Der elektronische Torbeweis kommt

Die Regelhüter öffnen der Moderne die Türe und nehmen die «Torlinientechnologie» auf – der Raum für Spekulationen schliesst sich damit nicht.

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Der «Treffer» Lampards im WM-Spiel von England gegen Deutschland. (Bild: Youtube)

Der «Treffer» Lampards im WM-Spiel von England gegen Deutschland. (Bild: Youtube)

Benjamin Steffen, Zürich

Die Geschichte des Fussballs ist alt, weltumspannend und frei von allzu harschen Veränderungen im Reglement. Was alt und weltumspannend werden konnte, soll geschützt werden, sagen sich die Hüter des Regelbuchs, die acht Mitglieder des International Football Association Board (Ifab). Den Ifab bilden vier Mitglieder des Weltfussballverbandes (Fifa) und je ein Vertreter der Verbände von England, Schottland, Nordirland und Wales. Wo der Fussball zur Welt kam, soll sein Schicksal ein Leben lang bestimmt bleiben: im Schoss der Mutter. «Ja, wir sind konservativ und vorsichtig», sagte der Nordire Patrick Nelson am Donnerstag, denn die Entscheidungen des Ifab sollten stichhaltig und langfristig sein.


«Als Vermächtnis»

Als wollten die Hüter des Regelbuchs unterstreichen, dass sie keinen Entscheid leichtfertig fällen, baten sie mit zweistündiger Verspätung zur Pressekonferenz, an der sie von ihrem neusten Kapitel erzählten. Ein neues Wort soll in die Fussballersprache einfliessen: Torlinientechnologie. Im März 2012 hatten die Regelhüter einen entsprechenden Grundsatzentscheid gefällt – und ein nicht anerkanntes, obwohl reguläres Tor der Ukrainer an der Euro bewahrte den Ifab davor, den Beschluss umzustossen. Künftig soll es erlaubt sein, Stadien mit Mitteln aufzurüsten, die den Schiedsrichtern die Frage zu beantworten helfen, ob ein Ball die Torlinie überquert hat oder nicht. 2011 war die Regeländerung noch abgelehnt worden, weil kein System die Kriterien erfüllte.



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Inzwischen sollen zuverlässige Partner gefunden worden sein. Zur Verfügung steht einerseits eine Magnet-Methode, die dem Schiedsrichter ein Signal gibt, wenn der Ball die Torlinie überquert. Anderseits kann die Kontrolle über das vom Tennis bekannte Hawk-Eye erfolgen, das dank mehreren Kameras ein dreidimensionales Bild kreiert. Das magnetische System birgt den Vorteil, dass es keine freie Sicht auf den Ball voraussetzt. Beide Methoden werden Ende 2012 getestet, wenn in Japan die Klub-WM stattfindet. Die Zertifizierung der Systeme obliegt der Fifa, die am Konföderationen-Cup 2013 und primär an der WM 2014 in Brasilien der Torlinientechnologie gänzlich vertrauen können möchte. Die Finanzierung der Systeme in den zwölf WM-Stadien übernimmt die Fifa, «und wenn sie sich bewähren, werden wir sie als Vermächtnis in Brasilien lassen», sagte der Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke. Die Kosten einer Installierung schätzt er vorerst auf knapp 200 000 Dollar.

Den Landesverbänden steht frei, die neue Technologie einzusetzen. Dennoch bleibt die Kritik, das Spiel sei nicht mehr überall dasselbe, weil sich Drittweltländer solche Investitionen nicht leisten könnten. Dazu sagte Valcke, er könne sich vorstellen, dass die ärmsten Verbände andere Probleme hätten. Der Schweizer Verband begrüsst die Neuerung, doch gelte es, Abklärungen zu treffen (etwa finanzieller Art) und die Klubs anzuhören. Vermutlich wird in der Schweiz nichts überstürzt, sondern beobachtet, ob die Technik in grösseren Ligen den Durchbruch schafft. Das hiesige Ressort Schiedsrichter plädiert zudem für den zusätzlichen Unparteiischen bei der Torlinie, den der Ifab am Donnerstag auch ins Regelbuch hievte.

Worte an Platini

Zum «Ifab Special Meeting» waren 25 Personen geladen, darunter einige Mitglieder der Fifa-Exekutive – und zwei Walliser: der Fifa-Präsident Joseph Blatter und Jean-Paul Brigger, der einstige Profi, den Blatter in die Fifa beförderte. Nicht eingeladen hingegen war Michel Platini, der Präsident des europäischen Verbandes Uefa und auch Fifa-Exekutivmitglied. Platini positionierte sich zuletzt als Technologie-Gegner. Er monierte, wenn der Technik die Tür geöffnet werde, ertöne der Ruf, auch andere heikle Szenen technisch auszuleuchten. Die Regelhüter versuchten ihn zu besänftigen – als sei zu viel Revolution auch ihnen ein Graus. Es gehe ihnen nicht um Technologie generell, sondern um, eben: Torlinientechnologie, das Küken im Fussball-Vokabular.

Dennoch bleibt Raum für Diskussionen. So ist nicht ausgeschlossen, dass nach Technik-Konsultation bald Tore anerkannt werden, denen umstrittene Situationen vorausgingen, die aber nicht visioniert werden dürfen. In der weltumspannenden Fussballgeschichte gibt es viel mehr aus Abseitspositionen erzielte Tore als Goals, die fälschlicherweise nicht anerkannt wurden.