Der FC Chiasso als letzte Karriereausfahrt? François Affolter will das Gegenteil beweisen

Der ehemalige FCL-Abwehrchef François Affolter versucht, seine Karriere in Chiasso, Tabellenschlusslicht der Challenge League, neu zu lancieren.

Nicola Berger
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François Affolter während eines FCL-Trainings. Zwischen 2014 und 2017 stand er bei den Zentralschweizern unter Vertrag.

François Affolter während eines FCL-Trainings. Zwischen 2014 und 2017 stand er bei den Zentralschweizern unter Vertrag.

Alexandra Wey/Keystone (Luzern, 24. Juni 2017)

2014/15 spielte der FC Luzern eine bäumige Rückrunde, er stürmte unter dem Trainer Markus Babbel auf Platz 5 und qualifizierte sich für das europäische Geschäft. Einer, der die Halbserie in besonders bunten Farben in Erinnerung behalten hat, ist François Affolter (Bild). Wer ihn fragt, wann er letztmals konstant seine besten Leistungen hat abrufen können, erhält zur Antwort: Jene Rückrunde, an der Seite des unverwüstlichen Tomislav Puljic.

Das ist fünf Jahre her, eine Ewigkeit. Und wahrscheinlich erklärt das, warum Affolter jetzt in Chiasso gelandet ist. Chiasso ist nicht nur der finale Ort vor der italienischen Grenze, sondern für Fussballer auch so etwas wie die allerletzte Karriereausfahrt; man landet dort, wenn sich gar nichts anderes mehr findet. Die früheren Nationalspieler Beg Ferati und Alberto Regazzoni liessen sich hier engagieren, ehe sie im Amateur­fussball verschwanden.

Und 2019 mühte sich Philippe Senderos ein halbes Jahr im Stadio Comunale ab, bevor er den Rücktritt erklärte. Aber Senderos war 34 und bereits im Vorruhestand. Affolter ist 29, er müsste in der Blüte seines Schaffens stehen. Er, der als Teenager unter dem heutigen Nationaltrainer Vladimir Petkovic bei YB brillierte, es bis in die Nationalmannschaft und nach Bremen schaffte. Aber als Affolter im Sommer einen Klub suchte, war Chiasso seine einzige Option. Er sagt: «Ich hatte keine anderen Angebote. Corona hat einen Wechsel ins Ausland schwierig gemacht, und meine Leistungen waren zuletzt nicht optimal.»

Letzter Tabellenplatz, aber: «Wir sind nicht so schlecht»

Hinter Affolter liegen diffizile Jahre. 2017 verliess er den FCL in Richtung USA, aber bei den San José Earthquakes kam er in zweieinhalb Jahren nur 20 Mal zum Einsatz. Er sagt, er würde den Transfer trotzdem noch einmal machen:

«Ich hatte immer den Traum, in Amerika zu leben. Und weil ich nichts anderes als Fussball kann, war das meine grosse Chance. Es war eine interessante, lehrreiche Zeit.»

Aber die Realität ist auch: Als Affolter Anfang 2020 in die Schweiz zurückkehrte, im FC Aarau, fehlte es ihm an Selbstvertrauen und Spielpraxis. Man merkte ihm das an, er vermochte die schwächste Abwehr der Liga (80 Gegentore) nicht zu stabilisieren. Die «Aargauer Zeitung» schrieb im Juli nach einem 2:2 gegen Chiasso desillusioniert: «Man glaubt es kaum: Der Mann war einst Nationalspieler! Nun steht er – einmal mehr – bei beiden Gegentoren grob im Schilf.»

Die Karriere verläuft im Sturzflug, scheinbar unaufhaltsam. Vor dem samstäglichen Gastspiel in Kriens (17.30 Uhr) stellt Chiasso mit 16 Gegentoren die anfälligste Defensive der Liga, es hat in sechs Spielen nur einen Punkt geholt, der Abstand auf Platz 9 beträgt bereits acht Punkte. Die Probleme des designierten Absteigers können niemanden erstaunen, der Klub tauscht in praktisch jeder Transferperiode scheinbar wahllos grosse Teile des Kaders aus. Im Sommer gab es sagenhafte 46 Mutationen, davon 26 Zuzüge. Aber immerhin hat Affolter seinen Optimismus nicht verloren. Der Bieler sagt, es fühle sich so an, als würden sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln: «Der Trainer vertraut mir, ich fühle mich wohl. Und wir sind nicht so schlecht, wie es die Tabelle vermuten lässt. In dieser Liga kann jeder jeden schlagen. Wir haben noch gegen keinen Gegner gespielt, der uns auseinandergenommen hätte.»

Aktuell laboriert Affolter an einer Zerrung, aber sobald sie auskuriert ist, will er Eigenwerbung betreiben; zumindest bis 32 möchte er noch weiterspielen. Affolter hofft, dass sich Chiasso doch nicht als letzte Karriereausfahrt erweist.