Rio 2016
Der Delegationsleiter vergleicht die Schweizer Medaillenausbeute mit einer ausgepressten Zitrone

Delegationsleiter Ralph Stöckli freut sich über die sieben Schweizer Medaillen, hält aber auch den Mahnfinger in die Luft.

Marcel Kuchta
Merken
Drucken
Teilen
Ralph Stöckli ist mit dem bisherigen Olympia-Abschneiden der Schweizer sehr zufrieden.

Ralph Stöckli ist mit dem bisherigen Olympia-Abschneiden der Schweizer sehr zufrieden.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Swiss Olympic bringt sieben Medaillen aus Rio mit nach Hause. Da gibt es kaum Grund zur Klage...
Ralph Stöckli: Für uns waren es extrem schöne Olympische Spiele mit wunderbaren Geschichten. Wir haben mit einem Feuerwerk angefangen und schlossen nun dank Nicola Spirigs Silber- und Nino Schurters Goldmedaille mit einem weiteren Feuerwerk ab.

Aber es gab auch die weniger erfreulichen Geschichten.
Ja. Ich sage immer: An Olympischen Spielen gibt es zwei Gesichter: das gute und das böse. Sowohl von den Fechtern, als auch von Reitern wie auch von Jolanda Neff haben wir alle mehr erwartet – vor allem die Athleten von sich selbst.

Was war für Sie der schönste Aspekt an den sieben Medaillen?
Ich stufe vor allem die Vielfalt der Sportarten, in denen wir erfolgreich waren, als sehr bemerkenswert ein. Wir holten in Weltsportarten Medaillen und mussten uns nicht auf Spezialdisziplinen verlassen, wie das bei anderen Ländern der Fall ist. Hier wurde Ausserordentliches geleistet.

Heidi Diethelm zielt – schiesst – und trifft. Die 47-jährige Kauffrau begann erst 2003 mit dem Schiessen. Fünf Jahre später stieg sie bereits ins Nationalkader ein.
14 Bilder
Mit ihrer Bronzemedaille im Sportpistole 25 Meter brach sie schon am vierten Tag den Edelmetall-Fluch für die Schweiz. Sie gewann 2014 sowohl die Schweizer- als auch den Weltcup mit der Sportpistole. Ausserdem 2013 die Europameisterschaften.
Nur ein Tag später tritt Fabian Canellara zu seinem letzten Rennen an. Der 35-Jährige gewann bereits 2008 die Olympische Goldmedaille im Zeitfahren – und war von 2006 bis 2010 vier Mal Weltmeister im Zeitfahren.
Er überzeugt vollkommen und beschert der Schweiz Olympia-Gold. Zwischen Ihm und dem Zweitplatzierten, Tom Dumoulin, lagen stolze 47 Sekunden.
Der Schweizer Leichtgewichts-Vierer rudert sich tags darauf zu einer weiteren Gold-Medaille. Noch vor vier Jahren, an den Olympischen Spielen in London, lag das Ruderteam lediglich auf Platz fünf.
Lucas Tramèr, Mario Gyr, Simon Schürch und Simon Niepmann holen damit die dritte Medaille für die Schweiz. Für den Schweizerischen Ruderverband ist es jedoch bereits die siebte Goldene die sie von den Olympischen Spielen mit nach Hause nehmen kann.
Trotz des frühen Out von Timea Bacsinsky im Einzel, zeigte sie im Doppel, zusammen mit Martina Hingis, eine solide Leistung. Nachdem Hingis ursprünglich mit Bencic im Doppel und mit Roger Federer im Mixed antreten hätte sollen – beide aber verletzungsbedingt Forfait gaben – Bacsinsky rückte als Doppel-Partnerin nach.
Auch wenn sie sich im Finale gegen Russland geschlagen geben müssen, so bleibt ihnen trotzdem eine Silbermedaille für die Schweiz. Hingis gewann in ihrer langen Karriere, abgesehen vom French Open im Einzel, jedes der vier Grand Slam-Turniere – sowohl im Einzel, im Doppel als auch im Mixed. Für Bacsinsky ist der zweite Platz an den Olympischen Spielen der bisherige Karriere-Höhepunkt.
Turn-Sternchen Giulia Steingruber qualifiziert sich gleich für drei Finals. Bei ihrer Paradedisziplin, dem Sprung, springt sie auf den Schweizer Turnolymp. Nachdem sie bereits zwei Europameister-Titel an der heimischen Meisterschaft in Bern holte – am Sprung und am Boden – waren die Erwartungen an Steingruber hoch.
Sie holt das erste Olympia-Edelmetall im Turnen seit 1996 – und ist die erste Turnerin, welche an den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnt. Die Turnerin durfte bereits bei den Eröffnungsspielen die Schweizer Fahne tragen und zeigte, abgesehen von zwei Stürzen am Sprung, eine sehr solide Leistung an den Olympischen Spielen in Rio.
In Rio musste sich Nicola Spirig nur gegen die US-Amerikanerin Gwen Jorgensen geschlagen geben. Ihren ersten Titel gewann die Zürcherin bereits 1999: Sie gewann die ETU Europameisterschaft in Portugal. Ausserdem gewann Spirig 2001 den Junioren-Weltmeistertitel sowie 2003 den U23-Weltmeistertitel. Von 2009 bis 2015 wurde sie nochmals fünf Mal Europameisterin.
Sie konnte zwar nicht an die Leistungen aus London 2012 anknüpfen, dort gewann sie Gold, zeigte trotz allem eine herausragende Leistung. Mitstreiterin Jolanda Annen erreichte einen starken 14. Rang.
Schon vor dem Rennen wurde bekannt gegeben, dass Mountainbiker Nino Schurter die Schweizer Fahne an der Schlussfeier tragen wird. Doch nicht nur deswegen hatte er Grund zu Jubeln.
Nach Bronze 2008 in Peking, Silber 2012 in London, was fehlte da? Richtig. Gold in Rio! Die Schweiz hat somit an den Olympischen Spielen in Rio drei Mal Gold, zwei Mal Silber und zwei Mal Bronzemedaillen gewonnen.

Heidi Diethelm zielt – schiesst – und trifft. Die 47-jährige Kauffrau begann erst 2003 mit dem Schiessen. Fünf Jahre später stieg sie bereits ins Nationalkader ein.

KEYSTONE/AP/EUGENE HOSHIKO

Man sagt ja immer, Medaillen erzählen nicht die ganze Geschichte, trotzdem zählt am Ende doch am meisten der Blick auf die Edelmetall-Bilanz.
Es ist so: Die kleinen (Erfolgs-)Geschichten kann man in der Schweiz einer kleinen Fangemeinde erzählen. Aber auf der grossen Bühne zählen die Medaillen. Sie sind auch für das «Wir-Gefühl» in unserem Land wichtig.

Der Steigerungsraum ist knapp bemessen. Wo sehen Sie überhaupt noch Luft nach oben?
Die Zitrone ist ausgepresst. Wenn ich sehe, mit welchen Möglichkeiten andere Delegationen hier in Rio operiert haben, dann existieren riesige Unterschiede zu uns. Bei uns kochte der Rad-Nationalcoach die Pasta für die Athleten selber. Andere Nationen hatten eigene Ernährungsberater dabei. Uns fehlen dazu die Mittel. Deshalb muss sich gerade der Bund dringend Gedanken machen, wie es punkto Spitzensportförderung in unserem Land weitergehen soll.