Der Diktator und die Schützenhilfe aus der Sportfamilie - Wie Weissrusslands Alexander Lukaschenko den Sport instrumentalisiert

Längst hat Präsident Alexander Lukaschenko in Weissrussland jeglichen Rückhalt verloren. Nur die Sportfamilie tut sich schwer, sich gegen den letzten Diktator Europas zu positionieren. Zu viel steht auf dem Spiel.

Simon Häring
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Alexander Lukaschenko zu Beginn der Corona-Pandemie bei seiner Lieblingssportart: «Auf dem Eis gibt es keine Viren.»

Alexander Lukaschenko zu Beginn der Corona-Pandemie bei seiner Lieblingssportart: «Auf dem Eis gibt es keine Viren.»

Bild: Andrei Pokumeiko / AP

Es ist einsam und ruhig geworden um Aleksander Lukaschenko, den Mann, der in Weissrussland an der Macht festhalten will, obschon er kaum mehr Rückhalt geniesst – nicht bei den Nachbarn, nicht bei Sicherheitskräften, schon gar nicht bei der Bevölkerung, die seit Wochen für ein Ende des seit 1994 herrschenden Regimes des «letzten Diktators Europas», wie ihn ausländische Politbeobachter nennen, demonstriert. Jüngst forderte sogar der Lukaschenko wohl gesinnte Vladimir Putin den weissrussischen Machthaber dazu auf, den Dialog mit der Bevölkerung zu suchen.

Langjährigen, wenn auch zweifelhaften Rückhalt geniesst der 65-Jährige hingegen in der Sportfamilie. «Möge das Feuer, so wie das nationale belarussische Symbol – die Farnblüte – unsere Herzen mit dem Licht des Guten erwärmen, und zu edlen Taten inspirieren im Namen des Friedens auf der Welt!» Mit diesen Worten eröffnete Lukaschenko im Juni 2019 die zweiten Europaspiele in der Hauptstadt Minsk, Kontinentalwettkämpfe unter der Schirmherrschaft des Internationalen Olympischen Komitees. Doch echter Frieden herrscht in Weissrussland schon lange nicht mehr.

Lippenbekenntnisse von Azarenka und Domratschewa

Unter den Protestierenden finden sich auch vereinzelte Sportler. Wie der ehemalige Fussballer Jewgeni Kostjukewitsch. «Wir wollen keinen Krieg. Aber wir müssen uns zusammenschliessen, damit die Regierung aufhört, ihr eigenes Volk zu ermorden», sagte er zur ARD-Sportschau. Doch viele international bekannte Athletinnen und Athleten, die längst nicht mehr in Weissrussland leben, geben nicht mehr als Lippenbekenntnisse ab. Tennis-Spielerin Viktoria Asarenka zum Beispiel. Oder die Ex-Biathletin Darja Domratschewa, vierfache Olympia-Siegerin und «Heldin von Belarus».

Tennisspielerin Victoria Azarenka will einfach, dass es aufhört.

Tennisspielerin Victoria Azarenka will einfach, dass es aufhört.

Bild: Frank Franklin Ii / AP

Sie fordern die meist friedlichen Demonstranten und Sicherheitskräfte zum Gewaltverzicht auf. Doch von Solidarität mit den Landsleuten, oder gar Kritik an Lukaschenko ist keine Rede. In New York auf die Situation in Weissrussland angesprochen, sagte Azarenka: «Es ist sehr traurig, nicht dort zu sein, und die Situation zu verstehen.» Sie könne nicht darüber reden, ohne in Tränen auszubrechen. «Ich hoffe einfach, dass es aufhört.» Konkreter wird es nicht. Aus Furcht vor Repressalien? Oder vielleicht auch deshalb, weil Lukaschenko über den Sport schon immer seine schützende Hand gelegt hat, und ihn für politische Zwecke instrumentalisierte.

Immerhin formieren sich nun langsam einzelne Sportler zu einer Front des Widerstands. Über 350 Vertreter des belarussischen Sports haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie Neuwahlen und die Freilassung der Festgenommenen fordern. Das hat Konsequenzen: Lukaschenko hat bereits etwa 20 Unterzeichnern gekündigt.

Eishockey und Wodka gegen die «Corona-Psychose»

Seit 1997 ist Lukaschenko auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Vom Europäischen Olympischen Komitee erhielt er vor Jahren eine Auszeichnung für seinen «herausragenden Beitrag zur olympischen Bewegung». Und zu Beginn der Corona-Pandemie, die er als «Psychose» bezeichnete, wagte sich der Eishockeyfan mit seiner barocken Figur aufs Glatteis (ein Hobby, das er mit Wladimir Putin teilt) und sagte danach, auf dem Eis gebe es keine Viren. Sport, vor allem Eishockey, sei die beste «Anti-Viren-Medizin». Oder Wodka. Der töte unliebsame Viren ab.

Beim Internationalen Olympischen Komitee IOC versteckt man sich gerne hinter der Floskel, wonach Sport und Politik getrennt werden müssten. Und so tut man sich auch in diesem Fall schwer, sich für Menschenrechte und gegen Autokraten auszusprechen, die den Sport für ihre Zwecke missbrauchen. Auf Anfrage heisst es:

«Das IOC hat weder das Mandat, noch die Fähigkeit, die Gesetze oder das politische System eines souveränen Landes zu ändern, und wird sich daher nicht zu den politischen Entwicklungen äussern.»

Zu viel steht auf dem Spiel. Mal wieder.

Grenzen zwischen Politik und Sport verschwimmen

Der europäische Fussballverband, die Uefa, will im März 2021 in Minsk tagen. Man sei politisch neutral, zudem werde der Kongress nicht von der weissrussischen Regierung organisiert, sondern von der Uefa, heisst es auf Anfrage dieser Zeitung, «mehr gibt es dazu nicht zu sagen». Was nicht der Wahrheit entspricht. Denn Gastgeber ist der belarussische Verband. Dessen Präsident heisst Wladimir Bazanov, der im Repräsentantenhaus des weissrussischen Parlaments sitzt. Er löste 2019 Sergei Roumas ab, bis vor wenigen Wochen noch Ministerpräsident unter Lukaschenko. Die Wege zwischen Politik und Sport sind kurz, die Grenzen verschwimmen.

Lieblingssport Lukaschenkos ist aber das Eishockey. Da trifft es sich gut, dass Weissrussland im Frühling 2021 mit Lettland Co-Gastgeber der Weltmeisterschaften ist (und in Minsk unter anderem auf die Schweiz trifft). Ob der internationale Eishockeyverband IIHF an diesen Plänen festhält, und wie man sich auf die Gegebenheiten einstellen kann und will, bleibt auf Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet. Nach dem Motto: Beisse nicht die Hand, die dich füttert. Bei Autokraten gibt sich der Sport mit seinem Pochen auf Autonomie flexibel. Und macht sich damit mitschuldig.

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