna di Campiglio bereits ein grosser Coup: Mit seinem zweiten Weltcup-Sieg in Slalom – den ersten holte er ein Jahr zuvor ebenfalls in Madonna – schloss er zu den Rekordhaltern Plaschy, Zurbriggen und Giovanoli (alle 2 Slalom-Siege) auf.
10. März 2019: Im Slalom von Kranjska Gora schafft Ramon Zenhäusern zum ersten Mal den Sprung nach ganz oben in dieser Disziplin, und das auf eine eindrücklich Art und Weise: Mit über einer Sekunde Vorsprung verwies er Henrik Kristoffersen und Marcel Hirscher auf die Plätze zwei und drei.
22. Dezember 2018: Erster Weltcup-Sieg für Daniel Yule. Der Walliser beendete eine lange Durststrecke, denn der letzte Schweizer Slalom-Sieg ist über 11 Jahre her.
11. November 2007: Der 23-jährige Bündner Marc Gini gewann bei dichtem Schneetreiben auf der Reiteralm. Es blieb sein einziger Sieg, 2017 gab er seinen Rücktritt bekannt.
7. Januar 2007: Unvergessen bleibt er, der Triumph von Marc Berthod am Chuenisbärgli. Mit der Startnummer 60 gestartet, schlüpft er als 27. gerade noch knapp in den zweiten Lauf. Dort gelang ihm der Lauf seines Lebens. Er stellte eine Zeit auf, an denen sich die Konkurrenz die Zähne ausbiss – und die schliesslich zum Sieg reichte.
21. Dezember 1999: Didier Plaschy, heutiger SRF-Experte, gewann in seiner Slalom-Karriere zwei Weltcup-Rennen. Eines davon in Kranjska Gora ...
23. November 1999: ... und eines in Beaver Creek. Plaschy war auf amerikanischem Schnee nicht zu schlagen und feierte mit fast einer Sekunde Vorsprung den ersten Slalom-Erfolg für die Schweiz seit acht Jahren.
30. November 1991: Seine erfolgreichste Saison hatte Paul Accola 1991/92, als er sämtliche sieben Weltcupsiege seiner Karriere errang und den Gesamtweltcup für sich entschied. Dazu gehörte der Slalom-Sieg in Breckenridge. (Im Bild: Rennen in Saalbach)
18. Januar 1987: Der Schweizer Joel Gaspoz (zweiter von links) konnte sich über den Sieg im Lauberhorn-Slalom freuen. Pirmin Zurbriggen, ganz rechts, gewann die Kombination.
10. Dezember 1984: Pirmin Zurbriggen war einer der herausragendsten Ski-Athleten in den 80er Jahren. Im Slalom konnte er zwei Weltcupsiege verbuchen – in Sestriere und am 23. Februar 1986 in Are. Damit blieb die Disziplin jene, in welcher er am wenigsten Weltcup-Siege einfuhr (Abfahrt 10, Super-G 10, Riesenslalom 7, Kombination 11)
28. Januar 1979: Peter Lüscher (hier im Riesenslalom) gewann in seiner Karriere sechs Weltcuprennen – eines davon im Slalom – und 1978/79 den Gesamtweltcup. Den Slalomsieg fuhr er in Garmisch-Partenkirchen ein.
13. Dezember 1978: Martial Donnet (links) holte in Madonna seine ersten Weltcuppunkte, als er völlig überraschend vor Peter Lüscher gewann. In der darauffolgenden Saison lief es ihm nicht mehr nach Wunsch, 1980 trat er zurück.
17. Februar 1969: Edmund Bruggmann gewann in Kranjska Gora sein einziges Slalom-Rennen. Noch stärker war er im Riesenslalom (im Bild) mit 4 Weltcup-Siegen. Bruggmann verstarb im Alter von 71 Jahren.
14. Januar 1968: Dumeng Giovanoli hatte seine erfolgreichste Zeit Ende der 1960er Jahre. Der erste Sieg im Skiweltcup gelang ihm im Slalom von Wengen. Am 21. Januar 1968, eine Woche später, gewann er in Kitzbühel erneut. Damit reiste Giovanoli als einer der Favoriten zu den Olympischen Winterspielen nach Grenoble.

