Der etwas andere Dopingskandal: Eine Entsorgung nach russischem Drehbuch

Mit dubiosen Korruptionsvorwürfen will Moskau Antidoping-Chef Juri Ganus loswerden. Ganus hat in den letzten zwei Jahren viel für die Rückkehr zu einer glaubwürdigen Dopingbekämpfung in Russland getan. Jetzt geht es unter anderem um Taxispesen und als Geschäftsreisen getarnte Urlaube.

Rainer Sommerhalder
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Russlands Dopingskandal rund um den Olympischen Sport schreibt ein weiteres Kapitel (Foto: AP, 23. Februar 2014 in Sotschi).

Russlands Dopingskandal rund um den Olympischen Sport schreibt ein weiteres Kapitel (Foto: AP, 23. Februar 2014 in Sotschi).

Dmitry Lovetsky / AP

Seit dem Dopingskandal rund um die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi steht der russische Sport unter Generalverdacht. Jetzt schreibt die Saga um Betrug und Vertuschung ein neues Kapitel. Ein Hoffnungsträger des Westens soll am 28. August aus dem Amt gejagt werden.

Die Untersuchung des kanadischen Ermittlers Richard McLaren deckte es auf. Alle halfen in Russland beim Dopen mit: Athleten, Trainer, Funktionäre, das Dopinglabor, die Antidoping-Agentur Rusada und selbst der Kreml. Als Strafe soll Russland für vier Jahre aus dem olympischen Sport verbannt werden. Anfang November finden die Anhörungen statt und einige Wochen später wird das Sportgericht in Lausanne einen definitiven Entscheid fällen.

Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) hat in diesem Zusammenhang auch die nationalen russischen Dopingjäger suspendiert. Dies obwohl ihnen seit 2017 in der Person von Rusada-Generaldirektor Juri Ganus ein eigentlicher Hoffnungsträger vorsteht.

Die Rache für Kritik an der eigenen Führung?

Ganus hat sich nicht gescheut, Täter beim Namen zu nennen. Er zeigt sich in der Öffentlichkeit wild entschlossen, das alte Dopingsystem hinter sich zu lassen und geht mit den vielen weiterhin an Schalthebeln der Sportmacht sitzenden Funktionären und Politikern hart ins Gericht. Dies auch in einem exklusiven Interview mit CH Media im November vergangenen Jahres.

Doch nun geht es ihm selber an den Kragen. Die Aufsichtsbehörde der Rusada hat in einer ausserordentlichen Prüfung «erhebliche Unregelmässigkeiten bei finanziellen und wirtschaftlichen Aktivitäten» festgestellt und empfiehlt die Entlassung von Juri Ganus. Am 28. August soll das Russische Olympische Komitee entscheiden. Dessen Präsident Stanislaw Pozdnykow hat bereits verlauten lassen, er gedenke, die Empfehlung zu befolgen.

Russlands Antidoping-Direktor Juri Ganus.

Russlands Antidoping-Direktor Juri Ganus.

Bild: Artyom Geodakyan/Tass

Ganus werden unter anderem Taxispesen für 154 000 Dollar und als Geschäftsreisen getarnte Urlaubtrips vorgeworfen. Insgesamt seien Ausgaben in der Höhe von 1,5 Mio. Dollar nicht plausibel. Wiederholt steht im Prüfungsbericht als Bemerkung zu den angeblichen Verfehlungen, «es könnte sich um Korruption handeln». In Russland sind Korruptionsvorwürfe ein gern genutztes Instrument, um unliebsame Politiker oder Geschäftsleute aus dem Verkehr zu ziehen. Juri Ganus bestreitet vehement alle Vorwürfe.

Dopingbekämpfer sind «zutiefst besorgt»

Im Westen und bei der Wada reibt man sich verwundert die Augen über das Gebaren in Russland. Der im Grunde vertrauliche Report wurde wider aller Gepflogenheiten öffentlich gemacht. Die Argumente von Ganus wurden gar nicht erwähnt. So führte zum Beispiel einer dieser vermeintlichen Urlaubstrips nachweislich zu einer Tagung des Instituts der nationalen Antidoping-Behörden (iNado) in Lausanne. Es ist ein Zusammenschluss von Agenturen aus 67 Ländern.

Der Mexikaner Jorge Leyva ist CEO der iNado. Auch er ist „zutiefst besorgt“ über die Empfehlung der russischen Aufsichtsbehörde. Er wisse nicht genau, was der Zweck dieser Prüfung gewesen sei, denn normalerweise gebe es eine ordentliche Jahresabschlussprüfung mit einem vorgegebenen Ablauf. «Dabei erhält die Agentur die Möglichkeit, Stellung zu nehmen und kritisierte Punkte zu verbessern», sagt Leyva. Hier sei ganz einfach die Rusada an den Pranger gestellt worden.

Leyva spricht von «unklaren Beweisen» und einer sehr nebulösen Angelegenheit. Er nimmt Rusada-Chef Ganus in Schutz: «Ich denke, es gibt für mehrere Vorwürfe durchaus plausible Erklärungen».

Einmal mehr keine befriedigenden Antworten aus Moskau

Jorge Leyva bezeichnet einen weiteren Punkt, welcher die iNado massiv stört: «Jemand spielt Polizei, Staatsanwalt und Richter in einem!». Dass das Nationale Olympische Komitee über die unabhängige Rusada entscheide, sei ein «krasser Verstoss gegen die Gewaltentrennung und ein ernsthafter Interessenkonflikt».

Leyva sagt: «So lange viele Fragen unbeantwortet bleiben, steht der Verdacht im Raum, dass man sich von einer unbequemen Person trennen will». Er betont, dass die Welt des Sports eine kompetente russische Antidoping-Organisation brauche. Und gerade Ganus hat in den vergangenen zwei Jahren viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit wieder aufgebaut.

Die Wada hat dem russischen olympischen Komitee eine Reihe von Fragen zum aktuellen Fall gestellt. Plausible Antworten hat sie bis heute nicht erhalten. Sollte eine weitere Frist ergebnislos ablaufen, so will der weltweite Wächter über die Antidoping-Arbeit Sanktionen prüfen.

Doch wie sollen diese aussehen? Die Rusada ist bereits suspendiert und gegen das Olympische Komitee Russlands könnte nur das IOC noch schärfer vorgehen. Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich die Herren der Olympischen Ringe damit schwer tun.

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