12. Januar 2020: Daniel Yule gewinnt den Slalom in Adelboden. Damit geht eine lange Durststrecke zu Ende: Es ist der erste Schweizer Slalomsieg am Chuenisbärgli seit 2007, als Marc Berthod überraschend triumphierte. 

Peter Klaunzer / Keystone

Wann sollte die Durststrecke enden, wenn nicht jetzt?

Am Sonntag lief es so, wie es in Adelboden grundsätzlich angedacht wäre. Das Schweizer Skifest fand nicht nur an den Tresen und in den Partyzelten statt, sondern erstmals seit 2008 wieder auf der Piste und im Stadion. Es war ein Befreiungsschlag. Mit der nötigen Dringlichkeit, die es auf diesem Niveau braucht, um sich einen Podestplatz zu erkämpfen. Walter Reusser, der neue Alpin-Direktor von Swiss-Ski, sagte im Vorfeld:

«Sie müssen fahren wie die Wahnsinnigen, wenn es nach vorne reichen sollte.» 

Und sie fuhren wie die Wahnsinnigen. Als wollten sie die Blockade von Adelboden nachhaltig ausradieren. Vier Schweizer standen nach dem ersten Durchgang in den Top 5. Einzig Clément Noël, der Slalom-Künstler aus Frankreich, sprengte die Schweizer Gruppe mit seinem zweiten Zwischenrang. Daniel Yule (1.), Ramon Zenhäusern (3.), Tanguy Nef (4.) und Loïc Meillard (5.) lagen auf vielversprechenden Positionen. Wann sollte diese Durststrecke denn enden, wenn nicht jetzt?

«Es braucht drei bis vier Athleten, die gewinnen können, damit dann tatsächlich einer vorne steht», prophezeite Walter Reusser. Er sollte Recht behalten. Von den vier Podestkandidaten schaffte es letztlich nur Daniel Yule nach vorne. Meillard lag bei der dritten Zwischenzeit immer noch in Führung, fiel aber weit zurück. Nef war ebenfalls gut unterwegs, schied jedoch aus. Zenhäusern, der mit den Folgen einer Magen-Darm-Grippe kämpfte («Ich habe mich nicht getraut, auf die Waage zu stehen»), landete auf dem dritten Platz, als noch Clément Noël und Daniel Yule oben standen. Der Schweizer Podestplatz war noch nicht gesichert.

Mit dem Kopf Geld verdienen – nicht mit den Füssen

Wenn im Vorfeld von Adelboden die Durststrecke thematisiert wurde, tauchte auch die Frage nach der mentalen Stärke der Schweizer auf. Gut im Rennen zu liegen, ist das eine. Den Vorsprung über den steilen Zielhang zu retten, das andere. Yule aber zeigte sich nervenstark. Als er als Letzter im Starthaus stand, habe er gewusst, dass es nun an ihm liege. «Ich habe es genossen, dass alle Augen auf mich gerichtet sind.» Schon am Mittwoch befand er sich in der gleichen Situation, als er in Madonna di Campiglio als Führender in den zweiten Durchgang musste. Auch dort hielt er dem Druck stand. Nach Madonna und Adelboden steht er nun bei drei Weltcupsiegen im Slalom. So viel hat kein anderer Schweizer.

Sein Vater habe ihm immer zu verstehen gegeben, dass er eher mit dem Kopf als mit den Beinen sein Geld verdienen werde. «Er verlangte, dass ich mindestens zur Schule gehe, bis ich 18 bin.» Gepusht hätten sie ihn nie, «das habe ich sehr geschätzt.»

Am Sonntag waren die Eltern auch unter den Zuschauern in Adelboden. Wohl hätten sie nie gedacht, dass ihr Sohn einmal Schweizer Skigeschichte schreiben würde, als sie sich im Unterwallis kennen lernten.

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